Klimawandel Experte: Deutschland hat in 20 Jahren so viel Wasser verloren, wie in den Bodensee passt

Böden trocknen immer mehr aus, Flusspegel sinken. Welche Regionen Deutschlands sind am meisten betroffen? Was kann gegen Wasserknappheit getan werden? Darüber sprechen wir mit dem Diplom-Hydrologen Dietmar Mehl.

fließendes Wasser läuft in eine Hand
Trinkwasser wird nach Angaben des Bundeszentrums für Ernährung zu 62 Prozent aus Grundwasser gewonnen. Bildrechte: Colourbox.de

Klimawandel und Wasserknappheit Der Klimawandel führt zu mehr Trockenheit. Durch höhere Temperaturen verdunstet mehr Wasser, beim zunehmenden Starkregen perlt das Wasser von der Oberfläche ab. Die Grundwassermenge geht zurück, Böden werden trockner.

In welchen Regionen Deutschlands droht Wasserknappheit?

Dietmar Mehl: Das Thema Wasserknappheit ist zunächst eine Frage der Perspektive, das heißt, des angestrebten Nutzens. Wasserknappheit kann also Gefahren bergen, etwa für die Trinkwassernutzung, die Bewässerung von Kulturen, die Kühl- und Brauchwassernutzung oder auch die Schifffahrt auf Binnenwasserstraßen. Wasserknappheit kann zunächst grundsätzlich überall auftreten. Besonders betroffen sind immer niederschlagsbenachteiligte Regionen in Deutschland; das gilt zuvorderst für größere Teile der neuen Bundesländer. Bei der mittleren Jahressumme der klimatischen Wasserbilanz nach Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für die Zeitperioden 1961 bis 1990 sowie 1981 bis 2020 zeichnet sich kurioserweise optisch nahezu die komplette ehemalige DDR mit negativen Werten ab; die DDR wird sozusagen "nachgezeichnet". Mit der klimatischen Wasserbilanz als Differenz aus Niederschlag und potentieller Verdunstung wird berechnet, inwieweit der Verdunstungsanspruch der Atmosphäre durch das Niederschlagsdargebot im Mittel der zugrunde gelegten Zeitreihe theoretisch befriedigt werden kann. Negative Werte weisen übrigens auf Trockenheit hin, was die verbreitete Problemlage verdeutlicht. Wasserknappheit in großen Flüssen und Strömen ist dagegen regelmäßig eine Folge verringerten Abflusses in den fluss-/stromoberhalb gelegenen Einzugsgebietsteilen. Die Ursache kann damit auch in anderen europäischen Ländern liegen, zum Beispiel Schweiz, Tschechien und Polen.

Dietmar Mehl
Dietmar Mehl ist Diplom-Hydrologe. Bildrechte: Dietmar Mehl

2016 wurden die Grundwasserstände bundesweit gemessen. Nur vier Prozent der 1.200 Grundwasserkörper in Deutschland waren in einem schlechten Zustand. Grace-Satelliten haben über einen Zeitraum von 20 Jahren herausgefunden, dass der Wasserrückgang in Deutschland etwa 2,5 Gigatonnen oder Kubikkilometer im Jahr beträgt. Damit gehören wir zu den Regionen mit dem höchsten Wasserverlust weltweit. Wie passt das zusammen?

Dietmar Mehl: Bei der Einstufung des Zustandes der Grundwasserkörper nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie wird in Deutschland die Grundwasserverordnung angewandt und umgesetzt. Im Hinblick auf die Bewertung des sogenannten "mengenmäßigen Grundwasserzustands" wird neben anderen bewirtschaftungsrelevanten Kriterien insbesondere geschaut, ob die "Entwicklung der Grundwasserstände oder Quellschüttungen zeigt, dass die langfristige mittlere jährliche Grundwasserentnahme das nutzbare Grundwasserdargebot nicht übersteigt" (§ 4 GrwV). Die Bewertung erfolgt für repräsentative Grundwassermessstellen anhand von langjährig erfassten Daten. Insbesondere wird die Grundwasserbilanz berechnet – die Differenz aus Grundwasserdargebot und genutztem Dargebot – diese muss positiv sein. Auch die Tendenz der Wasserstandsdaten wird analysiert. Ein fallender Trend ist ein Hinweis auf entsprechende regionale Probleme; erst statistische Signifikanz macht einen Trend aussagesicher. Nach diesen Maßgaben von WRRL/GrwV sind nur vergleichsweise wenige Wasserkörper deutschlandweit als nicht gut identifiziert worden.

Die Ergebnisse, die sich auf Grund der Gravitations-Daten der Grace-Satelliten ergeben, sagen in der Tat etwas anderes. Nach meinem Kenntnisstand sind es aber bestimmte Regionen, die nach diese Daten besonders viel Wasser verloren haben: Gebiete in der Lüneburger Heide, in Baden-Württemberg und in Bayern. Egal, der offenkundige Wasserverlust ist auf jeden Fall sehr groß – in 20 Jahren so viel wie in den Bodensee passt. Wie der Unterschied genau zu erklären ist, kann ich nicht sicher sagen. Zu vermuten ist, dass sich größere Wasserverluste zunächst in den Böden zeigen. Dies zeigen ja auch die Daten des Dürremonitors Deutschland an. Die meisten Böden liegen, zum Teil deutlich, über dem Grundwasserspiegel. Grundwasserferne und bindige Böden (tonig, lehmig) haben bereits bei Betrachtung von nur zwei Meter Bodensäule ein Wasserbindevermögen gegen die Schwerkraft von einigen 100 Litern je Quadratemeter Bodenoberfläche – das sind bereits mehrere 1.000 Kubikmeter je Hektar. Viele Böden sind in den vergangenen Jahren durch hohe Verdunstung aber stark ausgetrocknet. Das wird mit dem mengenmäßigen Grundwasserzustand nicht oder nur teilweise bei grundwassernahen Böden, insbesondere Mooren, erfasst. Zudem reagiert das System – Boden, Grundwasserneubildung und Grundwasserabfluss – auch im Regelfall träge, weil hier zum Teil längere Prozesszeiten zu veranschlagen sind. Ich vermute aber, dass sich die Wasserhaushaltsprobleme zunehmend auch im mengenmäßigen Grundwasserzustand zeigen werden, zumal das Grundwasser immer stärker genutzt wird, zum Beispiel für landwirtschaftliche/gartenbauliche Bewässerung. Wir schauen bei derartigen Bewertungssystemen am Ende auch immer in die Vergangenheit, was natürlich Gefahren birgt.

Hat die Politik das Voranschreiten des Klimawandels unterschätzt? Wo sollte sie schnell(er) handeln?

Dietmar Mehl: Ja, früher ohnehin, aber jetzt auch noch. Nach wie vor wird gesamtgesellschaftlich immer noch viel zu wenig Geld in die Hand genommen, um a) den Klimawandel zu bekämpfen (Stichwort "Treibhausgasfreisetzung") und b) sich an das bereits veränderte und sich auf jeden Fall weiter wandelnde Klima anzupassen. Beim Aspekt der Bekämpfung des Klimawandels kommt nun vor allem auf Grund der aktuellen energiepolitischen Krise langsam Bewegung rein. Bei der Klimaanpassung wird viel geforscht und strategisch vorgedacht, aber es muss vor allem deutlich mehr Geld in das System – zum Beispiel auch für die Kommunen, aber auch für die Wasserwirtschaft und benachbarte Felder für etwa Waldwirtschaft, Moorschutz, Bodenschutz, Naturschutz, usw.

Außerdem muss das im wahrsten Sinne des Wortes systematischer und auch synergistischer gedacht werden. Wasserwirtschaft kann zum Beispiel im engeren Sinne nur an den Gewässern oder an den technischen Systemen ansetzen und agieren, aber wir brauchen Maßnahmen in den Einzugsgebieten – zum Beispiel Waldumbau, mehr Grundwasserneubildung, mehr Wasserrückhalt in Mooren und Feuchtgebieten, etc. Die Politik muss viel mehr Geld bereitstellen. EU, Bund und Länder sind hier zunächst gefragt. Auch bedarf es mehr strategischer Arbeit, auch unter Einschluss von entsprechenden Fachaufträgen an Dritte, und damit auch deutlich mehr Personal in den Wasserwirtschaftsverwaltungen.

Nach meiner Erfahrung mit der Bundes- und der Länderpolitik ist Geld da für alle möglichen Sachen. Nicht, dass nicht viele finanzielle Entscheidungen notwendig waren oder sind. Aber es fällt schon auf, dass insbesondere umweltbezogene Finanzprogramme, die nun wirklich unsere Zukunft betreffen, nach wie vor kaum oder sehr schlecht finanziell ausgestattet sind. Zukunftsvorsorge ist am Ende auch und gerade nachhaltige Sozialpolitik! Die Länder setzen zum Beispiel seit 2000 die Europäische Wasserrahmenrichtlinie um, deren strategisches Ziel der gute Zustand/das gute Potenzial der Gewässer ist.

Keine zehn Prozent der Oberflächengewässer weisen einen guten ökologischen Zustand auf. Viele Länder geben nur zehn, 15 Millionen Euro je Jahr direkt für entsprechende Programme aus – und das noch unter sehr starkem Rückgriff auf EU-Geld. Die finanzielle Dimension ist angesichts des gewaltigen Bedarfes ein Witz. Gesellschaftlich und politisch ist das Thema offenbar nicht wichtig.

Die Politik muss viel mehr Geld bereitstellen. EU, Bund und Länder sind hier zunächst gefragt.

Dietmar Mehl, Hydrologe

Sie führen bundesweit Projekte zur Verbesserung der Wasserwirtschaft durch, u.a. für die "Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser". Was erschwert die Planung von Projekten, die einer nachhaltigen Gewässerbewirtschaftung gerecht werden sollen?

Dietmar Mehl: Bundesweite Projekte zu Wasserhaushaltsfragen werden stark durch fehlende, unvollständige oder nicht kohärente Daten erschwert. Der Föderalismus ist in dieser Hinsicht ein ernstliches Hindernis. Zwar verbessert sich durch die Umsetzungsverpflichtungen europäischer Umweltrichtlinien nach und nach die Datensituation, auch im Sinne der Einheitlichkeit. Aber nach wie vor ist es schon bemerkenswert, wie unterschiedlich der Umgang mit Daten und Informationen erfolgt. Dateninhalte und -strukturen sowie die Verfügbarkeit unterscheiden sich von Land zu Land. Der Aufwand, alleine zur Datenbeschaffung, ist immens und auch unter volkswirtschaftlichem Blickwinkel nicht zu rechtfertigen.

Der Föderalismus ist in dieser Hinsicht ein ernstliches Hindernis. [...] Dateninhalte und -strukturen sowie die Verfügbarkeit unterscheiden sich von Land zu Land.

Dietmar Mehl, Hydrologe

In bestimmten Fällen ist keine Bewilligung zur Grundwasserentnahme nötig. Da gibt es Freientnahmebeträge, die in den Bundesländern unterschlich geregelt sind. Wo sehen Sie hier Probleme?

Dietmar Mehl: Der Gesetzgeber hat nach § 46 Wasserhaushaltsgesetz die Möglichkeit eingeräumt, dass eine Grundwasserentnahme erlaubnis- oder bewilligungsfrei ist, wenn diese keine signifikanten nachteiligen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt hat. Einzelne Bundesländer haben im Rahmen landesrechtlicher Vorschriften hierzu Bagatellgrenzen definiert, zum Beispiel eine Jahresentnahme von 2.000 Kubikmeter. Ich fände es angesichts der zunehmenden Probleme mit dem Wasserhaushalt deutlich zielführender, jeden Einzelfall umweltfachlich/wasserwirtschaftlich umfassender zu prüfen, auch um die zunehmende Wasserkonkurrenz angemessen zu steuern (vgl. Allgemeine Grundsätze der Gewässerbewirtschaftung gemäß § 6 Wasserhaushaltsgesetz). Nach meiner Erfahrung muss zudem der Gewinnung von möglichst realitätsnahen Daten zu Wasserentnahmen deutlich mehr Augenmerk geschenkt werden; solche Daten müssen dann nach hydrologischen und hydrogeologischen Prämissen im Sinne des Schutzes der Wasserressourcen bzw. des -dargebots ausgewertet werden.

Verfügen wir auf Bund- und Länderebene über eine nachhaltige Strategie, um auf den Klimawandel zu reagieren und Ressourcen wie Wasser zu schonen? Wie sehen Sie die geplante "Nationale Wasserstrategie" der Bundesregierung, die die Versorgung mit sauberem Trinkwasser sicherstellen soll?

Dietmar Mehl: Bund und Länder arbeiten strategisch und konzeptionell hauptsächlich im Rahmen der "Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser" (LAWA) zusammen. Zum Thema Klimawandel gibt es eine ganze Reihe von LAWA-Veröffentlichungen; auch ist die Thematik grundsätzlich in die nationale Umsetzung von Europäischer Wasserrahmenrichtlinie und Europäischer Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie integriert. Es ist also viel aufgeschrieben und es gibt "tolle" Definitionen und Codes. Gerade im Bereich Klimaanpassung halten aber die Umsetzungen und wirkliche Fortschritte nicht annähernd Schritt mit den Notwendigkeiten. Auch werden nach wie bestehende Synergien zwischen Handlungsfeldern nicht oder nur ungenügend genutzt.

Ich habe selber als Sachverständiger in einem zweijährigen Dialogprozess an der Erarbeitung der nationalen Wasserstrategie des Bundesumweltministeriums mit Perspektive auf das Jahr 2050 mitgewirkt. Hier gibt es auch wieder viel Richtiges. Doch war ich ziemlich ernüchtert, dass dann die damalige Bundesumweltministerin Schulze im Jahr 2020 verkündete, wie ernst man das alles wirklich ernst nehmen wolle und eine Milliarde Euro (!) als Bund zusätzlich bereitstellen wolle, in den nächsten zehn Jahren (!). Das sind angesichts der Dimension unserer Probleme nahezu lächerliche 100 Millionen Euro je Jahr und das bei der bundesweiten Perspektive.

Was kann jeder Einzelne tun, um die Ressource Wasser zu schonen?

Dietmar Mehl: Die Bürger sollten sich zunächst vor allem bewusst werden, dass der Klimawandel real ist. Dies wird von Teilen der Bevölkerung noch immer in Abrede gestellt oder verdrängt. Wir müssen uns dem stellen, was auch bedeuten muss, dass jeder zunächst seinen Beitrag leistet, um die Treibhausgasfreisetzungen zu verringern – insbesondere mit Energie und Ressourcen bewusst und sparsam umgehen. Zum anderen ist die Klimaanpassung wichtig. Auch im Umgang mit Wasser ist bewusstes und sparsames Agieren sehr hilfreich. Jedem sollte klar sein, dass die beiden meteorologisch-hydrologischen Extreme Sturzfluten/Starkregen/Hochwasser sowie Trockenheit/Dürre/Niedrigwasser die zentralen Gefahren im Hinblick auf den Wasserhaushalt bilden. Gerade wer ein eigenes Grundstück hat, kann hier seinen Beitrag leisten – zum Beispiel Regenwasserspeicherung und -nutzung, statt schneller Ableitung von Niederschlagswasser, Orientierung auf Versickerungslösungen und damit auch bessere Wasserversorgung der Böden und höhere Grundwasserneubildung, Pflanzen von Bäumen und Begrünung von Dächern und Fassaden zur Beschattung und besseren Kühlung.

Zum Experten Dietmar Mehl hat an der TU Dresden Hydrologie studiert. Promoviert hat er in Landschaftsökologie und in physischer Geographie. Außerdem ist er vereidigter Sachverständiger für die Themen "Gewässerschutz" und "Naturschutz und Landschaftspflege".

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 02. August 2022 | 20:15 Uhr

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