Prozess zum Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe Der plötzliche Wunsch nach mehr Diversität

Mehr Diversität unter den Schöffen fordern die Verteidiger der Angeklagten im Prozess zum Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe. MDR-Autorin Nadja Malak war beim Prozessauftakt am 28. Januar dabei und findet das absurd. Warum, das erklärt sie zum heutigen zweiten Prozesstag.

Nadja Malak und Grünes Gewölbe Schmucksaal
Das Landgericht Dresden kämpft im Zuge des Prozesses um den Einbruch in das Grüne Gewölbe mit einer Flut an Klagen, sagt MDR-Autorin Nadja Malak. Bildrechte: Nadja Malak/MDR - dpa

Heute beginnt um 9:45 Uhr beginnt der zweite Verhandlungstag zum Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe. Die Jugendkammer muss dann über eine Reihe von Anträgen entscheiden, die zum Auftakt am 28. Januar von den Verteidigern gestellt wurden.

In der Vorbereitung auf den Prozess hatte ich mit Staatsanwälten in Berlin gesprochen. "Das machen die Verteidiger immer", erklärten sie mir unisono, "sie überschwemmen das Gericht mit Anträgen, um auszuloten, wie weit sie gehen können." Diese "Überschwemmung" findet also auch in Dresden statt und beschäftigt sich erst einmal mit der Nebenklage.

Grundsätzlich ist es in einem Diebstahlsverfahren sehr ungewöhnlich, dass ein "Opfer" als Nebenkläger auftritt. Noch ungewöhnlicher erscheint es, dass sich der Freistaat Sachsen erst am 25.1.2022 – also drei Tage vor Prozessbeginn – dazu entschlossen hat, als Nebenkläger an dem Verfahren teilzunehmen.

Vitrine im Grünen Gewölbe 60 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/Staatliche Kunstsammlungen Dresden | Alexander Peitz

Warum erst so spät? Diese Frage steht im Raum und hinterlässt den Eindruck von schlechter Vorbereitung und Unwissenheit. Und dann ist da noch die Entscheidung des Vorsitzenden Richters, der Nebenklage sofort Akteneinsicht zu gewähren – noch bevor diese überhaupt zugelassen ist. Die Verteidiger und ihre Mandanten wurden dazu gar nicht gehört. Das hinterlässt einen schalen Beigeschmack.

Flut von Anträgen

Noch bevor am ersten Verhandlungstag die Anklage verlesen wird, werden bereits die ersten Anträge dazu eingereicht. Die Zuschauer im Saal bekommen einen ersten Eindruck von den Top-Juristen, die die Angeklagten vertreten. Darunter übrigens ein Hochschulprofessor, der bereits Altbundespräsident Christian Wulff vertrat.

Ein Antrag, wonach das Jugendstrafverfahren gegen Mohammed Remmo und seinen Zwillingsbruder Abdul Majed abzutrennen sei, ist auch für juristische Laien nachvollziehbar.

Auch drittes Geschlecht als Schöffen?

Nicht nachvollziehbar wird es, wenn es um die Zusammensetzung der Schöffen geht. Mit vielen Worten erklärt die Verteidigung, dass ein Jugendschöffengericht paritätisch mit einem Mann als Schöffen und einer Frau besetzt sein muss. Nun hätte der Gesetzgeber aber schon Ende 2018 festgelegt, dass es ein drittes Geschlecht gibt. Und Menschen, die sich als divers bezeichnen, würden ausgeschlossen, so die Verteidigung. Es stelle sich die Frage, ob nicht auch das dritte Geschlecht als Schöffe eingesetzt werden müsse. Das solle jetzt bitte erst einmal das Bundesverfassungsgericht entscheiden, fordern die Verteidiger der Angeklagten.

Wie bitte? Bei den anwaltlichen Ausführungen sieht man hier und da die Angeklagten verstohlen grinsen.

Ich bin sehr für Gleichberechtigung und Vielfalt in der Gesellschaft. Aber hier schießen die Verteidiger über das Ziel hinaus. Die Angeklagten leben in einem patriarchalischen System, in dem man innerhalb der Großfamilie heiratet. Die Ehen werden meist arrangiert. Eine Wahl haben die Frauen oft nicht, und so kann man häufig von Zwangsehen sprechen.

Ich bin sehr für Gleichberechtigung und Vielfalt in der Gesellschaft. Aber hier schießen die Verteidiger über das Ziel hinaus. Die Angeklagten leben in einem patriarchalischen System, in dem man innerhalb der Großfamilie heiratet.

Nadja Malak

Professor Matthias Rohe von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen schreibt dazu in einer Studie zu Berliner arabischstämmigen Clans und deren Paralleljustiz, dass insbesondere den weiblichen Angehörigen wenig oder überhaupt keine Selbständigkeit zugebilligt werde.

Die jungen männlichen Mitglieder, die in Dresden auf der Anklagebank sitzen, sind in dem System aufgewachsen und leben es. Und ihre Anwälte fordern jetzt Gleichberechtigung und Diversität ein. Absurder geht es eigentlich nicht.  

Nun wurde die erste Entscheidung schon vor dem Verhandlungstag bekannt. Die Nebenklage wird nicht zugelassen. Vielleicht resultierte dies aus dem voreiligen Vorgehen des Gerichts. Denn am 28.1. waren Sitzplätze mit Namensschildchen versehen worden. Diese werden jetzt endgültig verschwinden. Diskutiert wird heute aber wohl weiter. Denn schon wollen bestens informierte sogenannte Experten wissen, dass der Prozess platzen könnte. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Dieser Prozess wird fortgeführt werden.

Ich bin gespannt, ob es heute zum zweiten Prozesstag am 11. Februar weitere Anträge der insgesamt 13 Verteidiger geben wird oder ob endlich verhandelt wird. Geplant ist, mit der Beweisaufnahme zu beginnen. Als erste Zeugen sind die Wachleute aus dem Grünen Gewölbe geladen.

Mehr zum Prozess um den Einbruch ins Grüne Gewölbe

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Februar 2022 | 19:30 Uhr

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