Corona-Virus Intensivmediziner: Weniger Covid-Patienten auf Intensivstationen durch Kortisongaben

Vor allem der Einsatz von Kortison führte in der zweiten Corona-Welle zur prozentualen Halbierung des Anteils der Patienten, die mit einer Covid-Erkrankung ins Krankenhaus kamen und dann auf die Intensivstationen mussten, sagt Intensivmediziner Dr. Christian Karagiannidis. Dies sei ein Verdienst ausländischer Studien, betont der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und fordert mehr staatliche Subvention für die Forschung hierzulande.

Eine Ärztin auf Intensivstation
Die Sterblichkeit der beatmeten Patienten hat sich im Vergleich zur ersten Corona-Welle kaum verändert, erklärt Intensivmediziner Dr. Christian Karagiannidis. Bildrechte: IMAGO / Max Stein

Wie haben sich im Vergleich zur ersten Welle die Zahlen der Corona-Patienten auf den Intensivstationen entwickelt?

Dr. Christian Karagiannidis: Wir haben noch einmal eine Zwischenauswertung gemacht von den Daten: Dort haben wir gesehen, dass wir in der Spitze doppelt so viele Patienten auf der Intensivstation hatten. Was wir leider auch gesehen haben, ist, dass sich die Sterblichkeit der beatmeten Patienten kaum verändert hat in der zweiten Welle. Wir sind nicht wesentlich besser geworden. Eine positive Nachricht ist aber, der Altersschnitt der Überlebenden und Verstorbenen war jetzt auch bis in den Dezember hinein gleich. Das bedeutet übersetzt, dass wir in der Intensivmedizin die Situation hatten, dass wir einem Patient ein Bett anbieten konnten, selbst mit diesen 6.000 Patienten auf Intensivstationen, und dass wir gerade ältere Patienten nicht ausschließen mussten, so wie das in Italien der Fall war. Das ist für mich ein ziemlich positiver Aspekt dieser gleichbleibenden Altersstruktur.

Was hat sich bei den Behandlungsmöglichkeiten verändert?

Dr. Christian Karagiannidis: Bei der Behandlung haben wir an der ein oder anderen Stelle dazugelernt. Wir haben eine große, deutschlandweite Leitlinie zur Behandlung der Patienten im Krankenhaus, die jetzt noch einmal angepasst worden ist. Was wir wirklich gelernt haben ist, dass Kortison einen sehr guten Effekt hat, um diesen Entzündungsanteil der Erkrankung zu bekämpfen. Das hat uns sicherlich sehr geholfen, dass einige Patienten nicht auf die Intensivstation mussten.

Wir haben zudem gelernt, dass diese Erkrankung dazu neigt, dass sich viele Blutgerinnsel im Körper bilden und dass eine Blutverdünnung, wenn man sie frühzeitig einsetzt, auch einen guten Effekt hat. Auf der anderen Seite haben wir auch gelernt, dass Hoffnungsträger, die wir am Anfang hatten, wie das Remdesivir zum Beispiel, was ja sehr gehypt worden ist – auch von ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump – dass es eben nicht diese Wirkung hat, die wir uns versprochen haben.

Was wir wirklich gelernt haben ist, dass Kortison einen sehr guten Effekt hat, um diesen Entzündungsanteil der Erkrankung zu nehmen.

Wie ist Ihrer Meinung nach die staatliche Subvention bei der Forschung zur Behandlung von Corona-Patienten zu bewerten?

Dr. Christian Karagiannidis: Wir haben zum einen in Deutschland eine neue Situation, dass wir Forschungsgelder aus verschiedenen Töpfen bekommen: vom Bundesministerium, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aus verschiedenen anderen Quellen. Was uns aber gerade die erste Welle noch mal extrem eindrucksvoll gezeigt hat, ist, wie toll die Engländer das gemacht haben, wie viele Patienten sie in klinische Studien gekriegt haben. Und aus diesen Studien wissen wir zum Beispiel, dass das Kortison so eine unglaublich gute Wirkung hat. Und auf der anderen Seite haben wir das in Deutschland nicht geschafft. Und für mich ist das eine der ganz großen Lehren dieser Pandemie. Dass wir viel, viel mehr in die klinische Forschung investieren müssen, dass wir uns in Deutschland wesentlich besser vernetzen müssen unter den Kliniken und dass wir versuchen müssen, ähnlich wie die Engländer, solche großen Studien aufzuziehen. Und ich denke, dass wir da deutlich mehr unseres Bruttoinlandsproduktes für die Forschung investieren sollten.

Sie sprachen von der vorbildlichen Vernetzung der Kliniken in Großbritannien. Warum gelingt das in Deutschland nicht?

Dr. Christian Karagiannidis: In England gibt es eine sehr alte Tradition, dass man wissenschaftlich auch zwischen den Krankenhäusern extrem gut zusammenarbeitet. Ich glaube, man gönnt sich untereinander auch den Erfolg. Das Gleiche gilt auch für Frankreich. Und da sind wir in Deutschland doch ein bisschen zurückhaltender, sowohl was die Förderung betrifft, von solchen großen Projekten, als auch die Zusammenarbeit zwischen den Kliniken. Ich glaube, es wäre wirklich gut, wenn wir eine zentrale Koordinierung hätten. Und wir sind ein bisschen auf dem Weg dahin, dass die Universitätskliniken sich mehr zusammenschließen. So machen es die Franzosen zum Beispiel in der Intensivmedizin und haben einen gigantischen Erfolg in den letzten Jahren.

Wie sehen Sie die Gefahr einer dritten Welle?

Dr. Christian Karagiannidis: Wir haben Prognosemodelle erstellt von unserer Fachseite aus, die ganz klar gezeigt haben: Wenn wir jetzt wieder öffnen und sich dann das Virus besonders schnell verbreitet – und da ist ein Nachteil diese britische Mutante – dann bleibt uns eine dritte Welle auf der Intensivstation nicht erspart. Das müssen wir unbedingt verhindern, weil das Personal einfach viel zu erschöpft ist, noch einmal so viele Patienten zu behandeln. Was wir auch sehr schön zeigen konnten, ist, dass, wenn wir uns jetzt richtig beeilen mit dem Impfen, dass wir eine realistische Chance haben, diese dritte Welle zu verhindern. Und deswegen ist mein Credo ganz klar: Wir müssen noch ein bisschen die Füße still halten. Das bedeutet nicht, dass man alles geschlossen halten muss. Wenn wir jetzt über Öffnungsmaßnahmen diskutieren, was in meinen Augen durchaus legitim ist und was man auch tun sollte, dann dürfen wir nicht den Fehler machen, dass wir einfach unkontrolliert öffnen und sich das Virus einfach so verbreitet. Sondern wenn wir das tun, müssen wir das unter strengsten Kontrollen machen. Und unter "ganz intensivem Testen" und unter "strengen Kontrollen" verstehe ich, dass am Eingang kontrolliert wird, ob die Maske richtig sitzt, etc. Dann haben wir auch eine realistische Chance.

Was sagen Sie zu "Mehr Testen"?

Dr. Christian Karagiannidis: Für mich ist das Testen ein absoluter Schlüssel. Wir haben bisher kein Land auf der Welt, was es geschafft hat, die britische Mutante nach der Wiedereröffnung wirklich unter Kontrolle zu halten. Gucken Sie in die Slowakei, gucken Sie nach Frankreich, wo auch immer Sie hingucken, gehen die Zahlen gerade wieder richtig steil nach oben. Und wir werden das nur unter Kontrolle halten können, wenn wir richtig reagieren. Und dazu gehört  in erster Linie das Testen der Lehrer, genauso wie auch die Erzieher in den Kindergärten und in den Kitas. Vielleicht auch, dass man die Kinder zumindest einmal die Woche abstreicht. Und in Österreich funktioniert das im Moment ganz hervorragend.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. März 2021 | 21:00 Uhr

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