Lohnfortzahlungen Arbeitgeber: Kurzarbeit statt Krankengeld ist nicht rechtens

Dürfen Arbeitgeber ihre Beschäftigten auf Kurzarbeit setzen, statt Krankengeld zu zahlen, wenn sie sich krankmelden? Das will eine MDR AKTUELL-Hörerin wissen. Sie berichtet von so einem Fall in einem mittelständischen Unternehmen. Außerdem fragt sie, ob dieses Vorgehen nicht für Probleme mit der Krankenkasse sorgt, vor allem, wenn es sich um einen längeren Arbeitsausfall handelt.

Antrag auf Kurzarbeit.
Kurzarbeit ist für den Arbeitgeber günstiger als Krankengeld. Bildrechte: imago images/foto2press

  • Bei krankheitsbedingtem Arbeitsausfall haben Angestellte Anspruch auf sechs Wochen Lohnfortzahlungen.
  • Kurzarbeit anzumelden ist für den Arbeitgeber günstiger, als den vollen Lohn zu zahlen. Rechtens ist das aber nicht, da Kurzarbeit wirksam angeordnet werden muss.
  • Beschäftigte können das Krankengeld rechtlich einfordern oder sich direkt an die Krankenkasse wenden.

Kurzarbeit statt Krankengeld – wenn Till Bender das hört, kann sich der Sprecher der DGB Rechtsschutz, einer Tochtergesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), nur die Haare raufen. Die DGB Rechtsschutz berät und vertritt mehr als sechs Millionen Gewerkschaftsmitglieder in Rechtsfragen: "Da klappen sich mir die Fußnägel hoch, wenn ich das so flapsig sagen darf."

Bender sagt, Kurzarbeit und Krankengeld seien zwei völlig verschiedene Mechanismen, "die hier offenbar verwechselt oder bewusst missbraucht werden."

Im Krankheitsfall: Sechs Wochen Anspruch auf vollen Lohn

Dem DGB-Sprecher zufolge ist klar, dass eine Person, die krank ist und deshalb nicht arbeiten kann, für sechs Wochen Anspruch auf den vollen Lohn hat. Den müsse der Arbeitgeber zahlen. Zahle ein Arbeitgeber im Krankheitsfall nicht, sondern verweise die betroffene Person an andere Stellen, ziehe er sich aus der Verantwortung, sagt Bender: "Der Arbeitnehmer steht dann natürlich schlecht da."

Für den Arbeitgeber fällt dieses Vorgehen dagegen günstig aus. Denn das Kurzarbeitergeld ist weit weniger als das Krankengeld. Es beträgt nur etwa 60 Prozent des Gehalts. Wie Till Bender erklärt, zahlt es außerdem nicht der Arbeitgeber, sondern die Sozialversicherung und damit die Gemeinschaft. Grund ist, dass das Kurzarbeitergeld eine Leistung der Bundesagentur für Arbeit ist.

Kurzarbeit nur per Vereinbarung

Der Fachanwältin für Arbeitsrecht Nathalie Oberthür zufolge gibt es für das Kurzarbeitergeld deswegen auch klare Vorgaben. Für den Mitarbeiter stelle sich zunächst die Frage, ob überhaupt wirksam Kurzarbeit angeordnet worden sei: "Das kann der Arbeitgeber eigentlich nicht einseitig beschließen, sondern Kurzarbeit muss entweder durch Vereinbarung mit dem Arbeitnehmer oder mit dem Betriebsrat angeordnet werden."

Grundlage dafür könne nur sein, dass es im Unternehmen weniger Aufträge oder weniger Arbeit gibt und deswegen weniger gezahlt werden könne, betont die Fachanwältin. Das sei nicht der Fall, wenn eine oder ein Angestellter krank sei.

DGB: Krankengeld bei der Kasse sichern

Wer trotzdem in diese Situation gerät, kann rechtlich gegen den Arbeitgeber vorgehen. Nach Erfahrung von Till Bender vom DGB ist das allerdings ein Weg, den viele scheuen. Denn wenn kein Kündigungsschutzgesetz gelte, könne der Rechtsweg möglicherweise bedeuten, dass der Job schnell weg sei. Für Bender ist deshalb klar: "Ich rate dazu, auf jeden Fall zur Krankenkasse zu gehen und sich zumindest Krankengeld zu sichern. Das bekäme man nach sechs Wochen ohnehin, aber wenn der Arbeitgeber nicht zahlt auch schon ab dem ersten Tag."

Auch Katrin Lindner von der Techniker Krankenkasse Sachsen hält das für die beste Idee: "Das ist für den Arbeitnehmer viel gerechter und günstiger. Es ist auch gesetzlich so geregelt, dass der Arbeitnehmer Anspruch auf Entgeltfortzahlung in Höhe seines Einkommens hat."

In diesem Fall zahle am Ende doch der Arbeitgeber, erklärt Lindner. Denn das Geld, das die Krankenkasse dann ab Tag eins auszahle, hole sie sich später wieder vom Arbeitgeber zurück.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 18. November 2021 | 06:24 Uhr

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