Wetterkatastrophe 15 Jahre nach Kyrill: Schadensbilanz und weiter offene Fragen

Vom 18. zum 19. Januar 2007 fegte Kyrill über Europa hinweg. Schäden in Höhe von fünf Milliarden hinterließ er in Deutschland. Wo muss immer noch aufgeräumt werden? Welche Lehren wurden gezogen, um sich besser vor Wetterkatastrophen zu schützen?

Unwetter
Kyrill erreichte Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 18. Januar 2007 zur Mittagszeit wird ein LKW auf der Reichenbacher Talbrücke durch eine Windböe umgestoßen. So beginnt vor 15 Jahren der schlimmste Wintersturm, den Deutschland in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. "Kyrill" fordert weltweit 47 Todesopfer, darunter 13 Deutsche. Er führt zu zahlreichen Verletzten, verwüstet Städte sowie Natur und richtet einen Schaden von mehr als fünf Milliarden Euro an.

Heute sind die wirtschaftlichen Schäden zwar größtenteils überwunden, doch das Erlebte wird man so schnell nicht vergessen. Im Gegenteil: Die Sturmflut 2021 im Ahrltal hat es uns wieder daran erinnert, wie sehr der Mensch den Naturgewalten ausgeliefert ist.

Orkan - Kyrill - bläst einer jungen Frau in Northeim den Schirm davon.
Am Mittag des 18. Januar 2007 erreichte Kyrill Deutschland. Bildrechte: imago/Hubert Jelinek

So wütete Kyrill am 18./19. Januar 2007

Von der englischen Westküste zum europäischen Festland

Ein ungewöhnlich warmer Tag ging dem voraus, was sich als eine der größten Naturkatastrophen für Mitteldeutschland entpuppen sollte. Der Wetterbericht spricht am 17. Januar eine Unwetterwarnung für den Folgetag aus. In Deutschland geht das gesellschaftliche Leben dennoch weiter. Am darauffolgenden Morgen folgen jedoch die ersten schockierenden Bilder. Der Orkan trifft die englische Westküste und Bilder von ungeahnter Zerstörungskraft erreichen auch uns. Schiffe geraten in Seenot, Dächer werden von Häusern gerissen und "Kyrill" fegt aufs zum europäischen Festland.

Fahrbahnen unpassierbar, Bahn steht still

Bis zum Abend des 18. Januar werden Brücken und ganze Streckenabschnitte für den Verkehr gesperrt. LKW-Fahrer und werden aufgerufen, so schnell wie möglich Rastplätze aufzusuchen. Betriebe schicken ihre Mitarbeiter, Schulen ihre Schüler nach Hause. Die Deutsche Bahn fährt nach und nach den Betrieb runter, bis sie ihren Fernverkehr 19 Uhr vollständig einstellt. So etwas musste  die Bahn in ihrer gesamten Geschichte nicht anordnen. Passagiere, die an den Bahnhöfen gestrandet sind, können nicht weiter. Sie stecken fest. Daraufhin öffnet die Bahn ihre Züge als Schlafquartiere für die Reisenden. Deutschland steht Kopf.

Überschwemmungen, entwurzelte Bäume und umgeworfene Fahrzeuge

Während sich an den Gebirgskämmen Geschwindigkeiten von mehr als 200 km/h entwickeln, jagt das Sturmtief mit 130 Stundenkilometern in der Nacht zum 19. Januar über die Niederungen. “Kyrill” zieht eine Schneise der Verwüstung nach sich. Die Straßen sind blockiert durch Überschwemmungen, entwurzelte Bäume und umgeworfene Fahrzeuge.

Weite Teile der Infrastruktur sind zerstört. Durch den Sturm wird in einigen Teilen Mitteldeutschlands die Energieversorgung gekappt, da Masten dem Ansturm des Wetters nicht standhalten können. Das Uniklinikum in Magdeburg muss lange Zeit ohne Strom auskommen. Das Notstromaggregat funktioniert nicht wie geplant.

Über fünf Milliarden Euro Schaden

Laut GDV, dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, verursachte "Kyrill" mit über fünf Milliarden Euro den größten Sturmschaden der letzten 20 Jahre. Die Versicherungssumme belief sich dabei auf knapp 3,6 Milliarden. Dabei wurden über zwei Millionen Schadensfälle gemeldet. Das ist Rekord.

In Sachsen-Anhalt vermeldeten die öffentlichen Versicherungen Sachsen-Anhalt (ÖSA) allein circa 10.500 Schadensfälle mit einem Gesamtvolumen von 13,6 Millionen. In Apolda kam es damals zum Einsturz eines Lagerturms des Pizzaherstellers “Ospelt”. In dem 32 Meter hohen Kühllager befanden sich damals 3,5 Millionen Tiefkühlpizzen. Diese mussten am Ende per Bulldozer entsorgt werden. Die Versicherung übernahm den Schaden. Dieser belief sich auf zehn Millionen Euro.

Sturmschäden des Orkan Kyrill an einem Haus in Wittenberg
Hausdächer, wie hier in Wittenberg, wurden reihenweise abgedeckt. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Besonders betroffen: Forst und Holzindustrie

Die Gewalt des Sturms machte gerade den Wäldern in den Mittelgebirgen zu schaffen, denn die höher gelegenen Regionen sahen sich schnelleren Windgeschwindigkeiten ausgesetzt. Zusätzlich hatte es vorher viel geregnet, wodurch die Bäume noch leichter entwurzelt werden konnten. Was nicht entwurzelt wurde, brach teilweise unter der Kraft des Sturmes zusammen.

"Kyrill" sorgte so in ganz Deutschland für über 32 Millionen Festmeter an beschädigtem Holz. Vor allem im Harz und in Thüringen war die Tragweite des Sturms spürbar. Allein im Harz wurden 80.000 Festmeter Holz zerstört. In Sachsen filelen 1,8 Millionen an und in Thüringens Wäldern sogar 3,5 Millionen: eine Katastrophe für die Holzindustrie. Die Verluste mussten die Unternehmer in Regel selbst stemmen. Außerdem fielen für die Räumung der Stämme nicht nur weitere Kosten an: Beim Bergen verloren sieben Waldarbeiter ihr Leben.

Ponsse Maschine im Einsatz nach dem Windbruch durch den Orkan Kyrill im Koblenzer Stadtwald.
Waldgebiete traf es besonders hart, wie hier den Koblenzer Stadtwald. Bildrechte: imago/Thomas Frey

Zusammenarbeit und Aufforstung

Inzwischen haben sich die Wälder Mitteldeutschlands erholt. Im Harz hatte man bereits ein Jahr nach dem Unglück drei Viertel des Holzes abgetragen und den Rest dem natürlichen Kreislauf überlassen. Inzwischen wurde eine Fläche von 40 Hektar neu bepflanzt. Dort hatte man auch direkt nach dem Unwetter in Zusammenarbeit mit der Politik dafür gesorgt, dass 12.000 Festmeter Nadelholz eingelagert werden konnten, um den finanziellen Verlust etwas zu mindern. Die Wälder in Thüringen und Sachsen wurden ebenfalls aufgeforstet. Den Freistaat zum Beispiel kostete das über 16 Millionen Euro.

Chancen in der Katastrophe

Im Thüringer Wald wurde die Aufforstung genutzt, um einen resilienten Mischwald pflanzen, der beständiger bei kommenden Unwettern sein soll. Genauso wie sich die Waldlandschaften Mitteldeutschlands konnte sich auch die Wirtschaft durch die neuen Herausforderungen gewinnbringend engagieren und in manchen Teilen auch neu erfinden.

Die hohen Versicherungssummen flossen schließlich unter anderem an Unternehmen, die die Schäden beseitigt, Zerstörtes repariert oder neu aufgebaut haben. Der Pizzahersteller aus Apolda hat die Chance sogar genutzt, und an die Stelle des eingestürzten Turms ein modernes vollautomatisiertes Kühllager gesetzt.

Zerstörte Oberleitung einer Bahnstrecke bei Zerbst
Kyrill hinterließ auch große Schäden entlang der Bahnschienen. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Keine Ausnahme mehr: Unwetter werden zunehmen

Dass sich die Wirtschaft zukünftig auf mehr extreme Wetterverhältnisse einstellen muss, ist kein Geheimnis mehr. Spätestens nach dem Unwetter "Bernd" und den Sturmfluten im Juli 2021 ist es allen deutlich geworden. Diese Problematik sieht auch Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV: "Wenn man mal eine Reihenfolge macht, nach dem zweiten Weltkrieg, nach Naturereignissen, die Schäden verursacht haben, dann ist ganz oben, als teuerstes Ereignis die Flut an der Ahr im letzten Jahr, mit über acht Milliarden Euro Schäden, das zweite ist das Elbehochwasser im Jahr 2002 mit rund viereinhalb Milliarden und dann eben Kyrill im Jahr 2007 mit über drei Milliarden Schäden." (Anmerkung: bezogen auf den Versicherungsschaden)

Umgestürzter Baum auf einem Auto.
Autos wurden unter umgekippten Bäumen begraben. Bildrechte: imago/Dieter Matthes

Umdenken nötig bei Privatpersonen, Wirtschaft und Politik

Um Schäden präventiv minimieren zu können, braucht es funktionierende Frühwarnsysteme und vernünftiges Krisenmanagement. Ohne solche Vorkehrungen werden durch Unwetter weiterhin vermehrt Schäden entstehen, welche nicht durch aktuelle Versicherungen gedeckt werden. Wo die Versicherung nicht zahlt, trägt das Opfer die Last allein. Der Bund mag aktuell diese Lücke durch ad-hoc-Hilfen schließen können. Dauerhaft kann er das aber nicht leisten. Daher muss sich auch der Umfang der privaten Versicherung ändern, auch wenn sich dadurch die Versicherung verteuert. Durch den anhaltenden Klimawandel sind wir gezwungen umzudenken. Das betrifft alle: Privatpersonen, Wirtschaft und Politik.

Zerstörtes Tiefkühllager der Ospelt AG nach dem Orkan Kyrill
In Apolda riss "Kyrill" gleich eine ganze Fassade einer Lagerhalle weg. Bildrechte: imago/photo2000

Politik reagiert auf Schadenspotenzial

Die Politik hat das Thema bereits auf die Tagesordnung gesetzt. Im November beauftrage die Justizministerkonferenz eine Arbeitsgruppe, ergebnisoffen zu prüfen, welche rechtliche Regelung dazu beitragen könnte, finanzielle und materielle Schäden im Falle von Naturkatastrophen zu regulieren. Die Arbeitsgruppe soll ihre vorläufigen Ergebnisse zur Frühjahrskonferenz 2022 vorstellen. Diese wird am 1. und 2. Juni in Bayern stattfinden.

Unter anderem soll geprüft werden, ob eine verpflichtenden Elementarschutzversicherung Abhilfe leisten könnte.

 

Versicherer empfehlen neue Versicherungsstruktur

Der GDV sieht umfassende strukturelle Veränderung in der Art und Weise, wie wir uns versichern, als nachhaltigstes Mittel an, um sich auf künftige Szenarien wie "Kyrill" oder "Bernd" einzustellen. Dazu veröffentlichte der Verband im Oktober 2021 ein Impulspapier.

Es bietet verschiedene politische und versicherungswirtschaftliche Instrumente an, aber unter anderem ist man auch hier der Meinung, dass jedes Haus über eine Elementarschutzversicherung abgesichert werden sollte. "Im Durchschnitt in Deutschland ist nur jedes zweite Haus gegen Elementarschäden versichert und wir denken, dass das nicht so bleiben kann und deshalb haben wir auch ein Konzept vorgelegt, dass man eben alle Häuser in Deutschland gegen Elementarschäden versichert" sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer der GDV

Quelle: MDR Umschau

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 18. Januar 2022 | 20:15 Uhr

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