Lange Reportage Sexualisierte Gewalt gegen Kinder: eine alltägliche Gefahr

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Deutschland ist in den vergangenen Jahren durch mehrere umfangreiche Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen erschüttert worden. In großen Missbrauchsfällen steht die Zahl von 30.000 unbekannten Tatverdächtigen im Raum. Tatverdächtige, die als fürsorgliche Väter und Mütter, verantwortungsvolle Onkel und Tanten oder beste Freunde der Familie auftreten. Wie können Kinder vor Gefahr geschützt werden? Und wie kann ihnen geholfen werden?

Kind wehrt sich mit ausgestreckten Armen
Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2019 etwas mehr als 4.000 Fälle von Kindesmisshandlung. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Erwiesenermaßen werden in Deutschland jeden Tag statistisch 40 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Macht 14.600 Kinder im Jahr. Doch wahrscheinlich sind es real noch viel mehr. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder oder Jugendliche sitzen, die sexuellen Missbrauch erleben oder erlebt haben. Das wären in Deutschland zwischen 400.000 und 800.000 Kinder und Jugendliche, Vorschulkinder nicht mit einberechnet.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – wie der korrekte Ausdruck für Kindesmissbrauch lautet – ist ein alltägliches Verbrechen. Und am häufigsten kommt es in der eigenen Familie oder im privaten Umfeld vor, erklärt Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Das habe fatale Folgen. Andresen meint: "Gerade Betroffene im Tatkontext Familie fühlen sich häufig ganz allein und hatten als Kind oft das Gefühl oder den Eindruck, das passiert nur mir ganz allein – und sich dann auch noch mal im besonderen Maße die Schuld dafür geben."

Sexualisierte Gewalt ist schwer zu erkennen

Aufarbeitung ist der erste Schritt zur Prävention. Denn sie kann Antworten auf Fragen geben: Wie konnte der Missbrauch passieren? Wer hätte helfen können? Lässt sich erkennen, wenn Kinder sexualisierte Gewalt erleben? Gerade letztere ist eine schwierige Frage. Denn es gibt keine klaren Symptome, die auf Missbrauch hinweisen. Trotzdem sagt Sabine Andresen: "Die meisten Kinder, davon müssen wir ausgehen, senden durchaus Signale. Aber es gibt nicht immer das eindeutige Signal. Das zu erkennen, ist nicht ganz einfach."

Jedes Kind reagiert anders auf sexualisierte Gewalterfahrungen. Manche ziehen sich zurück. Manche werden aggressiv. Werden schlechter in der Schule. Oder auffällig anhänglich. Die Diplomsozialpädagogin Heike Mann arbeitet seit 22 Jahren bei "Shukura" in Dresden, einer Fachstelle der Arbeiterwohlfahrt zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Neben Präventionsprogrammen bietet Shukura auch Fortbildungen für Lehrkräfte und Erzieher an.

Verhalten der Kinder und Strategie der Täter

In verschiedenen pädagogischen Programmen sollen auch Kinder für das Thema sexualisierte Gewalt sensibilisiert werden. So zeigt die Hildesheimer Theatergruppe "Springinsfeld" seit Anfang der 90er Jahre das Theaterstück "Hau ab du Angst". Die zehnjährige Lotte besucht darin ihren Lieblingsonkel Doppelherz und erlebt in der Nacht immer wieder, wie jemand sie anfasst.

Anfangs glaubt Lotte, es sei der mysteriöse Räuber Grabbelfinger. Doch am Ende stellt sich heraus: Der eigene Onkel ist der Täter. Das Stück spricht dabei viele Probleme an, die Kinder begegnen, wenn sie mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind. Wie betroffene Kinder muss auch Lotte mit einem Geheimnis leben, das sie belastet: Sie darf nicht erzählen, was ihr nachts passiert.

Im Stück wie in der Realität sind die Kinder zwischen dem eigenen Leiden und dem durch die Täter auferlegten Geheimnis zerrissen, sagt Sabine Andresen von der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs: "Es ist sehr schwer für Kinder, aus diesem Geheimhaltungsdruck auch ausbrechen zu können. Dann schildern viele Betroffene auch Loyalitätskonflikte." In Theaterstücken wie "Hau ab du Angst" werden den Kindern aber auch Lösungsvorschläge für diese Konflikte präsentiert.

Kindern eine Vertrauensperson sein

Fassen Kinder den Mut, sich anzuvertrauen, das "Geheimnis" zu verraten, müssen sie immer noch das Glück haben, auf einen Erwachsenen zu treffen, der ihnen zuhört. Und glaubt. Nach Einschätzung von Jugendschützern versuchen Kinder meistens, sich irgendwann irgendwie mitzuteilen. Vermutlich sogar mehrfach, ehe sie tatsächlich Hilfe bekommen, glaubt Heike Mann von Shukura.

Sie hat eine Empfehlung, wie sich Erwachsene verhalten sollten: "Klappe halten, Weiteratmen und zuhören. Kinder haben häufig nicht die Erwartung, dass wir so eine gescheite Antwort, die alle Probleme mit einem Schlag löst, aus dem Hut ziehen." Kinder bräuchten vielmehr einen Menschen, der ihnen zuhöre – wo sie das Gefühl bekämen, es komme etwas an und es werde vielleicht etwas passieren.

Damit sich aber Kinder überhaupt jemandem mitteilen, brauchen sie das Vertrauen in bestimmte Erwachsene. Das können Eltern, Großeltern aber auch Lehrkräfte sein. Doch gerade für die wird es angesichts wachsender Klassengrößen immer schwieriger, enge und vertrauensvolle Beziehungen zu allen Schülern herzustellen.

Kinderrechte lehren und leben

Frühe Aufklärung kann Kinder schützen. Einmal, weil sie das Wissen bekommen, bestimmte Handlungen zu begreifen und einzuordnen. Sie bekommen aber auch das Vokabular, um zu beschreiben, was passiert ist. Doch all dieses Wissen kann den Kindern nur etwas nützen, wenn ihre körperlichen Grenzen auch im Alltag respektiert werden, erklärt Diplomsozialpädagogin Heike Mann: "Das Kind weiß, genau, zu wem es auf den Arm will. Kinder zeigen sehr wohl an, was sie möchten oder nicht."

Genau diese Bedürfnisse eines Kindes müssten wahr- und auch ein Stück ernstgenommen werden, so Mann. Kinder müssten lernen, dass sie Rechte haben. Und dann müssten Erwachsene die auch respektieren. Und es muss laut Mann die Möglichkeit sexualisierter Gewalt gegen ein Kind zumindest immer bewusst mitgedacht werden.

Was tun bei einem Verdacht?

Doch was ist denn zu tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind sexualisierte Gewalt erlebt? Und was ist, wenn ich mich irre? Dieser Gedanke schreckt Menschen besonders häufig davor ab, zu handeln, sagt Sabine Andresen von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch.

Auch die Sorge, wegen Verleumdung verklagt zu werden, spielt dabei eine Rolle. Solch eine Klage droht etwa, wenn über einen Sachverhalt gelogen wird oder wenn es keine tatsächlichen Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch gibt. Doch eben da liegt die Krux: Denn nicht selten stützt sich der Verdacht von Kindesmissbrauch am Anfang nur auf ein Bauchgefühl, erklärt Tanja von Bodelschwingh von "N.I.N.A.", einer bundesweiten Fachorganisation für Prävention von sexualisierter Gewalt.

Manchmal sind es Äußerungen von Kindern, die nicht klar einen Missbrauch benennen. Aber doch Fragezeichen aufmachen.

Tanja von Bodelschwingh N.I.N.A.

Seit 2014 bietet der Verein N.I.N.A. das "Hilfetelefon sexueller Missbrauch" an.  Fünf Tage die Woche, für jeweils fünf Stunden, können Menschen mit Fragen zu Missbrauch hier anrufen. Auch Menschen, die einen Verdacht haben, dass ein Kind im Umfeld sexualisierte Gewalt erlebt. Oder Menschen, die eben nur ein ganz diffuses Bauchgefühl haben. Somit gehe man nicht zum Jugendamt oder zur Polizei, sagt von Bodelschwingh.

Die Mitarbeiter am Hilfetelefon geben Orientierung und erstellen mit den Anrufern einen Plan. Und sie suchen die Adressen der nächstgelegenen Fachberatungsstellen heraus. Doch gerade in ländlichen Gebieten sind solche Beratungsstellen selten. Solche Lücken müssten geschlossen werden, um Kinder vor sexualisierter Gewalt zu schützen, sagt Heike Mann von Shukura in Dresden – der einzigen ausschließlichen Präventionsstelle in ganz Sachsen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | Die lange Reportage | 08. Februar 2021 | 20:20 Uhr

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