Kommentar Kann Lauterbach Minister?

Karl Lauterbach ist der neue Gesundheitsminister. Die Nachricht hat viele doch überrascht. Doch warum eigentlich? Ist er als Minister die richtige Wahl? MDR-Wirtschaftsexperte Wolfgang Brinkschulte geht der Frage nach.

Die drei Worte werden in die Geschichte eingehen: "Er wird es", sagte Olaf Scholz bei der Verkündung, dass Karl Lauterbach Bundesgesundheitsminister werden soll. Eine Überraschung im Berliner Politikbetrieb!

Mit Lauterbach wird jemand Minister, der eine besondere Kompetenz in Gesundheitsfragen mitbringt: Mediziner, Harvard-Abschluss, Wissenschaftler, Politiker. Und seit eineinhalb Jahren Pandemieerklärer und Mahner. Seine vielen öffentlichen Auftritte, die Talkshows, seine Presse- und Netzpräsenz haben ihn quasi zu einem Volkstribun gemacht. Zu einem, dem die Menschen in Deutschland in Sachen Corona vertrauen, unbestritten ein Experte. Einer, der auch in der Wirtschaft eine Karriere hätte machen können.

Debatte über Teamfähigkeit

Doch nur wenige hatten noch damit gerechnet, dass Scholz ihn in sein Team holt. Kein Wunder, denn seit Wochen wurde Lauterbachs Eignung immer wieder in Frage gestellt. Ob er denn die nötigen Managementfähigkeiten habe, Erfahrung in der Führung einer großen Verwaltung und überhaupt teamfähig sei. Also über die nötigen Kompetenzen verfüge, einen großen Apparat zu leiten.

Wir wissen es nicht, ob er es weiß und kann, werden wir sehen. Und gleichzeitig ist bei solcher Kritik im Politikbetrieb immer Vorsicht geboten. Da sind solche Fragen schnell Vorwände, jemanden zu verhindern, für eine Position auszusortieren. Gerade wenn er weder die klassische Parteikarriere hinter sich hat oder über die gängigen Persönlichkeitsmuster zu verfügen scheint.

Fachkompetenz als Mediziner und Wissenschaftler

Dass Lauterbach ein eigener Charakter ist, eigensinnig, einzelgängerisch, kauzig, lässt sich leicht denken. Keine Qualifikationen, die die Führung eines Ministeriums in Krisenzeiten erleichtern.

Doch Lauterbach damit neben seiner Fachkompetenz, die Fähigkeit, ein guter Gesundheitsminister zu sein, abzusprechen, ist auch heuchlerisch. Denn es stellt sich auch die Frage, welche Kompetenzen in der Politik für Führungsaufgaben entscheidend sind. In der Wirtschaft ist es ziemlich klar, wenn auch nicht immer. Expertise und Erfahrung. In der Politik ist es eher wie beim Segeln, je nachdem, woher der Wind weht.

Nicht der einzige ohne Ministeriumserfahrung

Neben Lauterbach wird auch die Scholz-Vertraute und neue Bauministerin Klara Geywitz beweisen müssen, ob sie Ministerin kann. Auch sie hat noch keine Ministeriumserfahrung. Auf die neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht werden ebenfalls besondere Herausforderungen zukommen. Sie gilt als durchsetzungsstark und hat viele Jahre, ähnlich wie Scholz seinerzeit, mit großer Rückendeckung die Geschäfte der SPD-Fraktion geführt. Als Verteidigungspolitikerin ist sie noch nicht aufgefallen. Und vor ihrer Zeit als Justizministerin hatte sie auch keine Führungserfahrung in einer Ministerialverwaltung.

Das gilt ebenso für Politiker anderer Parteien. In besonderer Erinnerung ist der bayerische Freiherr zu Guttenberg. Er konnte gut glänzen, als er mit 39 Jahren zunächst jüngster Wirtschaftsminister wurde. Und nicht jeder kann eine Ausnahmekarriere wie Thomas de Maizière vorweisen: Vom Referenten im Rathaus Schöneberg über Ministerämter in Schwerin und Dresden bis zu, Bundesminister. Neben persönlichen Eigenschaften eine herausragende Politik- und Führungserfahrung, die ihn für viele Ämter qualifizierte.

Lauterbach besitzt Fachexpertise – und internationale Erfahrung

Außer einer langjährigen Abgeordnetentätigkeit und einer kurzen Zeit als Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie an der Uni Köln fehlen Lauterbach die großen Führungsattribute. Dennoch hat er eine Kompetenz, die vielen im Politgeschäft fehlt: Fachexpertise und damit verbundene jahrzehntelange, auch internationale, Erfahrung.

Er ist keiner, den allein vollmundige Reden, Machtinstinkt und Politintrigen auszeichnen, um in jungen Jahren höchste Parteiämter zu erobern. Er weiß, wovon er spricht. Da braucht es für seine künftige Rolle, neben dem  Pandemieerklärer auch die des Kommunikators, Vermittlers und Managers. Denn über Corona hinaus gilt es, auch Antworten auf andere drängende Fragen zu geben. Vor allem, das Gesundheits- und Pflegesystem zukunftsfest zu machen. Daran sind schon andere gescheitert.

So bleibt zunächst die Aufgabe des Pandemiebewältigers. Da sei Lauterbach vom Fach. So jemanden hätten sich die meisten Bürgerinnen und Bürger gewünscht, jemanden, "der das kann", sagte Scholz, und eben, dass er es wird. Kommt bestimmt demnächst die Frage, wie lange er es bleibt.

Quelle: MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 06. Dezember 2021 | 19:30 Uhr

Mehr aus Panorama

Schneemann 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Deutschland