#vanlife Ausgebauter Polizeibus: Martin lebt in seinem Camper

Martin Glass kommt aus Leipzig, ist aber überall zu Hause. Denn er wohnt seit zwei Jahren in einem ausgebauten Polizeibus. Wie ist das Leben im Camper? Wohin geht seine Post? Und ist überhaupt genügend Platz in so einem Bus? Wir haben Martin und seine "Gisela" besucht.

Martin, der Jeans und eine olivgrüne Sweatjacke trägt, sitzt in der Tür von seinem dunkelgrünen Bus. 6 min
Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta

Di 07.09.2021 19:50Uhr 06:23 min

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Die Mieten in den Städten steigen. In einigen mitteldeutschen Städten sind sie in den vergangen 12 Monaten sogar stärker gestiegen als in Großstädten. Spitzenreiter ist Wernigerode mit 6,3 Prozent höheren Mieten als noch 2020. Auch in Leipzig muss man bei Neuvermietung 3,2 Prozent mehr zahlen als noch im vergangenen Jahr. Für Martin Glass ist das kein Problem: Der Leipziger wohnt seit zwei Jahren in einem alten Polizeibus.

Die Idee, im Bus zu leben, kam ihm in seinem früheren Job. Fünf Jahre lang arbeitete Martin auf einem Kreuzfahrtschiff. Eine Wohnung auf dem Festland hatte er damals nicht. Zwischen den Einsätzen lebte er bei seinen Eltern. "Ich war jahrelang auf den Weltmeeren unterwegs, stand aber nur kurz in den Häfen. Die Kultur anderer Länder so richtig erleben, konnte ich nicht. Da kam mir die Idee, einen Camper auszubauen und damit eine Weltreise zu machen."

Ein grüner Camper steht auf einem Parkplatz am Cospudener See.
Mit seiner "Gisela" steht Martin am liebsten mitten in der Natur. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta

Der Ausbau

Martin hat sich für 10.000 Euro einen alten Polizeibus gekauft und ihn eigenständig ausgebaut. Rund ein Jahr hat das gedauert und weitere 30.000 Euro gekostet. Unerwartete Probleme seien dabei nicht aufgetreten: "Ich habe den Ausbau gut geplant. Gisela ist auch sehr groß, dass irgendwie alles auch dabei ist bis zur Dusche." Ein großes Bett, Kochfeld, Waschbecken und eine Sitzecke - in der "Gisela" findet alles auf acht Quadratmetern seinen Platz. Aber warum Gisela? "Es ist benannt nach meiner Oma. Die ist verstorben, während ich Gisela umgebaut habe. Sie war immer sehr freundlich, sehr offen auch gegenüber anderen Menschen." Ein Charakterzug, den Martin auch für seinen Bus haben wollte!

So sieht Camper "Gisela" von innen aus!

Camper "Gisela" steht mit einer offenen Hintertür am Cospudener See in Leipzig.
"Gisela" direkt am Cospudener See - Martin campt am liebsten mitten in der Natur. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Camper "Gisela" steht mit einer offenen Hintertür am Cospudener See in Leipzig.
"Gisela" direkt am Cospudener See - Martin campt am liebsten mitten in der Natur. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Blick in den Innenraum von Camper "Gisela".
"Gisela" bietet Platz für alles, was man so braucht... Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Die Kochstelle mit Spirituskocher.
...da darf ein Spirituskocher natürlich nicht fehlen. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Zitronen, Orangen und eine Mango in einem Korb.
Frisches Obst und Gemüse wird da schon mal zum Dekoobjekt. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
innen
Klein aber fein: Direkt neben dem Bett ist die Küche. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
An der Kochnische sind auch eine Haarbürste und Seife zu finden - es gibt nur ein Waschbecken.
In der Kochnische finden auch eine Haarbürste und Seife Platz, denn es gibt nur ein Waschbecken. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
innen
Besonderes Accessoire: Eine Schiffsglocke, die Martin an seine Zeit auf See erinnert. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Blick auf das Badezimmer mit Toilette und Dusche.
Viel Platz im Bad: Dusche und Toilette haben einen schönen Ausblick. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
Der Spruch "Mehr Meer" auf einer Holzscheibe, die am Spiegel hängt.
"Mehr Meer" - damit macht man auch im Camper nichts falsch. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta
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Campen im Winter

Während im Sommer Ventilatoren dafür sorgen, dass es nicht zu heiß im Bus wird, ist das im Winter nicht unbedingt das Problem - im Gegenteil! Doch auch darauf sind Martin und seine Gisela vorbereitet. "Da muss man sich daran gewöhnen. Und man muss natürlich auch mal in einem kälteren Bett schlafen oder Dinge fürs Auto aufbereiten", gibt er zu. Mit Isoliermatten an den Fenstern und der eingebauten Standheizung kann er aber zumindest 15 bis 20 Grad halten.

Grundlegend ist Martin mit seinem ausgebauten Camper zufrieden. Die Einzige, was er bei einem erneuten Ausbau verändern würde, sind der Schlafbereich und das Badezimmer. Das Bett würde er der Länge nach in den Bus bauen - damit man sich auch mal ausstrecken kann - und das Bad verkleinern, dann wäre mehr Platz für einen Schreibtisch zum Arbeiten. Apropos Arbeiten: Die LTE- Antenne auf dem Dach vom Camper sorgt für stabiles Internet. Das braucht Martin für seinen Job als Medienmanager.

Digitaler Nomade – Unterwegs mit dem Camper

Ein Job, den Martin von überall machen kann und das ist auch sein Plan: Digitaler Nomade sein, die Welt bereisen. Meist steht er deshalb wild in der Natur. Aber: "Ich stehe nur an Plätzen, an denen es erlaubt ist. Das ist wichtig, ansonsten zerstört man die Natur oder Straßen und Plätze werden irgendwann gesperrt." Die findet Martin mit Hilfe von Apps. Und Wildcampen spart Geld - nur selten nutzt er kostenpflichtige Campingplätze. "Ich hatte mal einen festen Job in Rostock. Während dieser Zeit habe ich ein halbes Jahr auf einem Campingplatz gelebt. Das war schön, aber viel zu riesig."

Grundsätzlich ist Wildcampen in Deutschland nicht erlaubt. In Naturschutzgebieten zu übernachten ist grundsätzlich verboten, außer an ausgewiesenen Stellplätzen. Allerdings gibt es kein generelles Schlafverbot im Auto. Um die Fahrtüchtigkeit wieder herzustellen, ist es erlaubt, auf Park- oder Rastplätzen zu übernachten. Der Richtwert hierfür sind etwa zehn Stunden. Die Markise auszufahren oder Teppich und Stühle aufzustellen, ist allerdings verboten und kann mit Bußgeldern geahndet werden.

Gemeldet ist Martin bei seinen Eltern in Leipzig. Das Elternhaus dient ihm als Rückzugsort, wenn er mal nicht im Camper leben möchte. Denn in Deutschland gibt es eine Meldepflicht, das heißt jede Person mit Wohnsitz in Deutschland muss dort gemeldet sein. Wer umzieht, muss deshalb innerhalb einer Woche seinen neuen Wohnsitz anmelden - ein Verstoß dagegen ist eine Ordnungswidrigkeit. Und das kann bis zu 1.000 Euro kosten! Der Wohnsitz ist laut Bürgerlichem Gesetzbuch so definiert: "Wer sich an einem Orte ständig niederlässt, begründet an diesem Ort seinen Wohnsitz." Wer im Wohnwagen oder Van lebt, kann den auch als Meldeadresse angeben, wenn der "nicht oder nur gelegentlich fortbewegt" wird. Das gilt zum Beispiel für Dauercamper; Martin und Gisela fallen darunter allerdings nicht, weil sie viel unterwegs sind.

Eine Meldeadresse und damit auch eine Postadresse ist aber aus anderen Gründen wichtig: Wer ein Konto anmelden will, regelmäßig Post bekommt oder eine Firma gründen will, braucht diese Adresse - auch wenn er oder sie im Camper lebt.

Was kostet das Leben im Camper?

Rund 500 Euro zahlt Martin monatlich für sein Nomadenleben. Darunter fallen etwa 115 Euro für Steuer und Versicherungen, 300 Euro für den Diesel und circa 85 Euro für Internet und Parkgebühren. Wasser gibt es kostenlos an vielen Tankstellen und Versorgerstationen, Strom kommt über die Solaranlage oder wird bei Freunden "gezapft".

Eine Wohnung in Leipzig würde ihn finanziell weniger belasten. Für 450 Euro Warmmiete - die Kosten für Internet würden ja immer anfallen - könnte Martin derzeit über 300 Wohnungen beziehen. Die Größte hat sogar mehr als 140 m² Wohnfläche auf vier Zimmern. Für die günstigste Wohnung würden rund 220 Euro fällig. Martin hätte dann etwas mehr als 25 m² zur Verfügung. Doch um die Größe der Wohnung und ums Geld geht es ihm nicht, sondern um die Freiheit, jeden Tag woanders sein zu können.

Martin Glass lebt in seinem Camper "Gisela". Auf dem Foto sitzt er in der offenen Tür des dunkelgrünen Busses und schaut in die Ferne.
Ein Ende des Nomadendaseins kann Martin sich bisher nicht vorstellen. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta

Ist das Camperleben für immer?

Das Leben im Camper ist nicht unbedingt günstiger als ein fester Wohnsitz. Und man muss sich auch daran gewöhnen, denn "im Camper ist es eng. Es ist kalt und permanent dreckig", gesteht Martin. Ein Ende seines Nomadendaseins kann er sich aber bisher trotzdem nicht vorstellen. "Das, was ich im Gegensatz dafür bekomme, wiegt die Situation auf. Ich habe meine Ruhe und kann jeden Tag an einem anderen Ort sein." Spätestens im Juni kommenden Jahres wollen er und seine Gisela auf große Weltreise aufbrechen. Ihr Ziel: Australien.

Quellen: Team Wirtschaft, Einwohnermeldeamt, Eigenrecherche via Immoscout24 (Stand: 09.09.2021)

Dieses Thema im Programm: MDR Umschau | 07. September 2021 | 19:50 Uhr

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