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Sollte die EZB bei der Zinserhöhung nachziehen, hätte das eine Reihe von Auswirkungen für Verbraucher. Bildrechte: imago/Ralph Peters

KapitalmarktEZB: Mögliche Zinserhöhung und ihre Auswirkungen auf Deutschland

von Uta Georgi, MDR AKTUELL

Stand: 07. Mai 2022, 11:30 Uhr

Die US-Notenbank FED hat in dieser Woche den Leitzins erneut angehoben, diesmal gleich um 0,5 Prozentpunkte. Das ist die stärkste Anhebung seit 22 Jahren. Vielen drängt sich nun die Frage auf, wann die Europäische Zentralbank nachzieht. Eine Zinserhöhung würde auf dem Kapitalmarkt vieles verändern.

Wer sich etwas Größeres anschaffen will, ein Auto, ein Boot oder ein Haus, der braucht viel Geld. Reicht das Ersparte dafür nicht aus, kann man sich Geld leihen, meistens in Form eines Kredits. Für den Kredit wiederum muss man Zinsen zahlen. Und wird nun der Leitzins angehoben, steigen in der Regel auch die Zinsen. Was das unterm Strich bedeutet, erklärt Hendrik Buhrs, Experte der Zeitschrift "Finanztip":

"Also kurz gesagt ist es so, dass Geld leihen, immer teurer wird, und Geld verleihen, wird lukrativer. Jetzt kann sich jeder überlegen, auf welcher Seite er da steht." Geld, sagt Buhrs, würden sich insbesondere Menschen leihen, die bauen möchten oder sich eine Immobilie kaufen möchten. Das werde teurer: "Das Geld verleihen als Sparer mit dem Sparkonto auf der Bank, das hingegen dürfte jetzt in Zukunft renditeträchtiger werden."

Also kurz gesagt ist es so, dass Geld leihen, immer teurer wird, und Geld verleihen, wird lukrativer. Jetzt kann sich jeder überlegen, auf welcher Seite er da steht.

Hendrik Buhrs, Zeitschrift "Finanztip"

Ende der Negativzinsen in Sicht

Damit dürfte es bald Schluss sein mit den sogenannten Straf- bzw. Verwahrzinsen, die viele Banken für Sparbücher oder Tagesgeldkonton in der letzten Zeit verlangt haben. Buhrs berichtet: "Es haben einige große Banken auch schon gesagt, dass sie keine Negativzinsen mehr verlangen werden, wenn jetzt auch die Europäische Zentralbank aus der Minuszinspolitik aussteigt. Das könnte durchaus sein, dass wir da im Laufe des Sommers einen Ausstieg sehen bei der EZB und dann würde es auch keine Negativzinsen mehr geben."

Vor allem die Inflation soll durch die aktuelle Zinserhöhung eingedämmt werden, so sieht es der Experte von "Finanztip". Denn: Wird Geldleihen teurer, geben die Leute weniger Geld aus. Somit sinken Nachfrage und damit auch die Preise.

Zinsen für festverzinsliche Anlagen könnten steigen

Positive Effekte bei einer Zinserhöhung sehen auch die Versicherungen. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, erklärt, warum: "Steigt der Leitzins, steigen auch die Zinsen für festverzinsliche Anleihen. Und das führt eben dazu, dass dann - weil die Kapitalanlagen der Versicherer höher verzinst werden - die Überschussbeteiligung für die Kundinnen und Kunden höher ausfällt."

Sollte der Leitzins erhöht werden, so gebe es für die Versicherungsunternehmen selbst zwei weitere Effekte, erklärt Hauptgeschäftsführer Asmussen: "Zum einen benötigen sie weniger Kapital bei steigenden Zinsen, um Garantiezusagen zu erfüllen. Damit müssen sie weniger Garantiepuffer aufbauen."

Der zweite Effekt ist nach Ansicht von Asmussen weniger positiv, "weil ältere Anleihen, die man hält, verlieren an Kurswert. Das heißt, die Bewertungsreserven sinken. Das ist aber in der Regel ein geringes Problem, weil Versicherungen die Anleihen in aller Regel bis zur Fälligkeit halten."

Für Häuslebauer wird Zinserhöhung teurer

Weniger gut wäre eine Erhöhung des Leitzinses für private Häuslebauer und die Wohnungswirtschaft. Zum einen würden Immobilienkredite teurer. Zum anderen müssen Banken, die Wohnungsunternehmen Kredite geben, immer einen Risikopuffer vorhalten. Durch höhere Zinsen wird auch das teurer.

Dabei durchlebe die Branche ohnehin schon kritische Zeiten, sagt Axel Gedaschko, Präsident vom Gesamtverband der Wohnungswirtschaft in Deutschland: "Wir haben ganz viele andere Elemente, die dazu führen in Kombination mit der Zinsentwicklung, die das Bauen für die Zukunft extrem erschweren. Ich fang mal an: Förderchaos hatten wir, unsere Unternehmen wissen nicht, worauf sie planen können. Wir haben die unterbrochenen Lieferketten, was dazu führt, dass bestimmte Waren nicht da sind oder sich massiv verteuern."

Baubranche stellt neue Projekte zurück

"Wir haben Umfragen gemacht", sagt Gedaschko, "und da haben 70 Prozent der Unternehmen gesagt, Neubauprojekte werden entweder zurückgestellt oder gleich aufgegeben."

Damit werde auch das Ziel der Bundesregierung nicht realisierbar, pro Jahr 400.000 neue Wohnungen in Deutschland zu bauen. Ein höherer Leitzins allein sei dafür aber nicht verantwortlich, so der Präsident der deutschen Wohnungswirtschaft.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 07. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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