Geschlossene Kitas und Schulen Mehr psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen

In der Corona-Pandemie haben sich mehr Jugendliche bei Beratungsstellen gemeldet als in den Vorjahren, etwa wegen Einsamkeit und Ängsten. Auch jüngere Kinder leiden unter Kita- und Schulschließungen. Die Wirkung unterscheidet sich in verschiedenen Altersstufen.

Familie im Lockdown
Junge Kinder erleben im Lockdown eine eingeschränkte Realität. Bildrechte: Colourbox.de

Geschlossen wegen Corona – das gilt auch bei der Tagesmutter des zweijährigen Levi. Er verbringt den Lockdown zum größten Teil im Dreierteam mit seinen Eltern. Der Kontakt zu anderen Kindern fehle, erzählt Mutter Anna-Lena: "Das merkt man ganz stark, wenn wir mal jemanden treffen und sich diese Person dann von uns trennt, dann weint er ganz oft und man merkt richtig, dass ihm der Input fehlt."

Das betrifft die Kleinen wie die Größeren. Bela, 11 Jahre, hat zurzeit nur die Gesellschaft seiner großen Schwester. "Und das ist halt schon komisch, weil sonst sieht man immer die ganze Klasse, Freunde, und das ist halt einfach in der Corona-Zeit weg."

Unterschiedliche Effekte auf Kinder und Jugendliche

Der Lockdown wirke sich den verschiedenen Altersstufen unterschiedlich auf Kinder und Jugendliche aus, sagt die Entwicklungspsychologin von der Universität Heidelberg, Sabina Pauen. Die ganz kleinen Kinder spürten die Einschränkung zwar nicht so stark. Aber bei ihnen mache der Lockdown schon einen großen Teil des Lebenszeit aus, sagt Pauen: "Wenn ich erst zwei Jahre alt bin und ein Jahr davon im Lockdown verbracht habe, dann war mein Ausschnitt von der Realität doch durchaus recht eingeschränkt."

Bei älteren Kindern wie dem elfjährigen Bela werde vor allem die fehlende Selbstständigkeit zum Problem. "Die Selbstständigkeit, die Eigenständigkeit und die Selbstwirksamkeit sind in den Bedingungen des Lockdowns reduziert, und damit auch die Möglichkeit, sich selbstbewusst zu entwickeln", betont Pauen.

Mehr Jugendliche suchen Hilfe

Wie belastend die Situation für die größeren Kinder ist, zeigt sich auch bei den Beratungsstellen. Bei der "Nummer gegen Kummer" hätten sich im Corona-Jahr 31 Prozent mehr Kinder und Jugendliche online gemeldet, sagt Mitarbeiterin Nina Pirk. "Es geht um Einsamkeit, psychische Probleme, Ängste, Sorgen um die Schule und die Zukunft, Konflikte innerhalb der Familie und leider auch verstärkt um Gewalterfahrungen."

Ähnlich sieht es bei der Jugendnotmail aus, einem Beratungsangebot per E-Mail. 2020 gab es dort 20 Prozent mehr Anfragen als im Jahr davor. Seit im November ein Einzelchat eingeführt wurde, meldeten sich auch immer mehr unter 14-Jährige, berichtet Fachleiterin Ina Lambert. "Wir lesen jetzt schon viel von depressiver Symptomatik, die vielleicht auch schon im klinischen Bereich relevant ist und klar, je länger das andauert, desto schwieriger kann es werden."

Gewöhnung an den Lockdown problematisch

Das sieht auch Entwicklungspsychologin Sabina Pauen so. Mit der Zeit werde es für die Kinder und Jugendlichen immer schwieriger zu spüren, was sie überhaupt vermisst hätten: "Je länger das dauert, desto mehr gewöhnt man sich und passt man sich ja auch an die neuen Bedingungen an und sitzt dann vielleicht tatsächlich mehr auf der Couch oder am Computer, als dass man Lust hat, rauszugehen", sagt Pauen.

Weniger Bildschirmzeit und mehr echtes Leben – darauf freuen sich auch Levi und seine Mutter Anna-Lena: "Wir freuen uns schon auf die Museumsbesuche, auf die Zoobesuche und ihm alles live zeigen zu können und darauf, nicht immer auf irgendein Video zurückgreifen zu müssen."

Bis dahin gehen sie zumindest jeden Tag eine Runde spazieren oder, wenn nicht zu viel los ist, auch mal auf den Spielplatz. Aber eben immer nur zu zweit.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Februar 2021 | 06:00 Uhr

7 Kommentare

dsommer vor 10 Wochen

Also ich bleibe dabei: der Lockdown belastet vor allem Familien, in denen es vorher schon nicht "rund" lief. Als ich nach dem Lockdown die Klassenkameraden unseres Sohnes (3.Klasse) fragte, wie sie die letzten Wochen erlebten waren die Antworten cool, schön usw.. Wenn die fehlenden Kontakte in der Kita so schlimm sind frage ich mich, wie die Kinder im Westen ohne Verhaltensstörung aufwachsen konnten obwohl sie meinst nicht in der Kita waren. Und wie Forscher vor wenigen Jahren die frühe Betreuung der DDR-Kinder in Kinderkrippen als wahrscheinliche Ursache des Rechtsradikalismus im Osten darstellen konnten. Ich kann für unsere Familie und für die Familien unserer Bekannten sagen, dass die Kinder sehr gut mit der Situation klarkommen. Womit wir aber nicht klarkommen und was uns täglich aufregt ist dass alle möglichen schon vorher bestehenden Defizite in der Politik und bei Behörden jetzt einfach auf Covid19 geschoben werden, teilweise in einer Dreistigkeit die kaum noch zu überbieten ist

peter1 vor 10 Wochen

Wie lange soll das noch weitergehen? Die psychischen Auswirkungen dieser ganzen regeln sind nicht absehbar. In der eigenen Familie oder in der Nachbarschaft könnte ich Beispiele nennen. Es wird alles in Kauf genommen und interessiert eigentlich nicht wirklich!!! Die Auswirkungen werden noch Jahre zu spüren sein!!!

Kritische vor 10 Wochen

Es ist immer die Rede von Kindern aus sozial schwachen Familien oder von Gewalt und Kindern, die Beratungsstellen aufsuchen. Mittlerweile sind aber die psychischen Probleme in der gehobenen Mittelschicht angekommen. ALLE Kinder und Jugendlichen leiden. Ich traf gestern die Mutter eines 13-jährigen, sie sagt, er kommt so richtig in die Pubertät und sie verstehen sich gar nicht mehr, er will nicht mehr lernen, sie streiten dauernd und es fehlt der Sport, der Rahmen der Schule und Kumpels und Herausforderungen jeglicher Art. Eltern von kleinen Kindern werden bald wahnsinnig, weil ein agiles Kleinkind Action will und die Welt begreifen - das geht nicht elektronisch. Geschwister, die seit Monaten aufeinander hocken, antriebslose Jugendliche... Wenn dann noch die Eltern im Homeoffice sind, hocken alle seit Wochen aufeinander. Da wird auch manche Ehe oder Familie daran zerbrechen. Nicht jeder hat ein Haus mit Garten. Es ist nur noch Folter für viele Familien.

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