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StudiumWarum deutsche Medizin-Studierende in Polen ein zusätzliches Praktikum und eine Prüfung ablegen müssen

14. Juni 2024, 05:00 Uhr

Jeder zwölfte Mediziner studiert im Ausland. Polen hat dabei die drittgrößte Gruppe mit 859 deutschen Absolventen. Dort müssen Studierende nach dem 6-jährigen Studium – anders als in Deutschland – noch ein 13-monatiges Praktikum machen und eine Prüfung ablegen. Auch deutsche Studierende brauchen beides, um in Deutschland als Arzt arbeiten zu können. Das betrifft unseren Hörer Felix Schilling aus Sachsen-Anhalt. Er studiert Medizin in Polen und fragt sich, warum das so sein muss.

Felix Schilling studiert Medizin in Polen. "In allen europäischen Ländern schließt man das Medizinstudium nach sechs Jahren vollständig ab. Nun kommt aber in Polen ein zusätzliches Praktikum hinzu. Dieses Praktikum muss ich teuer bezahlen und ich verliere dadurch wertvolle Zeit", schreibt der Student und will wissen: "Warum brauche ich dieses Praktikum?"

In Polen schließt sich an das 6-jährige Studium ein 13-monatiges Praktikum, das sogenannte "Staz", sowie eine Prüfung, das sogenannte "LEK", an. Auch deutsche Studierende brauchen beide Zertifikate (Staz und LEK), um in Deutschland als Arzt zu arbeiten.

Vorgabe kommt von deutschen Prüfungsämtern

Die Antwort auf Felix Schillers Frage lautet kurz zusammengefasst: Unser Hörer muss in diese Extra-Runde, weil es die zuständigen Prüfungsämter für Gesundheitsberufe in den Bundesländern so beschlossen haben.

Angelika Roscher, Referatsleiterin im Landesprüfungsamt von Sachsen-Anhalt erklärt das so: "Er macht einen polnischen Abschluss und auch wenn er ein deutscher Student ist, der Abschluss bleibt eben polnisch und er muss die Anforderungen, die das polnische Recht, also die polnische Approbationsordnung, vorsieht, ganz insgesamt durchlaufen.

Erst dann, wenn alle Stationen und Anforderungen erfüllt sind und er den polnischen Abschluss bekommt, kann er damit wieder nach Deutschland zurück und sich das bei uns dann anerkennen lassen."

Kritik von Vermittlungsagentur StudiMed

Henrik Loll ist Geschäftsführer von StudiMed, einer Agentur, die Medizinstudenten ins EU-Ausland vermittelt, schüttelt mit dem Kopf: "Es geht doch aber nicht darum, dass man in Polen arbeiten darf, sondern darum, dass man das erfüllt hat, was man in Deutschland erfüllen müsste. Wieso erwarten wir mehr von denen, die in Polen studieren, als von denen, die in Deutschland studieren?"

Kein anderes EU-Land verlange von denen, die in Polen Medizin studierten, diese Extra-Runde zu drehen. Und warum auch, fragt der StudiMed-Chef rhetorisch: "Die Studienvorgaben sind völlig identisch in der ganzen Europäischen Union. Das Studium muss 5.500 Stunden dauern, der Studienaufbau ist gleich und auch, dass das sechste Jahr das praktische Jahr ist, ist gleich. Nur in Polen hat man nach dem Studium noch eine 13-monatige Zeit, die man braucht, damit man dort als vollwertiger Arzt arbeiten darf. Das haben wir in Deutschland so nicht und trotzdem wird es von den deutschen Behörden vorausgesetzt."  

Das geht auch über die sogenannte Lissabonner Konvention hinaus, die die gegenseitige Anerkennung von Universitäts- und Hochschulabschlüssen regelt. Nachdem die mit einiger Verzögerung vor knapp 15 Jahren auch hierzulande in Kraft trat, stieg die Zahl jener, die im EU-Ausland Medizin studieren, steil an. Jeder Achte umgeht damit den Numerus Clausus für die Zulassung an einer der 35 medizinischen Fakultäten in Deutschland.

Befürchtung der Ärztekammer: Studierende gehen dem deutschen Arbeitsmarkt verloren

Das löst bei den Ärztekammern ein zweischneidiges Gefühl aus, berichtet Tobias Brehme, Sprecher der Ärztekammer von Sachsen-Anhalt: "Einerseits ist es großartig, dass sich das Medizinstudium und damit der Beruf Arzt bzw. Ärztin so großer Beliebtheit erfreut. Andererseits ist es grotesk, dass junge Leute den Weg ins Ausland gehen müssen, um Medizin studieren zu können."

Sorgen bereiten den Ärztekammern nicht die Qualität des Studiums. Diese könne im Ausland sogar höher sein. Angesichts der fehlenden Ärzte, gerade in Ostdeutschland, ist die Sorge vielmehr, dass die Jung-Mediziner der Heimat verloren gehen könnten: "Sie werden ausgebildet in einem anderen Land, das selbst Ärzte braucht und kommen dann  womöglich wieder zurück. Aber dass sie auch zurückkommen, auch nach Sachsen-Anhalt zurück, und nicht mit ihren guten Englischkenntnissen in der Europäischen Union oder sonstwo arbeiten. Diese Gefahr ist natürlich größer, wenn sie einmal das Land verlassen haben."

Eine Gefahr, die bei unserm Hörer wohl nicht besteht. Er will nach seinem Medizinstudium in Polen auf jeden Fall wieder nach Hause, nach Sachsen-Anhalt zurück.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 14. Juni 2024 | 06:25 Uhr