Interview | Dirk Brockmann Wie mobil Sachsen und Thüringer im Lockdown sind

Sachsen startete am 14. Dezember mit dem harten Lockdown, früher als alle anderen Bundesländer. Ministerpräsident Michael Kretschmer begründete im Landtag die Entscheidung damit, dass Sachsen und Thüringen derzeit die Mobilität in Deutschland anführten. Wie mobil sind die Menschen in den beiden Freistaaten? Ein Interview mit Dirk Brockmann, Physiker an der Berliner Humboldt-Uni und Mitentwickler des Mobilitätsmonitors.

Menschen laufen über die Einkaufsmeile auf der Prager Straߟe.
Menschen auf der Einkaufsmeile auf der Prager Straߟe in Dresden. Das Foto stammt von Anfang Oktober. Bildrechte: dpa

Herr Brockmann, was meint Sachsens Regierungschef Kretschmer damit, wenn er sagt, die Sachsen und Thüringer seien am mobilsten?

Wir haben den Mobilitätsmonitor entwickelt, um zu vergleichen, wie sich die Mobilität während des Lockdowns verhält. Unser Referenzwert ist das Jahr 2019, in der die Mobilität normal war. Jetzt haben wir überlegt, wie kann man die Bundesländer untereinander vergleichen? Wir haben uns angesehen, wie die Menschen in ihrem Landkreis unterwegs sind. Wir haben hier verschiedene Bundesländer und Landkreise verglichen und konnten sehen, dass Länder wie Sachsen und Thüringen in den vergangenen Wochen – seit dem soften Lockdown – eine vergleichsweise höhere Binnenmobilität hatten. Das sind aber erst Voruntersuchungen. Wir müssen uns das noch genauer anschauen, um zu sehen, wie stabil die Daten sind.

Wie kommen Sie an diese Mobilitätsdaten?

Der Mobilitätsmonitor existiert seit der ersten Corona-Welle und die Datengrundlage dafür sind aggregierte, anonymisierte Daten, die zum Beispiel die Telekom oder andere Mobilfunkanbieter sammeln.

Also Handy- und GPS-Daten?

Das sind keine GPS-Daten, sondern das sind Daten, die über die Mobilfunktürme gehen. Die Telekom und die Firma Teralytics, die Telefónica-Daten anonymisiert, haben uns die Daten seit dem Frühjahr zur Verfügung gestellt, sodass wir die Mobilität im Land messen können.

Wie bewegen sich denn die Menschen?

Wir können nur sehen, wie viele Trips stattfinden: Man nimmt also einen Landkreis und kann sehen, dort wo wie viele Trips gestartet worden. Wir sehen auch, wo geendet sind – ob im selben oder in einem anderen Landkreis. Wir haben herausgefunden, dass im ersten Lockdown die Mobilität in Deutschland 40 Prozent gesunken ist. Im zweiten Lockdown waren es nur etwa zwischen zehn und 20 Prozent – das ist zwar regional unterschiedlich, aber deutlich weniger als im ersten Lockdown. Der Mobilitätsmonitor ist also eine Art Radar, wie stark die Bevölkerung auf die Pandemie-Entwicklung reagiert.

Trotzdem haben Sie anklingen lassen, dass man mit der Interpretation der Daten vorsichtig sein sollte. Würden Sie Ministerpräsident Kretschmer zustimmen oder geht er zu weit, wenn er sagt, das sei der Nachweis, dass die Sachsen und die Thüringer sich immer noch falsch verhalten?

Die Bundesländer sind ja sehr unterschiedlich, was die Populationsdichte angeht. Auch bewegen sich Menschen auf dem Land ganz anders als mitten in der Stadt. Wenn man die großen Städte in Deutschland systematisch vergleicht, dann sieht man, dass Sachsen und Thüringen in den großen Städten eine vergleichsweise hohe Mobilität haben. Und das ist so eine Art heiße Spur, die man dann weiterverfolgen muss.

Ist es denn so, dass die Corona-Inzidenzen besonders stark fallen, wenn die Mobilität nicht so hoch ist?

Wir sind gerade dabei, das zu analysieren. Das sind ja auch ganz frische Resultate, die wir gewonnen haben. Wir müssen jetzt schauen, ob die Analysen alle exakt richtig waren und müssen verschiedene Tests machen, wie robust die Daten sind. Aber es ist schon ein Indikator, der in die richtige Richtung geht.

Interviewpartner Der Physiker Dirk Brockmann von der Humbold-Universität Berlin und dem Robert Koch-Institut erforscht mit seinem Team die Ausbreitung und Dynamik von Infektionskrankheiten. In diesem Rahmen wird seit April auch die Mobilität in Deutschland analysiert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Dezember 2020 | 06:47 Uhr

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