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Was Heimat sein soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Viele können sich zumindest beim Essen einigen. Bildrechte: imago images/Shotshop

Politische Debatte"Begriff Heimat positiv umdeuten" – Faeser-Tweet erntet Kritik

von Marc Zimmer, MDR AKTUELL

Stand: 20. Mai 2022, 05:00 Uhr

"Den Begriff Heimat positiv umdeuten": Das hat Innenministerin Nancy Faeser gefordert und dafür viel Kritik geerntet. Es ist nicht die erste Heimat-Debatte in Deutschland. Die Politik von Links bis Rechts ringt darum, wie sie mit dem Begriff umgehen will – und was er bedeuten soll. Experten würden die zugrundeliegende Diskussion allerdings anders angehen.

Für die CSU-Politikerin Andrea Lindholz ist die Sache klar: Der Begriff Heimat ist bereits positiv besetzt, da braucht es keine Begriffsumdeutungen. Die Vize-Fraktionschefin der Union im Bundestag kritisiert deshalb die Innenministerin: "Es geht um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den zu stärken und gleichzeitig für ganz Deutschland nicht gleiche, aber gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen und da hätte ich mir gewünscht, dass sie hierauf eingeht, wie sie sich das vorstellt." Dass der Heimatbegriff nicht positiv besetzt sei, sei "einfach falsch", sagt Lindholz.

Auch Linda Teuteberg, für die FDP im Ausschuss für Inneres und Heimat, sieht das so: "Ich finde nicht, dass es Aufgabe von Politikern ist, den Begriff umzudeuten oder Menschen vorzuschreiben, was sie darunter zu verstehen haben. Heimat ist eh was sehr Individuelles und Subjektives, und für mich schon mal gar nichts, was negativ besetzt wäre."

Heimatbegriff häufig missbraucht

Auch die meisten Kommentare unter dem Tweet der Innenministerin gehen in diese Richtung. Andere Nutzer verweisen aber auf die problematischen Aspekte des Begriffs, etwa, dass er immer wieder von Rechtsextremen missbraucht wird.

Vielen Menschen mit Migrationsgeschichte werde es dadurch schwergemacht, sich dieser Heimat zugehörig zu fühlen, sagt Lamya Kaddor, selbst Tochter syrischer Eltern und Sprecherin für Inneres und Heimat der Grünen im Bundestag: "Auch ich ganz persönlich höre das immer wieder – dass ich ja nicht zu dieser Heimat passe. Das ist also alles eine Frage der Perspektive." Für sie sei der Heimatbegriff nicht durchgängig positiv besetzt, weil ihr diese Heimat immer streitig gemacht werde, obwohl sie hier geboren worden sei, erzählt Kaddor und ergänzt, dass "ich hier natürlich zu Hause bin und Deutschland meine Heimat ist".

Auch eine Mehrzahl von Heimat zulassen

Kaddor finde es deshalb richtig, den Begriff aus der rechten Ecke zu holen und zu entstauben – sagt sie. Allerdings fehlt ihr bei Faesers Forderung noch der Plural: "Natürlich kann man heimatliche Gefühle auch zu zwei oder drei Ländern haben oder zu zwei oder drei Regionen. Das finde ich ganz wichtig, gerade angesichts der Tatsache, dass wir in einem Einwanderungsland leben."

Dass Heimat für jeden etwas anderes sein und man durchaus mehrere davon haben kann, da stimmt auch Jochen Roose zu. Der Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung hält eine Umdeutung des Begriffs aber trotzdem nicht für notwendig: "Es gibt eine besondere Bindung an Heimat, auch Heimaten. Und die muss nicht ungebrochen nur positiv sein. Sie ist eher positiv als negativ", aber das heiße nicht, dass man da nichts Negatives sehen könnte. Das gebe es auch. "Das ist in der Regel gemischt."

Vorstellung vom Zusammenleben wichtiger

Ähnlich sieht das die Literaturwissenschaftlerin Susanne Scharnowski von der Freien Universität Berlin. Sie hat ein Buch über den Heimatbegriff geschrieben und sagt, solche Debatten seien oft zu abstrakt: "Das kann man ja nicht von oben regeln. Also das ist ja eine politische Auseinandersetzung und kein germanistisches Seminar. Weil das ein Gefühl ist und stark mit der individuellen Biografie verbunden, verbindet jede Person andere Assoziationen mit dem Wort Heimat und mit ihrer Heimat."

Weil das ein Gefühl ist und stark mit der individuellen Biografie verbunden, verbindet jede Person andere Assoziationen mit dem Wort Heimat.

Susanne Scharnowski | Literaturwissenschaftlerin

Statt eine Begriffsdebatte zu führen, sagt Scharnowski, sollte man besser konkret darüber sprechen, wie wir uns unser Zusammenleben vorstellen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 20. Mai 2022 | 06:00 Uhr