Reaktionen und offene Fragen NSU-Spur im Fall Peggy - Aufklärung gefordert

Eine mögliche DNA-Spur des NSU-Mitglieds Böhnhardt nahe der Leiche von Peggy führt zu beunruhigenden Fragen. Neun Morde an Migranten, ein Mord an einer deutschen Polizistin, Bombenanschläge auf Migranten, Raubüberfälle, um das Leben im Untergrund zu finanzieren - das ist bisher die mutmaßliche NSU-Bilanz. Doch waren hier pädophile Neonazis auch in Morde an Kindern verwickelt? Und was könnte die Angeklagte im NSU-Prozess, Zschäpe, damit zu tun gehabt haben und wissen?

Im Fall der im Alter von neun Jahren verschwundenen Peggy haben bayerische Ermittler am Donnerstagabend eine spektakuläre Entdeckung bekannt gegeben: Per Datenbanken-Abgleich fanden sie auf "einem Gegenstand" vom Fundort der Leiche des Kindes eine DNA-Spur des Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt - nach "Spiegel"-Informationen am Stück einer Stoffdecke. Unter Berufung auf Kreise der Polizei meldete auch der BR, dass es um ein kleines Stoffstück gehe.

Peggy war am 7. Mai 2001 im nordbayerischen Lichtenberg, nahe der Landesgrenze zu Thüringen, auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Am 2. Juli dieses Jahres fand ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Wald im Saale-Orla-Kreis in Thüringen - nur rund 15 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Die Polizei habe den Fundort intensiv abgesucht, hieß es nun von den bayerischen Ermittlern, weil das Skelett nicht vollständig gewesen sei. Viele mögliche Spurenträger seien dabei sichergestellt und bei ihrer Untersuchung nun eine DNA festgestellt worden, "die Uwe Böhnhardt zuzuordnen ist".

Ermittlungen "ganz am Anfang"

Dabei äußerten sich die Staatsanwaltschaft und die Polizei in ihrer Mitteilung und einer Pressekonferenz sehr zurückhaltend: Zu klären, wie und wo diese Spur entstanden sei und ob sie auch mit dem Tod des Mädchens zu tun habe, bedürfe umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, "die ganz am Anfang stehen".

Der bei seinem Tod 34 Jahre alte Rechtsextremist Böhnhardt hatte bis dahin dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) angehört - zu einem Trio von damals noch jungen Neonazis aus Jena in Thüringen, das 1998 auf der Flucht vor der Polizei in den Untergrund gegangen war.

Laut Bundesanwaltschaft soll er mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im Untergrund jahrelang gemordet und unter anderem zwischen 2000 und 2007 neun Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund und eine Polizistin erschossen haben. Mundlos und Böhnhardt erschossen sich am 4. November 2011 nach einem Banküberfall in Thüringen in einem Wohnmobil selbst, um einer Festnahme zu entgehen.

Zschäpe stellte sich der Polizei, wenige Tage nachdem vermutlich sie in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau eine Explosion und einen Brand ausgelöst hatte. Bereits seit Mai 2013 steht sie vor dem Münchner Oberlandesgericht - angeklagt unter anderem der Mittäterschaft.

Neue Fragen an Beate Zschäpe

Die Anwältin von Peggys Mutter äußerte sich bisher nicht. Dafür richteten Vertreter der Nebenkläger im Münchner NSU-Prozess schnell ihren Blick auf die Überlebende des Trios, die Angeklagte Beate Zschäpe. So kündigte etwa der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler einen neuen Beweisantrag im Prozess an und forderte Zschäpe auf, sich auch zu den neuen Erkenntnissen zu äußern.

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Auch forderte Daimagüler, die Kinderporno-Dateien auf einem Computer zu untersuchen, der im Brandschutt der Zwickauer Wohnung gefunden wurde. Man müsse herausfinden, "wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat".

Nach Angaben eines weiteren Nebenklage-Vertreters soll auch Zschäpe den Rechner benutzt haben. Der Münchner Anwalt Yavuz Narin sagte im ARD-Nachtmagazin: "Wir wissen außerdem, dass zahlreiche Personen aus dem Umfeld des NSU mehrfach wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern oder der Verbreitung von kinderpornografischen Schriften in Erscheinung getreten sind."

So habe eine mutmaßlicher NSU-Helfer Böhnhardt eines noch länger zurückliegenden Mordes an einem Jungen bezichtigt. In den Prozessakten fänden sich zudem weitere Namen von Männern, Freunden von Böhnhardt, mit Hinweisen auf Kindesmissbrauch. Narin verwies dabei auch auf den früheren Anführer des "Thüringer Heimatschutzes" in Jena, Tino Brandt, der wegen Missbrauchs von Jungen im Gefängnis sitzt.

Kindersachen bei Böhnhardt und Mundlos

Aus dem NSU-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag wurde darauf verwiesen, dass in dem ausgebrannten Wohnmobil von Bönhardt und Mundlos auch Kindersachen lagen. Die Ausschuss-Vorsitzende Dorothea Marx (SPD) sagte dazu, dass nach ihrer Kenntnis deren Herkunft bis heute ungeklärt sei und "die meisten der Kindersachen nie auf DNA untersucht wurden".

Die Linke-Obfrau in dem Ausschuss, Katharina König, verlangte Abgleiche der DNA von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit allen ungeklärten Todesfällen von Kindern und Menschen mit Migrationshintergrund. Für sie sei auch offen, ob der Prozess gegen Zschäpe so weitergehen könne wie bisher.

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