Jugendamt Obdachlos, suchtkrank und ein Kind?

Zwei Obdachlose aus Leipzig sind im Mai Eltern geworden. Doch unmittelbar danach nimmt das Jugendamt das Baby in Obhut. Das suchtkranke Paar beteuert, das Kind selbst aufziehen zu wollen. Doch welche Chance haben die beiden und welche Perspektive hat ihr Kind?

Janett und David
Janett und David waren lange wohnungslos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Kind "ist uns sofort weggenommen worden", berichten Janett und David aus Leipzig. Die beiden waren obdachlos, als das Baby im Mai des vergangenen Jahres zur Welt kam. Seitdem haben sie es nicht mehr gesehen. Doch kampflos wollten sie nicht aufgeben.

Der Entzug eines Kindes ist ein schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Eltern. Dies muss gut begründet sein. Janett und David lebten damals in einer Gartenlaube in Leipzig. Dort gab es keinen Strom und auch kein fließendes Wasser - kein Wohnort für ein Neugeborenes.

Doch offenbar hatte es weitere Gründe für den Entzug des Kindes gegeben. Alkohol und Drogen? "Nein", behauptete Janett im Oktober und David ergänzte: "Das Kind war komplett clean. Hat auch keine Entzugserscheinungen gehabt, gar nichts."

Aus der Laube in die eigene Wohnung

Vor kurzem ist das Ehepaar in eine eigene, kleine Wohnung gezogen. "Sobald wir eine Wohnung haben, bekommen wir unseren Sohn wieder", hoffte Janett im Dezember. So hätte es ihnen gegenüber die zuständigen Behörden gesagt. Doch bislang sei nichts passiert. Dabei gibt es auch ein Zimmer für das Kind. An der Wand prangt ein selbstgemalter, blau-grüner Schriftzug: "Baby Metall". Ein Kinderbett fehlt jedoch noch. Bislang wohnen in diesem Raum nur zwei Kaninchen.

Nach einem Termin im Jugendamt im Dezember ist klar, dass das Amt von einem Drogenproblem in der Familie ausgeht. "Wir sollen zur Drogenberatung – das ist das A und O. Drogentests. Wir werden jetzt kontrolliert", sagte David. "Das Problem war, zur Geburt war irgendwas im Blut, irgendwelche erhöhten Werte."

Also haben die Mutter und offenbar auch der Vater während der Schwangerschaft Drogen konsumiert. "Wir haben es sogar reduziert", erklärt David. "Alle zwei Monate vielleicht. Eigentlich brauchte ich es gar nicht", sagt Janett.

Über 1.300 Kinder in Sachsen in Pflegefamilien

Liane Kühn vom Verband für Pflege- und Adoptivkinder Sachsen
Liane Kühn vom Verband für Pflege- und Adoptivkinder Sachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was es für Kinder bedeutet, wenn die Eltern Drogen nehmen, ist den beiden offenbar gar nicht bewusst. Doch was bedeutet es für die Kinder, wenn das Jugendamt einschreitet. 2019 lebten in Sachsen 1.364 Kinder in Pflegefamilien. Viele von ihnen kommen aus Elternhäusern, in denen es Drogenmissbrauch gibt, sagt Liane Kühn, Chefin des Pflegekinder- und Adoptivfamilien-Verbandes in Sachsen. Das sei ein äußerst labiles Umfeld für die dort lebenden Kinder.

"Wir haben aktuell zwei Beispiele, wo die Mütter sich wieder gefangen hatten", sagt Liane Kühn. Die Frauen hätten ihre Kinder zurückbekommen. Doch nach einem halben Jahr seien sie wieder rückfällig geworden. Das Problem sei dann, dass die Kinder dann nicht wieder in die stabile Pflegefamilie kämen, sondern in ein Kinderheim.

Da wird mit der Zukunft und Gesundheit unserer Kinder gespielt, damit die Rechte der Eltern eingehalten werden können.

Liane Kühn Chefin des Pflegekinder- und Adoptivfamilien-Verbandes Sachsen

Auch David und Janett wissen, dass ihr Sohn wahrscheinlich schon eine Bindung zu den neuen Eltern aufgebaut hat. Trotzdem wollte sich Janett einen Anwalt nehmen und um ihre Familie kämpfen. Sie habe selbst eine schlimme Kindheit gehabt, erklärte Janett im Dezember.

Die Mutter war eine Alkoholikerin

Ihre Mutter sei eine Alkoholikerin gewesen. Ihre vier Brüder seien zur Adoption freigegeben worden und sie seit ihrer Geburt im Heim aufgewachsen. "Zwischendurch bei meiner Mutter, dann wieder im Heim", sagt Janett.

"Die Kinder oder jungen Frauen wünschen sich ja nichts anderes, als eine intakte Familie", erklärt Liana Kühn, die seit Jahren selbst Pflegekinder aufnimmt und zweifache Mutter ist. "Dazu gehört für sie Mutter, Vater, Kind." Auch wenn sie gar nicht in der Lage seien, Beziehungen zu führen. Wenn dann ein Partner gefunden werde, sei die Schwangerschaft schnell da. Doch genauso schnell erfolge nach einer Trennung vom Partner, auch die Trennung vom alten Kind – um mit einem neuen Partner eine neue Familie zu gründen.

Sowohl David als auch Janett haben bereits mehrere Kinder aus früheren Beziehungen. Zu diesen haben sie keinen Kontakt. Anfang des neuen Jahres haben sich die beiden getrennt. Janett ist ausgezogen. Ihr Kind, so sagen sie, haben sie nun doch zur Adoption freigegeben.

Der Leipziger Hauptbahnhof 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 20. Januar 2021 | 20:15 Uhr

16 Kommentare

Youn8805 vor 35 Wochen

Es bleibt ein Rätsel, was Herr Kretschmer mit dem Paar zu tun hat. Die Situation wäre ohne Corona die Gleiche. Davon ab, schein SZ Rentner identisch, mit Auf der Sonnenseite zu sein. Aber egal. Beide wollten meine Frage nicht verstehen. Zurück zum Thema. Die Mutter ist vielen Chemnitzern vom sehen her. Ein Kind muss wirklich nicht auf der Straße oder einer Gartenlaube aufwachsen. Aus meiner Erfahrung mit anderen, ist es sehr sehr schwer, einer derartigen Situation zu entsagen. Die Leutchen lieben ihre Freiheit, die meisten zumindest. Es gibt nur ganz wenige, die sich helfen lassen wollen und Hilfe ist, wenn man sie wünscht auch nutzbar. Es sind natürlich gewisse Anstrengungen von Nöten, die man umsetzen wollen muss. Wenn die Eltern für ihr Kind das beste wollen, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Raus aus dem einfachen Leben und zwar konsequent und dauerhaft, dabei auch die gebotene Hilfen annehmen oder so weiter machen und das Kind abgeben, auf das es ein vernünftiges Zuhause hat.

Harka2 vor 35 Wochen

Das ist ist richtig, aber hier geht es zu allererst um das Wohl des Kindes. Die Eltern hatte ihre Chance. Niemand muss in diesem Land obdachlos werden, niemand wird gezwungen Alkohol und Drogen zu konsumieren. Es gibt ein soziales Netz, dass solche Menschen auffangen kann, aber dazu müssen die das auch wollen. Ich kenne trockene Alkoholiker, die erst Familie und Kinder verlieren mussten, um endlich aufzuwachen. Ich kenne aber auch einen, der ist in jedem Entzug der Vorzeigepatient und greift zu Hause dennoch sofort wieder zur Flasche. Das Jugendamt muss da zum Wohle des Kindes entscheiden. Die Eltern müssen beweisen, dass sie sich dauerhaft geändert haben. Sie sind in der Bringschuld. Man kann ihnen nicht ihr Kind überlassen und nur hin und wieder nachsehen, ob es noch lebt. Ich hatte einen Klassenkameraden dessen Suffköppe von Eltern sich jeden Abend die Birne zudröhnten, sich gegenseitig verprügelten und wenn der jeweils andere nicht da war, verdroschen sie ihre Kinder.

Eulenspiegel vor 35 Wochen

Also ich denke das ist ein wirklich großes Problem. Die Eltern sind ja keine bösen Menschen und sie wollen mit Sicherheit für ihr Kind nur gutes. Die Frage ist aber wievielt Böses werden sie aus Unfähigkeit und gegen ihren Willen ihr Kind antun? Die Frage ist auch muss man dieses Kind darum vor seinen Eltern schützen. So ein kleines Würmchen ist ja allem schutzlos ausgeliefert.
Es ist schwer darauf eine Antwort zu finden. Da wird wahrscheinlich die Zukunft des Kindes auch noch kaputt gemacht damit die Eltern ihren Traum vom Familienglück ein paar Monate träumen können. Von einen halbwegs intakten Familie kann man da ja wohl absolut nicht reden. Also ich denke diese beiden Eltern haben mehr als genug damit zu tun ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Sie können auch nichts für die Situation in der sie hineingeboren wurden. Sie sind so gesehen auch nur Opfer. Und hier Eltern waren auch nur Opfer. Und dieses Kind wird darum auch nur ein Opfer werden.
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