Kopf-Prämien für Pflegekräfte Wie Kliniken bei der Konkurrenz Personal abwerben

Die Coronakrise hat die Personalprobleme der Kliniken verschärft. Einige Häuser versuchen Schwestern und Pfleger bei der Konkurrenz abzuwerben. Bis zu 10.000 Euro werden für einen Klinikwechsel dann in Aussicht gestellt.

Die Personalnot in den Kliniken spitzt sich immer weiter zu. Und das ist ein Teufelskreis: Wegen der extremen Arbeitsbedingungen und Überbelastung steigen auch immer mehr Pflegekräfte aus dem Beruf aus. Und dass der Klinikalltag ein Knochenjob ist, ist kein Geheimnis. Auch Nachwuchs zu finden, ist so natürlich schwer.

Punkten durch bessere Arbeitsbedingungen

Stefan Härtel ist Klinikchef im sächsischen Oschatz. Auch er sucht für sein Haus händeringend Personal. Mindestens zehn Krankenpfleger könnte er einstellen. Er will deswegen einen Werbespot im Radio schalten.

Porträt von Stefan Härtel
Stefan Härtel ist Chef vom Collm-Klinikum in Oschatz. Er sucht auch per Werbespot im Radio nach Mitarbeitern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um den Arbeitsalltag seiner Mitarbeiter am Collm-Klinium attraktiver zu gestalten, wurden längst die Dienstpläne angepasst und verschiedene Schichtmöglichkeiten entwickelt. Ein Baustein sei der "Muttidienst", der von 7:00 bis 15:00 Uhr geht. "Wir haben darüber hinaus eine Vielzahl von Sozialleistungen. Wir bezahlen auch die Kindergartenplätze“, sagt Klinikchef Härtel.

Das bewog auch Krankenpflegerin Kirstin Kappich, wieder am Collm-Klinikum in Oschatz einzusteigen. Nach der Geburt ihres Kindes konnte sie sich die stressigen Arbeitszeiten im Dreischichtsystem nicht mehr vorstellen und kündigte. Doch mit den neuen Angeboten konnte sie sich gut arrangieren. So wurde es ihr ermöglicht, ein Jahr lang nur Frühdienste zu absolvieren. "Ich bin jetzt allerdings auch wieder im Dreischichtsystem tätig und bin damit auch sehr glücklich", erkärt die Krankenpflegerin.

Kopfgeld oder Wechselprämien bis zu 10.000 Euro

Viele andere Krankenhäuser setzen auf das Lockmittel Geld. Kopfgeld- oder sogenannte Wechselprämien sind an der Tagesordnung. So warben die Leipziger Helioskliniken schon vor Corona per Anzeige um Pflegekräfte. Versprochen wurde eine Willkommensprämie bis zu 8.000 Euro für Fachkräfte mit Berufserfahrung. Auch die städtische Klinik in München lockte bereits mit Prämien. Jeder, der eine Pflegekraft erfolgreich abwirbt, sollte 4.000 Euro bekommen. Die Asklepius Klinik in Weißenfels zahlte sogar schon 10.000 Euro für einen neuen Pfleger, wenn dieser mindestens 18 Monate blieb.

Flyer mit Werbung für den Pflegeberuf - Pflege-Helden gesucht.
Auf diesem Flyer werden wechselwilligen Pflegekräften 3.000 Euro als "Ablösesumme" geboten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Abwerbungen direkt am bisherigen Arbeitsplatz

Christiane Jähnert ist Pflegedirektorinin der Zentralklinik im thüringischen Bad Berka. Sie hat selbst schon Pflegekräfte an andere Häuser verloren. Mit welchen Methoden dabei vorgegangen wird, ärgert sie. Direkt am Arbeitsplatz werde offen um die Mitarbeiter gebuhlt. "Direkt bis in den Arbeitsbereich, auf unseren Parkplätzen, vor unseren Eingängen", sagt sie. Das Personal werde sogar auf der Arbeitsstelle unverhohlen angerufen.

Christiane Jähnert, Pflegedirektorin, Bad Berka
Christiane Jähnert, Pflegedirektorin in der Zentralklinik Bad Berka, ärgert sich über die unmoralischen Abwerbemethoden anderer Kliniken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass Krankenhäuser wie Wirtschaftsunternehmen agieren und sich gegenseitig die Pflegekräfte abwerben, ist für  Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung zwar nachvollziehbar, aber nicht der richtige Weg. Das Ganze könne sich immer weiter steigern, warnt Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung: "Wir befürchten, wenn diese Spirale weiter nach oben geöffnet wird, wird es kleinere Einrichtungen geben, die das nicht finanzieren können und die dann als Verlierer aus diesem Wettbewerb heraus gehen.“

Porträt von Michael Isfort
Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung warnt vor einer sich immer weiterführenden Spirale bei den Abwerbungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Personalmangel als Ergebnis verfehlter Personalpolitik

Nachdem jahrelang am Pflegepersonal gespart wurde, lässt sich der Mangel nicht von heute auf morgen beheben, auch wenn die Kassen mittlerweile jede neu besetzte Stelle refinanzieren. Im Schnitt fehlen in jeder Klinik vier Ärzte und 13 Pflegekräfte. Und die Situation hat sich in den Klinken mit Corona verschärft. "Unsere Pflegekräfte haben nach Corona oft auf Teilzeit gewechselt, weil die Belastung im Arbeitsalltag seht hoch ist", sagt Christiane Jähnert. Um die eigene Gesundheit zu schonen, werde immer häufiger die Arbeitszeit verkürzt.

Geregelte Zeitarbeit statt unplanbarer Stress im Klinikalltag?

Die 31-jährige Sarah Kraft hatte schon vor Corona gekündigt. Jahrelang hatte sie auf einer Intensivstation gearbeitet. Wegen des Personalmangels war sie zuletzt permanent überlastet. Immer kämpfte sie mit dem schlechten Gewissen, nicht alle Arbeiten in der ihr gegebenen Zeit erledigen zu können.

Sarah Kraft, Krankenschwester
Krankenschwester Sarah Kraft hat bessere Arbeitsbedingen als Zeitarbeiterin, sagt sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da sie ihren Beruf trotz allem liebt, ist sie zur Dresdner Zeitarbeitsagentur "jobmedica" gewechselt und arbeitet jetzt als Leihkrankenschwester auf verschiedenen Stationen. Die Agentur bietet der jungen Mutter eine 35 Stunden Woche mit planbaren Schichten bei besserer Bezahlung. Das könne sie gut mit dem Familienleben vereinbaren und auch ihre Dienstzeiten mit gestalten. "Wenn es die Zeitarbeit nicht geben würde, würde ich diesen Beruf nicht mehr ausüben", betont die 31-Jährige.

Wenn es die Zeitarbeit nicht geben würde, würde ich diesen Beruf nicht mehr ausüben.

Sarah Kraft (31), Krankenschwester

Kein Einzelfall sagt Stefanie Rothe, die Chefin der Dresdner Zeitarbeitsagentur. Pflegepersonal wechsele freiwillig in die Zeitarbeit, weil es unter den Bedingungen der Krankenhäuser nicht mehr arbeiten wolle oder könne. Dazu zählten Überlastung, viele Überstunden, das Einspringen für krankheitsbedingt ausgefallene KollegInnen. "Wir können verschiedene Arbeitszeitmodelle anbieten. Wir haben Kollegen, die nur Im Spätdienst arbeiten wollen, wir haben auch die klassischen Mutti- und Vatischichten.“

Ausbildung von Bewerbern aus dem Ausland

Pflegedirektorin Christiane Jähnert setzt in Bad Berka auch auf die verstärkte Ausbildung neuer Pflegekräfte im eigenen Haus, um dem Personalmangel entgegenzutreten. Jedes Jahr werden in ihrem Haus 40 Krankenpfleger ausgebildet. Und viele Bewerber kommen aus dem Ausland.

Velo aus Madagaskar
Velo aus Madagaskar ist in Bad Berka im zweiten Ausbildungsjahr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Damit diese so schnell wie möglich Deutsch lernen, investiert die Klinik zusätzlich in Sprachkurse. Für die Pflegedirektorin ist das der einzige Weg, um für die Zukunft gewappnet zu sein. "Wenn mir mit diesen jungen Leuten gut umgehen, sie gut ausbilden, sie gut dabei begleiten, werden sie unser Haus schätzen lernen und hoffentlich ein ganzes Weilchen bei uns bleiben", hofft Christiane Jähnert.

Bis dahin wird die Pflegedirektorin auch hin und wieder Betten schließen müssen, um das vorhandene Personal nicht permanent auszubluten und die Qualität der Pflege aufrechtzuerhalten.

Quelle: MDR UMSCHAU

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 23. März 2021 | 20:15 Uhr

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