70-Prozent-Regel Warum wird die Einspeisung von Solarenergie reguliert?

In acht Jahren soll der Strom in Deutschland zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen. Dieses Ziel soll unter anderem durch Solaranlagen erreicht werden. MDR AKTUELL-Hörer Stephan Kämpf hat eine solche Photovoltaikanlage zu Hause. Aktuell dürfen private Anlagen nur 70 Prozent ihrer Maximalleistung ins öffentliche Netz einspeisen. Er fragt sich, ob man diese Begrenzung nicht aufheben könnte, um die Anlagen maximal zu nutzen?

Montage einer Solaranlage auf einem Hausdach
Private Photovoltaikanlagen an Häusern dürfen aktuell nur 70 Prozent ihrer Maximalleistung ins öffentliche Netz einspeisen. Bildrechte: IMAGO / Rolf Poss

Wer zu Hause eine Solaranlage installieren will, hat verschiedene Möglichkeiten: Den erzeugten Strom natürlich selbst nutzen oder ihn dem öffentlichen Netz zur Verfügung stellen und dafür Geld bekommen. Hier kommt die Wirkleistungsbegrenzung ins Spiel, auch 70 Prozent-Regelung genannt. Sie besagt: Kleinere Solaranlagen dürfen nur 70 Prozent ihrer Maximalleistung ins öffentliche Netz einspeisen.

Warum das so ist, erklärt der Rechtsanwalt Christoph Richter. Er arbeitet in einer Kanzlei, die auf erneuerbare Energien spezialisiert ist. Bei der 70-Prozent-Regelung gehe es um die Stabilität des Netzbetriebs: "Dafür sind die Netzbetreiber verantwortlich und die müssen dafür sorgen, dass es nicht zu viel Strom im Netz gibt. Das nennt man dann einen sogenannten Netzengpass. Da werden die Netze überwacht und es wird geguckt: Können die Netze das, was da reindrückt durch die erneuerbaren Energien, noch verarbeiten."

Mehrleistung im Haus nutzen

Die 70 Prozent-Regelung soll also dafür sorgen, dass das Netz nicht überlastet wird. Allerdings kommt es nur selten vor, dass die Anlagen so viel produzieren. Deshalb werde den Besitzern von Solaranlagen auch kein Strom weggenommen, sagt Thomas Seltmann vom Bundesverband Solarwirtschaft. Nur unter ganz bestimmten Witterungsbedingungen, wenn es sehr kalt ist und die Sonne senkrecht auf die Anlage scheint, könne man mehr als diese 70 Prozent erzeugen.

Aber auch dafür gebe es eine Lösung für die Anlagenbetreiber: "Man kann die Anlage nämlich so anschließen, dass diese Mehrleistung dann im Haus verbraucht wird. Das nennt man die dynamische Einspeisungsbegrenzung. So kann man die Energie auch noch nutzen, die da erzeugt wurde", sagt Seltmann.

Keine Abschaffung der 70-Prozent-Regelung

Den Plan, die 70-Prozent-Regelung kurzfristig abzuschaffen, gibt es deshalb nicht. Auch wenn das durchaus diskutiert wurde, sagt Matthias Futterlieb vom Umweltbundesamt. Er denkt, dass es vor allem schwer umzusetzen wäre: "Das ist ein sehr großer Aufwand für einen eher kleinen Solarertrag. Wir haben im Moment die Situation, dass es zu wenig Fachkräfte gibt, die wirklich Photovoltaikanlagen installieren können. Die müssten dann abgezogen werden und bei den Anlagenbetreibern, die es interessiert, die Wechselrichter neu ausstatten oder umprogrammieren", erklärt Futterlieb.

Futterlieb hält es deshalb für sinnvoller, neue Solaranlagen zu bauen. Neu im Ausbau von erneuerbaren Energien ist jetzt auch das sogenannte Osterpaket der Bundesregierung. Geplant ist unter anderem, an Anlagenbesitzerinnen und -besitzer mehr Geld zu zahlen. Wer sich also entscheidet, seinen Strom nicht für den Eigenbedarf zu nutzen, sondern ihn ins öffentliche Netz einspeist, soll in Zukunft bis zu etwa 14 Cent pro Kilowattstunde bekommen. Vorher waren es knapp sieben Cent.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass private Photovoltaikanlagen aktuell nicht mehr als 70 Prozent ihres erzeugten Stroms in das öffentliche Netz einspeisen dürfen. Das ist falsch. Richtig ist, dass private Anlagen nur 70 Prozent ihrer Maximalleistung ins öffentliche Netz einspeisen dürfen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. April 2022 | 06:26 Uhr

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