Hörer machen Programm Was lehrt uns die Polio-Debatte übers Impfen?

Die Corona-Impfquote in Deutschland ist noch nicht dort, wo sie laut Epidemiologen sein sollte. Das liegt auch an der Skepsis gegenüber den aktuell verfügbaren Covid-Impfstoffen. Schon einmal sorgte ein neuartiger Impfstoff für wilde Debatten in Deutschland – und zwar mitten im Kalten Krieg. Der Kampf gegen die Krankheit wurde politisch ausgeschlachtet. Ob wir daraus nicht etwas lernen können, fragte uns eine MDR-AKTUELL-Userin.

  • Das Vakzin gegen Kinderlähmung war in der DDR ein Lebend- und Schluckimpfstoff. Im Westen wurde anfangs noch gespritzt.
  • Lebendimpfstoffe wirken sehr viel besser, bringen aber ein höheres Risiko an Nebenwirkungen mit sich.
  • Die DDR nutzte ihre geringeren Fallzahlen damals für Propaganda. Der Medizinhistoriker Thießen rät bei Pandemien jedoch, global zu denken.

"Millionen Menschen in Westdeutschland schweben noch immer in Gefahr, den qualvollen Polio-Tod zu erliegen. Für die Bonner Machthaber sind Atomraketen wichtiger als das Leben und die Gesundheit der Bürger." So berichtete mitten im Kalten Krieg das DDR-Fernsehen 1961 in der "Aktuellen Kamera" über das unterschiedliche Vorgehen der beiden deutschen Staaten im Kampf gegen die Kinderlähmung.

DDR hatte mit Schluckimpfung die Nase vorn

Deutschland Ost und West hätten damals auf verschiedene Impfstoffe gesetzt, erklärt der Medizinhistoriker Malte Thießen aus Münster: "In den 50er-Jahren spielte die Polio eine große Rolle. Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik sorgte Kinderlähmung für viele Erkrankungen." Die Sehnsucht nach einem Impfstoff sei sehr groß gewesen. "Und deshalb wurde er sehr, sehr begeistert angenommen." Dass er begeistert angenommen worden sei, habe auch damit zusammengehangen, dass es in der DDR ein Schluckimpfstoff gewesen sei. "Im Westen wurde noch gespritzt", erzählt Thießen.

Höheres Risiko an Nebenwirkungen, aber auch großer Erfolg

Und zwar sei ein Totimpfstoff aus den USA gespritzt worden. Er galt als sicherer, aber war weniger wirksam als das im Osten verwendete Vakzin – entwickelt ebenfalls in den USA, aber weiterentwickelt und hergestellt in der UdSSR. Dieser Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Polio-Viren wurde auf ein Stück Würfelzucker geträufelt und geschluckt. "Lebendimpfstoffe wirken sehr viel besser, bringen aber auch ein höheres Risiko an Nebenwirkungen mit sich."  Und das sei in der DDR durchaus diskutiert worden, sagt Thießen.

Thießen beleuchtet in seinem Buch "Immunisierte Gesellschaft" die deutsche Impfgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte. Er weiß zu berichten, dass es in der DDR durchaus einzelne Mediziner gegeben habe, die den neuartigen Impfstoff skeptisch sahen, da eine Infektion Dritter durch mit dem Stuhlgang ausgeschiedene Krankheitserreger möglich gewesen sei. Doch letztlich sprach der Erfolg für das Mittel aus der Sowjetunion. So sank in der DDR die Zahl der an Kinderlähmung Erkrankten von 1.000 im Jahr 1959 gerade einmal vier Fälle 1961.

Bundesrepublik übernimmt DDR-Impfstoff in den 60ern

Öffentlichkeitswirksam bot die DDR 1961 dem Westen sowjetische Polio-Impfstoffe an. Thießen nennt das eine "klug komponierte Propagandaaktion". Die Erkrankungszahlen hätten sehr viel höher gelegen als im Osten und es hätte durchaus Ärger darüber gegeben, "dass Adenauer dieses Angebot nicht annimmt". Schließlich setzte auch der Westen auf die Schluckimpfung, geliefert aus den USA.

Lehren aus der Polio-Debatte

Medizinhistoriker Malte Thießen meint, aus dem Vorgehen gegen die Kinderlähmung könne man zwei Dinge für die aktuelle Impfdiskussion lernen: "Das eine ist, dass man bei einem Kampf gegen Pandemien, oder auch Epidemien wie die Polio, global denken muss. "Das ist eigentlich etwas, was vorbildlich sein sollte. Die politischen, ideologischen Fragen hinten anzustellen und gemeinsam an das Problem heranzugehen." Und es habe eine zweite Lehre gegeben: "Die Polioimpfung führte dazu, dass die WHO ein globales Impfprogramm auflegte." Die damit verbundene Lehre sei, so Thießen: "Nur wenn alle geschützt sind, sind auch wir geschützt." Das gelte auch für den Kampf gegen die gegenwärtige Pandemie.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Januar 2022 | 06:24 Uhr

121 Kommentare

Gerd Mueller vor 1 Wochen

"Wie oft sollen die Kinder noch geimpt werden und für was? Derzeit steht die 3. Impfung ab 12 Jahren, die 4. ist in Vorbereitung."

Das sind provozierende Lügen des @max 08 15

Kinder wurden erst 1 x geimpft!

Gerd Mueller vor 1 Wochen

den Impfzwang konnten sich die wenigsten entziehen, der Unrechtsstaat braute alle um Mangelwirtschaft zu verwalten, die menschenverachtende Diktatur zu erklären ist peinlich und kosten Steuerzahlende heute noch Millionen

astrodon vor 1 Wochen

@Max0815: Leider kam mein Post zur angeführten Mortalitätsrate nicht durch, war wohl zu scharf formuliert ... Deswegen nochmal die einfache Frage: Wo kommen die 0,8 her und warauf beziehen die sich ?

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