Magic Mushrooms, Zaubertrüffel und Co. Wie gefährlich sind psychedelische Trüffel, Microdosing und legale Trips im Ausland?

Was hat es mit legalen Trüffel-Trips in den Niederlanden, Microdosing und 1CP-LSD auf sich? exactly-Reporter Milan Schnieder begibt sich auf eine Recherche-Reise mit Selbstversuch und spricht mit einem Mediziner über gefährliche Nebenwirkungen und mögliche Potenziale von Psychedelika.

LSD-Molekül
Psychedelische Pilze, LSD, Microdosing – Trips, Workshops und Online-Kurse hierzu liegen im Trend. Vieles davon ist in Deutschland verboten. Bildrechte: IMAGO

Legale, rauschartige Trips mit Pilzen – was steckt dahinter? Sind solche Trips gefährlich? Verändern sie die Persönlichkeit – zum Besseren? Um das herauszufinden, geht es für Reporter Milan Schnieder in die Niederlande. Dort trifft er auf Lionel Schibli, der sich mit sogenannten Trüffel-Veranstaltungen selbstständig gemacht hat. Und weil solche Veranstaltungen und "Trips" in Deutschland verboten sind, macht er sie in den Niederlanden. Dort sind solche Veranstaltungen legal.

1.500 Euro für drei Workshop-Tage

Die Workshops, die Schibli anbietet, sind für drei Tage konzipiert und kosten 1.500 Euro pro Person. Für dieses Geld soll man im besten Fall eine Persönlichkeitsentwicklung erfahren. Als Veranstaltungsort hat Lionel Schibli ein abgeschiedenes Yoga-Retreat ausgesucht, das früher ein Kloster war. Er und sein Team betreuen hier Leute dabei, Psychedelika zu nehmen. Der Wirkstoff in den Trüffeln heißt Psilocybin und kommt auch in Pilzen vor, die in Deutschland heimisch sind. Ab einer bestimmten Menge ruft der Wirkstoff unter anderem starke Halluzinationen hervor.

Was sagen Mediziner zu solchen Trips?

Dr. Hendrik Jungaberle sitzt in einem Konferenzraum. Er ist per Videokonferenz zugeschaltet.
Dr. Hendrik Jungaberle betont die Gefahren von psychedelischen Trüffeln: Es kann zu starken Halluzinationen, Konfusion, absolute Verwirrung und Orientierungslosigkeit kommen. Bildrechte: MDR Exakt (exactly)

Dr. Henrik Jungaberle forscht selbst zur Anwendung von Psychedelika im medizinischen Kontext. Die Unterscheidung zum Gebrauch in der Freizeit ist ihm besonders wichtig. Doch unabhängig vom Setting gibt es Personen, die auf keinen Fall solche Substanzen nehmen sollten: "Ausschlusskriterien sind psychotische Episoden, die ein Mensch schon mal früher in seinem Leben hatte, eine Borderline-Erkrankung oder schwere Formen von Borderline-Erkrankungen", sagt Jungaberle.

Für den Körper sind Pilze und Trüffel quasi ungiftig, aber wer zum Beispiel herzkrank ist, könne sich bei einem Rausch so stark aufregen, dass er oder sie deshalb Probleme bekommt. Der Mediziner erklärt hierzu:

"Die Nebenwirkungen von Psilocybin liegen auf der psychischen Ebene. Also eine zu hohe Menge Psilocybin kann dazu führen, dass jemand psychotisch wird, “verrückt” wird. Vorübergehende Zustände erlebt von Konfusion, von absoluter Verwirrung, von Orientierungslosigkeit, von Halluzinationen."

Bewusstseinserweiterung durch Psychedelika

Eine Gruppe sitzt in einem großen weißen Raum mit Kamin, alle sitzen auf dem Boden und sind sportlich-locker gekleidet. Es sind viele Matratzen im Raum, auf die sich die Gruppe verteilen kann.
Gruppenbild aus den Niederlanden: Die mehrtägigen Veranstaltungen finden in einem ehemaligen Kloster statt. Bildrechte: MDR Exakt (exactly)

Es gibt im Wesentlichen drei Gründe, warum Menschen Psychedelika nehmen: Manche finden es aufregend, auf einer Party oder einem Festival 'zu trippen', also psychedelische Drogen zu konsumieren. Das kann aber schiefgehen, zum Beispiel wegen der unkontrollierten Sinneseindrücke, von Mischkonsum ganz zu schweigen. In einem medizinischen Setting könnte Psilocybin sogar bei Depressionen helfen. Dazu wird derzeit eine große, klinische Studie, an der auch die Charité beteiligt ist, durchgeführt. Und dann gibt es Leute, die nehmen Psychedelika zur Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung. Diese Menschen fühlen sich von einem Workshop-Angebot, wie es in den Niederlanden geboten wird, angezogen.

Erfahrungen des Workshopleiters

Milan Schnieder und Lionel, der „Psychonaut“, laufen zusammen durch einen Park
Lionel Schibli (rechts) erzählt Reporter Milan Schnieder (links) von seinen Beweggründen, andere Menschen bei einem Trüffel-Trip begleiten zu wollen. Er möchte ihnen dabei ein sicheres Umfeld bieten. Bildrechte: MDR Exakt (exactly)

Ein Unternehmen zu psychedelischen Erfahrungen zu gründen, das kommt bei Workshopleiter Lionel Schibli nicht von ungefähr – denn er selbst hatte eine schlechte erste Erfahrung mit LSD, wie er im Interview erzählt. Genau deshalb möchte er anderen Menschen psychedelische Trips mit Psilocybin in einer sicheren Umgebung ermöglichen. Einen besonderen Titel hat er sich dafür auch gegeben: "Psychonaut". Er erklärt: "Das ist, wenn du viel Erfahrung mit psychedelischen Reisen hast. Ich habe jetzt ungefähr in den letzten drei Jahren 60 psychedelische Reisen unternommen."

Den ersten Trip mit Psilocybin hat er noch sehr gut in Erinnerung: "Ich habe diesen Trüffel gegessen, mit Freunden. Es war eine ganz andere Herangehensweise, es war eine Zeremonie. Das war ein Setting, wo ich mich sicher und geschützt gefühlt habe. Eine Freundin war dabei, die hat mich im Arm gehalten. Ich wusste: Hier bin ich ich selbst. Diese Erfahrung hat mir geholfen, Feindbilder aufzulösen."

Risikominimierung: Wer darf teilnehmen – und wer besser nicht?

Auch wenn die Geschichte von Schibli "super weird, aber auch interessant klingt", wie der Reporter sagt, solche Trips können auch sehr gefährlich sein. Bestimmte Menschen sollten komplett die Finger davonlassen. Damit nur Menschen teilnehmen, für die sich solche Substanzen eignen, müssen sie vor der Workshop-Buchung einen Fragebogen ausfüllen. Den wertet anschließend eine Psychologin aus.

Zeremonie mit psychedelischen Trüffeln

Der Tag der Trüffel-Zeremonie in den Niederlanden startet mit einem Schweigespaziergang im Wald und einem gemeinsamen zwei-minütigen Eis-Bad der Teilnehmenden. Bevor es dann wirklich losgeht, müssen die Trüffel geerntet werden: Lionel hat sie von einem Hersteller in den Niederlanden gekauft. Sie wachsen in einem Substrat, das vor allem aus Weizen besteht. Das Ganze riecht ein bisschen nach Hefe. "Das ist die Schatulle, in der wir die Trüffel geben. Da packen wir jetzt 20 Gramm rein. Und die Leute werden sich dann selber eine Dosis zwischen 20 und 30 Gramm aussuchen", erklärt er.

"Warum 20 bis 30 Gramm?", fragt exactly-Reporter Milan Schnieder nach. Das seien Erfahrungswerte, und mit dieser Menge sei garantiert, "dass du auf die andere Seite kommst, dass du eine tatsächliche Bewusstseinserweiterung hast. Wenn du zu gering dosierst, kann es sein, dass du in diesem Verwandlungsprozess stecken bleibst. Wobei hier niemand enttäuscht wieder gehen soll, dosieren wir lieber zu viel als zu wenig", antwortet Lionel Schibli.

Vor dem Trip: Ärztliche Kontrolle

Eine waghalsige Einstellung, wie der Reporter kommentiert. In Deutschland wäre die Veranstaltung, der Workshop, der Trip, die komplette Prozedur also, illegal. Aber auf niederländischem Boden ist es erlaubt. Aber auch wenn Trüffel in Holland legal sind, nicht alle heißen den Umgang damit gut. Deshalb möchte zum Beispiel die Ärztin, die ebenfalls zu Lionels Team gehört, anonym bleiben. Sie unterzieht die Teilnehmenden vor der Einnahme der Pilze einem Routine-Check: Puls, Blutdruck und Lungenfunktion werden genau überprüft.

Was passiert bei einem Psilocybin-Trip?

Trippen in einem geschützten Raum, mit vorheriger ärztlicher Untersuchung und Unterstützung einer Psychologin – für Jenny, eine der Workshop-Teilnehmenden, ist es nicht das erste Mal, dass sie solch eine Erfahrung macht. Sie reizt das Loslassen in diesen Momenten:

Eine Gruppe von Frauen und Männern, sie sitzen im Schneidersitz und im Kreis unter einem weißen Zelt.
Psilocybin kann zu starken Halluzinationen führen. Oder zu einem Trip, der die Persönlichkeit und das Bewusstsein erweitert. Von einer solchen Erfahrung fühlen sich die Workshopteilnehmenden angezogen und sind bereit, 1.500 Euro pro Person für einen Workshop zu zahlen. Bildrechte: MDR Exakt (exactly)

Der Trip geht ja vorbei. Also selbst wenn es mal herausfordernd wird – ich meine: die meisten Themen sind ja sowieso unterschwellig da. Sie kommen dann einfach, ja, zum Vorschein. Und dann annehmen, loslassen, weitermachen.

Jenny, Teilnehmerin des Workshops

Starke Nebenwirkungen möglich

Diese Zustände können allerdings so intensiv werden, dass man vergesse, dass das an der Substanz liege. Es könne also dazu kommen, dass der Mensch sich mit einem anderen identifiziere oder glaubt, er sei ein anderer oder er meint, er verfüge über übermenschliche Kräfte oder ist so verwirrt, dass er sich selbst verletze, führt der Mediziner aus. Das seien die klassischen Nebenwirkungen eines unsachgemäßen Gebrauchs.

Kritisch sieht Dr. Henrik Jungaberle besonders solche Workshops wie in den Niederlanden: "Also ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft nicht mehr auf solche Settings, die niemand zertifiziert hat, wo die Leute unklar ausgebildet sind, zugreifen sollten."

Psychologischer Beistand in Notfall-Situationen

Für den Fall, dass jemand mit seinem Trip überfordert ist oder Probleme hat, ist bei Schiblis Veranstaltungen eine Psychologin anwesend. Sie möchte aus den gleichen Gründen anonym bleiben wie die Ärztin, ist aber zu einem Interview bereit. Sie erklärt ihre Rolle während der Zeremonie: "Ich bin im Nebenraum, falls jemand Unterstützung braucht. Wenn zum Beispiel starke Emotionen hochkommen. Wenn jemand stark weinen muss, große Angst hat. Oder kämpft, loszulassen. Dann werde ich ins Zimmer geholt oder gehe eventuell auch mit jemandem in ein anderes Zimmer." Als nüchterne Person wird sie aber erst im Notfall in den Raum geholt.

Selbstversuch

Reporter Milan Schnieder steht vor einer Graffiti-Wand
Reporter Milan Schnieder wagte den Selbstversuch: Ein legaler Trip in den Niederlanden. Bildrechte: MDR Exakt (exactly)

Seinen Trip im Selbstversuch beschreibt Milan Schnieder in eigenen Worten: "Es beginnt mit leichten Halluzinationen, die vor allem bei geschlossenen Augen stärker werden. Ich gerate in einen Zustand des Wohlbefindens und der Genügsamkeit. Später finde ich den Rausch ganz lustig und werde richtig albern. Ich vertiefe mich in ein Staubkorn auf dem Boden." Anschließend sei er ins Grübeln geraten und hätte sich viele Gedanken zum Thema Umweltzerstörung gemacht. Insgesamt dauerte der Rauch etwa vier Stunden an.

Eine der Teilnehmenden beschreibt ihre Erfahrung, die ihr dabei helfen, Probleme zu bearbeiten als "herausfordernd": "Und wenn du in einer psychedelischen Erfahrung bist, dann kommt es hoch und du kannst es dir angucken. Und dann damit arbeiten. Klar, es ist manchmal unangenehm und vielleicht auch ein bisschen spooky. Aber in dem Moment hast du es gesehen und weißt, dass es da ist. Und das finde ich persönlich besser, als wenn da immer unterschwellig irgendein Thema vor sich hin lodert und ich eigentlich gar keinen Zugang dazu habe."

Psychedelika-YouTuber aus Leipzig

Auch andere befassen sich intensiv mit Themen rund um Pilze, Zaubertrüffel und LSD: Maximilian Wüsten hatte bis vor kurzem einen YouTube-Kanal zum Thema Psychedelika. Doch die Plattform hat den Account gelöscht. Der Grund dafür: Sie unterstellt ihm einen Verstoß gegen die Community-Richtlinien. Dagegen geht Wüsten gerade mit einem Anwalt vor.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten organisiert er den "Psychedelischen Salon Leipzig". Dort treffen sich Leute zum Austausch über jenes Thema, das zu einer Berufung für ihn geworden ist, wie er erzählt. Und: Er kennt sich mit Microdosing aus. Beim Microdosing, also der Mikrodosierung, nimmt man eine so kleine Menge der Substanz ein, dass keine psychedelische Wirkung eintritt.

Selbstoptimierung und Microdosing

Viele behaupten, dass sich das in ihrem Alltag zur Selbstoptimierung eigne. Es soll unter anderem leistungsfähiger machen. In Deutschland ist aber auch Microdosing, zumindest mit Psilocybin, illegal. Man kann es aber mit legalen Substanzen machen: Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Ende Mai war das noch mit 1CP-LSD möglich. Seine Erfahrungen in puncto Microdosing, das Wohlbefinden, Kreativität und Fokus hervorheben soll, gibt Wüsten in Online-Kursen weiter. Ein Kurs geht zwei bis drei Stunden und kostet 20 Euro pro Person.

1CP-LSD 1CP-LSD ist eine neue Variante von LSD, die bisher noch nicht von den Gesetzen erfasst wurde. Mittlerweile haben Bundesrat und Bundestag auch hierfür das Verbot beschlossen.

Es gibt tatsächlich auch eine psychedelische Pflanze, die in Deutschland legal ist, mit der Microdosing betrieben werde, sagt Wüsten. Die Pflanze heißt Iboga: "Und diese Iboga-Pflanze, die kommt ursprünglich aus Afrika und wird dort auch im Schamanismus eingesetzt." Aber auch für Iboga gilt: Bei einer höheren Dosierung kann es Risiken geben.

Nebenwirkungen bisher unerforscht

Dr. Jungaberle zeigt die Gefahren von Microdosing auf: "Also bei Microdosing sollte klassisch gesehen im Grunde gar keine Wirkung, also subjektive Wirkung, spürbar sein. Aber oftmals schwanken die Dosen, da die Menschen so kleine Dosierungen gar nicht selber einteilen können. Bei der Selbstmedikation verhalten sich die Leute oft super chaotisch. Außerdem gibt es die mögliche Gefahr bei Psilocybin sowie LSD, dass eine Langzeiteinnahme zu körperlichen, physiologischen Schäden führen kann." Damit sind zum Beispiel Herzstörungen gemeint. Genaue Aussagen kann man nicht mit Sicherheit treffen, sagt der Mediziner, denn Nebenwirkungen von Microdosing sind (noch) unerforscht.

Hilft Psilocybin gegen Depressionen?

Der mögliche Nutzen bei richtigem Umgang ist aber vorhanden: Psilocybin findet immer mehr Beachtung in der medizinischen Forschung, zum Beispiel bei der Behandlung von Depressionen. Die persönliche, subjektive Erfahrung im Retreat war für den Reporter beeindruckend und trotzdem – er würde sich eine Art Gütesiegel wünschen, anhand derer man seriöse Anbieter erkennen kann. Denn: Es wird mit Drogen hantiert – auch bei Microdosing.

Quelle: MDR exactly/NvdW

Dieses Thema im Programm: exactly | 11. Juli 2021 | 11:00 Uhr

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