Neues Testverfahren 40 Prozent weniger Rhesus-Prophylaxe bei Schwangeren

Sind die Rhesusfaktoren von Schwangeren und ihren Babys nicht kompatibel, kann es zu Spätfolgen für die Mutter und weitere Kinder kommen. Deswegen wurden bisher alle rhesus-negativen Schwangeren prophylaktisch mit Antikörpern behandelt. Seit Juli gibt es ein neues Verfahren, das vor der Geburt zeigen kann, ob die Mutter diese Prophylaxe überhaut braucht. Dadurch kann knapper Impfstoff gespart werden.

Ultraschall-Untersuchung bei einer Schwangeren Frau
Rhesus-Antikörper können nicht synthetisch hergestellt werden. Bildrechte: dpa

Die 34-jährige Melanie gehört zu den 15 Prozent aller Menschen, die Rhesus-negativ sind. Das heißt, ihre Blutkörperchen haben keinen Rhesus-Faktor: "Meine Blutgruppe und die Rhesus-Negativität habe ich erst durch die Schwangerschaft erfahren." Die Gynäkologin Dr. Cornelia Hösemann begleitet Melanie in ihrer Schwangerschaft. Die Ärztin sagt: "Für werdende Mütter ist das eine wichtige Information."

Rhesusfaktoren

Als Rhesusfaktor werden bestimmte Eiweiße auf der Oberfläche von roten Blutkörperchen bezeichnet. Fehlen diese Eiweiße, gilt das Blut als rhesus-negativ. Diese Merkmale spielen etwa bei Bluttransfusionen eine Rolle. Neben der Blutgruppe zählt der Rhesusfaktor zu den wichtigsten Blutmerkmalen. Quelle: Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes

Bewährte Prophylaxe

Vor allem, falls Melanie noch ein zweites Baby möchte. Denn die Mutter könnte durch die erste Schwangerschaft Antikörper gebildet haben, die das zweite Kind eventuell abstoßen. Das kann passieren, wenn das Baby rhesus-positiv ist. Durch die Gabe hoch konzentrierter anderer, spezieller Rhesus-Antikörper für die Mutter kann das verhindert werden. Die Behandlung ist bewährt. Doch bis jetzt war es schwer herauszufinden, ob eine solche Spritze überhaupt notwendig war.

Die Gynäkologin sagt: "Ich kenne sogar noch die Zeit, wo man die werdenden Väter eingeladen und ihnen Blut abgenommen hat." Am Ergebnis des Bluttests konnte man einschätzen, ob eine Konstellation vorlag, wegen der die werdende Mutter Prophylaxe bekommen sollte. Allerdings seien manche Männer umgefallen und hätten betreut werden müssen, erzählt Hösemann. Außerdem seien es nicht immer die richtigen Männer gewesen.

Vorsorge-Spritze in 40 Prozent der Fälle unnötig

Seit circa zehn Jahren werde nur das Blut der werdenden Mütter als Grundlage herangezogen, um zu entscheiden, ob sie den Impfstoff, also die hoch konzentrierten Rhesus-Antikörper, gespritzt bekämen, erklärt Gynäkologin Hösemann: "Alle rhesus-negativen Frauen bekamen die Prophylaxe in der 28. Schwangerschaftswoche. Dann wurde zur Entbindung nochmal die Blutgruppe des Kindes bestimmt."

Wenn das Kind rhesus-positiv gewesen sei, habe die Mutter im Wochenbett nochmal eine Prophylaxe bekommen. Das heißt, alle rhesus-negativen Frauen bekamen bisher die Spritze, egal, welchen Rhesus-Faktor ihr Baby hatte.

In 40 Prozent der Fälle haben die Babys jedoch den gleichen Rhesus-Faktor wie die Mutter, sind also rhesus-negativ. In diesem Fall bildet die Mutter keine Antikörper und braucht entsprechend auch keine Prophylaxe.

Rhesus-Faktor von Mutter und Kind per Bluttest bestimmbar

Mit dem neuen Verfahren ist es möglich, über das Blut der Mutter auch den Rhesus-Faktor im kindlichen Blut zu bestimmen. Damit kann festgestellt werden, ob eine Therapie überhaupt nötig ist. Die Gynäkologin erklärt: "Zum einen belasten wir 40 Prozent weniger Mütter mit der RH-Prophylaxe" – außerdem spare man Impfstoffe ein.

Knappen Impfstoff sparen

Impfstoff zu sparen ist tatsächlich der große Vorteil der Methode. Denn der Impfstoff mit den Rhesus-Antikörpern kann nicht synthetisch hergestellt werden. Er ist somit eine knappe Ressource, die dazu immer knapper wird. Denn er wird durch Plasmaspenden von Menschen gewonnen, die eigentlich rhesus-negativ sind, aber früher einmal eine falsche Transfusion bekommen und deshalb selbst Antikörper im Blut haben. Da solche Fehler aber schon lange kaum mehr vorkommen, gibt es immer weniger dieser Rhesus-Plasmaspender – in Deutschland keinen einzigen mehr.

Eine Woche muss Melanie auf das Ergebnis ihres Bluttests warten. Dann weiß sie, ob ihr Kind den gleichen Rhesus-Faktor hat wie sie oder nicht. Und ob eine Prophylaxe-Spritze tatsächlich notwendig sein wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. September 2021 | 08:16 Uhr

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