Corona-Teststrategie RKI empfiehlt jetzt "fallbasiertes Nicht-Testen"

Das Robert Koch-Institut hat angesichts der Überlastung der Labore seine Empfehlungen für Coronavirus-Tests geändert. Demnach soll es möglichst keine PCR-Tests für reine Verdachtsfälle mehr geben, also für Menschen ohne eindeutige Covid-19-Symptome. Damit soll verhindert werden, dass in der Erkältungssaison zu viele Coronavirus-Tests das bisherige System zusammenbrechen lassen.

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
Coronavirus-Tests überlasten die Labore: Neue Kriterien sollen das verhindern. Bildrechte: dpa

Angesichts der rasant zunehmenden Coronavirus-Infektionen sollen Testlabore vor Engpässen bewahrt werden. "Um die Pandemie im Griff zu behalten, mussten wir die Notbremse ziehen", hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag bei seiner gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Robert Koch-Institut (RKI) gesagt.

Inzwischen hat das RKI seine Empfehlungen angepasst und eine erste zusammenfassende Variante veröffentlicht. Die Empfehlungen waren zuvor bereits einige Male angepasst worden. Das Institut empfahl dabei schon immer, Menschen mit typischen Symptomen zu testen. Ende April war diese Empfehlung allerdings gelockert worden, um auch Menschen mit nur leichten Symptomen zu testen.

Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtet hatte, waren die Test-Kapazitäten in Deutschland damals jedoch nach Einschätzung der Experten als ausreichend eingeschätzt worden, um mehr Menschen testen zu können.

Labore: "Rote Ampel überfahren"

Das ist jetzt anders: Labore warnen vor einer Überlastung. Der Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin teilte am Dienstag auf Basis der Daten aus 162 Laboren mit, dass ihre Kapazität erstmalig zu 100 Prozent ausgelastet sei. Inzwischen sei "die rote Ampel überfahren", sagte Verbandschef Michael Müller. Bei einer weiteren "Überflutung mit Proben" drohe ein Zusammenbruch des Systems.

Müller sprach von "gefährlichen Zuständen" und erinnerte daran, dass in den fachärztlichen Laboren "auch alle anderen Untersuchungen für die allgemeine Versorgung der Bevölkerung durchgeführt" werden. Der Verband kritisierte, dass noch immer zu viele PCR-Tests bei Personen ohne Symptome gemacht würden. Für zusätzliche ungezielte Testkonzepte gebe es keinen Spielraum mehr.

Vergangene Woche wurden in den 162 Laboren rund 1,4 Millionen PCR-Tests gemacht, wovon 7,3 Prozent oder 104.663 positiv waren. Der Rückstau von Proben ohne Befund hat sich vergrößert – nicht nur bei aufgelaufenen Coronavirus-Tests.

PCR- versus Antigen-Tests

In den Empfehlungen geht es um die als am sichersten geltenden sogenannten PCR-Tests, die in Fachlaboren im Auftrag von Ärzten, Kliniken, Gesundheitsämtern oder Krankenkassen ausgewertet werden. Daneben gibt es sogenannte Antigen-Schnelltests, die von den neuen Empfehlungen nicht betroffen sind. Eine Liste der zugelassenen Antigen-Tests bietet das Bundesgesundheitsministerium.

Kein Test bei Symptomen – trotzdem Isolation

Das RKI erläuterte, je höher die Fallzahlen seien, desto schwieriger werde es, alle Menschen mit Erkältungssymptomen zu testen. Gebraucht würden dann mehr als drei Millionen Tests pro Woche, was laut RKI-Vizepräsident Lars Schaade weder nötig noch möglich ist. Deshalb habe das RKI die Empfehlungen zu den Testkriterien angepasst.

Faktoren seien etwa Symptome, die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe oder die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit dem Coronavirus. Im Zweifel greife ansonsten eine Strategie des "Fallbasierten Nicht-Testens".

Das RKI reagiere so auf die Tatsache, dass Atemwegserkrankungen in der kalten Jahreszeit häufig seien und nicht mehr als alleiniges Testmerkmal dienen sollen. Da jedoch auch ein Schnupfen der Ausdruck einer Sars-CoV-2-Infektion sein könne, sollten Personen, die nicht alle Kriterien für einen Test erfüllen, sich trotzdem – soweit umsetzbar – für fünf Tage zu Hause isolieren, bis mindestens 48 Stunden keine Symptome mehr auftreten.

Tests sollen laut RKI jetzt aber nach einem strengeren Schema und beim Auftreten von mehr als einem Kriterium erfolgen. Diese sind:

  • schwere Symptome (akute Bronchitis, Pneumonie, Atemnot, Fieber)
  • akute Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns
  • ungeklärte Erkrankungssymptome und direkter Kontakt (Kategorie 1) mit einem bestätigten Covid-19-Fall
  • Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe
  • Tätigkeit in Pflege, Arztpraxis, Krankenhaus
  • erhöhte Expositionswahrscheinlichkeit im Haushalt oder außerhalb und einer erhöhten Sieben-Tages-Inzidenz (> 35/100.000 Einwohner) in Landkreis oder Stadt.

Anspruch von Kontaktpersonen bleibt - vorerst

Gleichwohl haben seit Mitte Oktober nach einer geltenden Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums auch asymptomatische Kontaktpersonen einen Anspruch auf einen Coronavirus-Test, wenn ein Arzt oder das Gesundheitsamt diesen anordnet. Ob diese Verordnung, die insbesondere die Bezahlung von PCR-Tests durch gesetzliche Krankenkassen regelt, demnächst geändert wird, war zunächst offen.

Dieser Verordnung zugrunde gelegen hatte auch die Idee, mehr Menschen zu testen, weil Studien zufolge auch Infizierte mit leichten Symptomen oder ganz ohne Anzeichen einer Erkrankung als Überträger des Coronavirus in Frage kommen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 03. November 2020 | 19:30 Uhr

96 Kommentare

goffman vor 44 Wochen

Nein, ein gleicher Testumfang ist statistisch nicht nötig. Man muss sowieso Drittvariablen kontrollieren z.B. in welchen Fällen werden Menschen getestet, wie viele wurden getestet, etc. All das kann man statistisch sauber voneinander trennen.
In diesem konkreten Fall: die Zahl der positiven Testergebnisse stieg in den letzten Wochen signifikant und deutlich stärker als die Zahl der durchgeführten Tests. (Genauer: seit der 35. Kalenderwoche hat sich die Anzahl der Tests um das 1,4 fache erhöht, die Zahl der positiven Tests um das 8 fache.)

goffman vor 44 Wochen

Ja und Herr Drosten bestätigt damit ja meine Aussage: der PCR Test sagt nicht, ob jemand Symptome hat, sondern ob er Kontakt mit dem Virus hatte - und genau darum geht es. Es ist wichtig auch die symptomfreien Träger zu erfassen, denn auch sie können das Virus verbreiten.

Wenn Sie so wollen haben Sie mehrere Statistiken: die Zahl der positiven PCR-Tests, die Zahl der Intensivpatienten, die Zahl der Erkrankten usw, das heißt nicht, dass die Statistik oder die Datengrundlage falsch ist. Steigt der Anteil positiver PCR-Tests können wir daraus folgern, dass das Virus weiter verbreitet ist (mit Drittvariablenkontrolle versteht sich). Die Zahl der Erkrankten könnten wir natürlich zusätzlich auch betrachten, hier ist die Datengrundlage aber schlechter. Dann eher die Zahl der Intensivpatienten mit Corona, hier ist die Datenlage gut, aber für politische Entscheidungen sind die Zahlen der PCR-Tests besser, da diese die Entwicklung deutlich früher anzeigen.

goffman vor 44 Wochen

Na so stimmt das aber nicht. Anfang April lagen die Sterbefallzahlen sehr wohl über dem Durchschnitt der Vorjahre - zur gleichen Zeit wurde das bisherige Maximum an Coronainfizierten in Deutschland gemeldet.

In anderen Ländern, in denen sich das Coronavirus stärker ausgebreitet hat finden wir eine sehr deutliche Übersterblichkeit. Mexiko, Chile, Ecuador und Peru oder auch Italien, Spanien und England (bei letzteren auch wieder auf den April begrenzt).

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