Corona-Krise Pendeln zwischen Sachsen und Tschechien: "Wie die Glienicker Brücke in Berlin"

Bärenstein und das tschechische Vejperty sind zusammengewachsen, die Grenze ist normalerweise nicht mehr spürbar. Rund 40 Prozent der arbeitenden Einwohnerinnen und Einwohner von Vejperty pendeln sonst nach Deutschland – aber an der Grenze gelten wegen Corona verschärfte Einreisebestimmungen. Für viele Grenzgänger, in Sachsen allein 10.000 Menschen, wird das zum Problem.

In Bärenstein, an der Grenze zu Tschechien, gelten verschärfte Einreisebestimmungen. Seit dem 14. Februar hat die Bundespolizei 9.000 Personen allein an der sächsisch-tschechischen Grenze wieder zurück geschickt. 

Probleme auf allen Seiten

Ein junger Tscheche steht vor der Grenze.
Der junge Tscheche Jelonek kommt wegen der neuen Einreiseregelungen nicht mehr zu seiner Ausbildungsstätte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Tscheche Daniel Jelonek macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker auf der deutschen Seite. Auch er darf jetzt nicht mehr rüber: "Wie soll ich dann mein Geld verdienen? Ich habe jetzt zwei Wochen Urlaub. Dann müsste ich mal eventuell weitersehen, wie das alles so wird, weil ohne Geld kann ich ja nicht leben. Ich muss mein Auto bezahlen, meine Wohnung bezahlen, meine anderen Beträge bezahlen, ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Keine Ahnung."

Tschechen, die nach Deutschland einreisen wollen, müssen eine Bescheinigung für einen systemrelevanten Beruf haben. Zusätzlich müssen sie eine Einreiseanmeldung und einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist, vorweisen. Viele bleiben daher dauerhaft in Deutschland.

Die voneinander getrennten Familien können sich dann nur an der Grenze treffen, so wie Marie Votruvová. Sie trifft an der Grenze regelmäßig ihren Sohn und ihre Mutter. Kontakte mit Abstand werden von der Bundesolizei geduldet. Auch getrennte Paare können sich so sehen. Verstöße gegen die geltenden Verordnungen werden mit bis zu 3000 Euro geahndet.

450 km sächsisch-tschechische Grenze

Rund 40 Prozent der arbeitenden Einwohnerinnen und Einwohner des tschechischen Ortes Vejperty pendeln sonst nach Deutschland – und auch einige Deutsche sind nach Tschechien gezogen. Sie alle haben das gleiche Problem: Sie können nicht mehr so einfach pendeln.

Thomas Mehnert am Schreibtisch.
Thomas Mehnert lebt in Tschechien, seine Firma ist aber in Deutschland. Die Einreiseregelungen stellen ihn und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Probleme. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Deutsche Thomas Mehnert wohnt seit zehn Jahren in Tschechien. Auch ihm bleibt momentan nur der Blick in seine alte Heimat: "Ein trauriges Gefühl. Man hat das als Jugendlicher zu kommunistischen Zeiten erlebt, da war es schon so, dass die Grenze eine richtige, bewachte Grenze war. Erinnert mich ein bisschen daran, wie ich als DDR-Kind in Ost-Berlin war und man von Ost nach West-Berlin geschaut hat. Trifft es vielleicht besser."

Auch für ihn sind die Begegnungen auf der Brücke mittlerweile Alltag geworden. Er sagt dazu: "Vorgestern hat mir meine Bekannte meine Medikamente aus der deutschen Apotheke gebracht, mein Cousin war einen Tag zuvor da. Es ist wie diese Glienicker Brücke in Berlin."

Bei Einreise nach Deutschland: 14 Tage Quarantäne

Momentan darf er als Deutscher mit negativem Test zwar nach Deutschland einreisen, müsste allerdings dann dort 14 Tage in Quarantäne bleiben. Für ihn als Hunde- und Hausbesitzer nicht praktikabel. Also bleibt er in Tschechien, auch wenn es ihn als Unternehmer sehr schmerzt. 

Ein Smartphone auf dem eine Videokonferenz läuft.
Um in Kontakt zu bleiben, greifen Mehnert und seine Stellvertreterin auf Videokonferenzen zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denn Mehnert leitet seit 30 Jahren eine Polstermöbel-Fabrik. Die steht in Satzung bei Marienberg, also auf deutscher Seite, nur wenige Meter von der Grenze entfernt. Er als Geschäftsführer kann momentan nicht in sein eigenes Unternehmen. Es bleibt nur der Kontakt über das Handy zur Produktionsleiterin Yvonne Beyer.

Sie erklärt dem Filmteam auf dem Gelände der Fabrik: "Hier werden Polstermöbel für ganz Deutschland von 30 Mitarbeitern handgefertigt. Zehn Prozent davon fehlen, denn sie sind Tschechen. Normalerweise würde hier Dana die Liegen polstern. Das muss jetzt Ingo Lange übernehmen."

Unterkünfte in Deutschland helfen tschechischen Pendlern wenig

Die Mehr-Arbeit bleibt an der restlichen Belegschaft hängen: Sie müssen "schnell machen", sagt Lange. Die Auftragsbücher sind noch voll, da fehlen drei Mitarbeitende schon sehr. Dadurch kann es zu Lieferverzögerungen kommen, erklärt Yvonne Beyer: "Manche haben Verständnis und manche drohen mit Strafen wegen Verzug."

Der Freistaat Sachsen bezahlt tschechischen Pendlern eine Unterkunft in Deutschland, solange die Grenzen geschlossen sind. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier hilft das nicht, sagt Beyer: "Wir haben die Polsterin, die hat einen kranken Mann zu Hause, eine kranke Mutti zu pflegen. Wo man irgendwo Verständnis haben muss, dass das nicht geht, dass sie hier nicht unbegrenzt nach Deutschland gehen können. Die andere Näherin, die hat zwei kleine schulpflichtige Kinder. Wie willst du das machen?"

Tschechische Arbeitskräfte fehlen

30 Kilometer entfernt sitzt der Chef der Polstermöbel-Fabrik zuhause in seinem Wohnzimmer. Die tschechischen Arbeiterinnen und Arbeiter fehlen jetzt im ganzen Erzgebirge, einer Region, die es wirtschaftlich schwer hat. Mehnert ärgert das: "Irgendwo wird zur Zeit mit Geld um sich geschmissen, von Regierungsseite und von Behördenseite. Aber irgendjemand muss das Geld erwirtschaften. Und wenn es die Produktionsfirmen nicht erwirtschaften, die Wertschöpfung betreiben, wo soll es dann herkommen? Und die Firmen, die diese Steuern erwirtschaften, die bleiben außen vor. Und wir werden hier total im Regen stehen gelassen."

Seine Firma wird nicht als systemrelevant angesehen, es gibt daher keine Ausnahmeregelung für das tägliche Pendeln. Seine Frau Daniela Mehnert arbeitet hingegen beim Landratsamt in Annaberg und hat eine Ausnahmeregelung. Sie könnte mit negativem Test pendeln, doch sie ist größtenteils im Homeoffice. Die ganze Situation belastet sie sehr:

Grenze zwischen Tschechien und Sachsen.
Daniela Mehnert belastet die Situation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diesmal hat es mich total getroffen. Ich weiß es nicht, weil für uns gibt es die Grenze nicht. Wir leben in Europa. Wir haben das gemacht, was eigentlich als europäischer Gedanke gedacht war. Wir haben hier Freunde. Wir haben drüben Freunde. Wir haben Familie auf beiden Seiten.

Termine im Testcenter sind lange ausgebucht

Das große Thema bei Familie Mehnert sind die Tests. Denn ohne negativen Test darf gar niemand rüber, nicht einmal zum Arztbesuch. Und die Termine in den nahegelegenen Testcentern sind lange ausgebucht. Daniela und Thomas Mehnert sorgen sich vor allem um ihren Sohn, der bei ihnen wohnt, aber in Annaberg eine Kfz-Lehre macht. Wie es für ihn weiter geht, wissen sie nicht.

Die Inzidenz im Bezirk Chomutov lag am Donnerstag (25. Februar 2021) bei 515. Dass man die Verbreitung des Coronavirus eindämmen muss, findet auch Thomas Mehnert. Doch er sorgt sich vor allem um seine tschechischen Mitarbeiter. Zum Beispiel um Martin Schöner, der seit 13 Jahren bei ihm arbeitet.

Thomas Mehnert wird wohl Kurzarbeit für seine Tschechen beantragen müssen. Er hat dabei ein schlechtes Gefühl: "Man weiß, was man jetzt für Unsicherheiten in die Familie herein trägt. Es waren ja mal zehn Tage angedacht, die kann man überbrücken. Aber was ist, wenn es drei Wochen geht? Was ist, wenn es zwei Monate geht?"

Dass die Grenzschließung in einer Woche aufgehoben wird, daran glaubt hier niemand.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 24. Februar 2021 | 20:15 Uhr

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