Reaktionen aus der Medizin Schwangerschaftsabbruch könnte Schwerpunkt im Medizinstudium werden

Als nächsten Schritt nach der Streichung des Paragraphen 219a zum Werbeverbot für Abtreibungen möchte Bundesfamilienministerin Lisa Paus Methoden zu Schwangerschaftsabbrüchen stärker ins Medizinstudium integrieren. Für den Vorschlag erntet sie in der Medizin sowohl Lob als auch Kritik. Eine dafür notwendige Reform der Approbationsordnung stockt derzeit aus anderen Gründen.

Medizinstudenten verfolgen eine interaktive Vorlesung
Die Lehreinheit zu Schwangerschaftsabbrüchen wird je nach Universität verschieden ausführlich im Medizinstudium behandelt. Bildrechte: dpa

Schon jetzt wird an den medizinischen Fakultäten der Unis zum Thema Schwangerschaftsabbrüche gelehrt. Wie viel – darüber entscheiden aber die einzelnen Fakultäten. Nachwuchsärztinnen und -ärzte kennen sich also unterschiedlich gut mit dem Thema aus, wenn sie die Uni verlassen, berichtet Katharina Freitag, Medizinstudentin an der Universität Leipzig.

Sie sagt: "Es wird größtenteils schon thematisiert, aber das kann eben von einer tatsächlich tiefen Auseinandersetzung, auch mit den ethischen und rechtlichen Fragestellungen über auch einfach zwei Vorlesungsfolien reichen, wo einmal draufsteht, dass es drei Methoden gibt und fertig."

"Schwangerschaftsabbrüche sollen Pflichteinheit im Studium werden"

Katharina Freitag ist in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland für das Thema Ausbildung zuständig. Ihr Verband begrüße den Vorstoß der Bundesfamilienministerin und habe auch konkrete Vorstellungen zur Umsetzung: Die Theorie zu Schwangerschaftsabbrüchen sollte Pflichteinheit werden.

Zusätzlich sollte es auch die praktische Durchführung an einem Simulator geben – als freiwilliges Angebot: "Diese Möglichkeit sehen wir jetzt nicht in der verpflichtenden Lehre, aber das sollte allen interessierten Medizinstudierenden ermöglicht werden. Und das ist aktuell noch nicht flächendeckend so, aktuell wird das häufig eher von interessierten Studierenden für andere Studierende organisiert."

ALfA: sollte nur Teil der Facharztausbildung sein

Kritik kommt dagegen von Cornelia Kaminski, der Vorsitzenden des Vereins Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA): "An dem Vorschlag stört mich, dass Mediziner verpflichtet werden sollen, eine Leistung zu erbringen, oder eine Sache zu erlernen, die sie möglicherweise gar nicht lernen möchten oder die sie auch in ihrem Leben nicht tun wollen."

Ob zum Beispiel angehende Orthopäden und Psychiater unbedingt genau Bescheid wissen müssten, wie theoretisch eine Abtreibung vonstatten geht, sei fraglich – das gehört nach Meinung von Kaminski in die Facharztausbildung. "Das Medizinstudium ist so irrsinnig belastet, die müssen so wahnsinnig viel lernen, dass ich denke, das ist ein Stoff, den kann man sich sparen", bekräftigt die Vorrsitzende.

Fakultätentag schlägt Lernzielkatalog vor

Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags, dem Verband der Medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands, kann das nachvollziehen. Nach intensiven Diskussionen seien sich aber Expertinnen und Experten einig gewesen, dass es gewisse Grundlagen gibt, die alle Medizinstudierenden lernen müssten. Dafür wünscht er sich ein einheitliches Vorgehen an den Unis.

Die schwerste Entscheidung meines Lebens Positionen zum Thema Abtreibung

Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
"Das Recht, ein Kind abtreiben zu lassen, ein Schwangerschaftsabbruch, stand mir zu, es hat auch keiner versucht, mich umzustimmen." Das sagt Margitta Zellmer, Jahrgang 1954. Sie befürchtet damals, mit 25, nach Abschluss des Studiums und gerade Mutter eines Kindes geworden, beruflich den Anschluss zu verlieren. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
"Das Recht, ein Kind abtreiben zu lassen, ein Schwangerschaftsabbruch, stand mir zu, es hat auch keiner versucht, mich umzustimmen." Das sagt Margitta Zellmer, Jahrgang 1954. Sie befürchtet damals, mit 25, nach Abschluss des Studiums und gerade Mutter eines Kindes geworden, beruflich den Anschluss zu verlieren. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
In dieser Lage hilft ihr die eindeutige Gesetzeslage in der DDR, wie sie rückblickend meint. Seit 1972 gilt die so genannte Fristenlösung, danach sind Abbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt, straffrei und kostenlos. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
"Nicht von ungefähr ist schon in der Präambel des (DDR-)Gesetzes zu Unterbrechung der Schwangerschaft formuliert, dass es dazu dienen soll, die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen herzustellen und dass den Frauen diese Entscheidung  zugebilligt wird." Das sagt Ulrike Busch, deutschlandweit die erste Professorin für Familienplanung. Den bis heute gültigen Kompromiss kritisiert sie: "Der Kompromiss, der gefunden wurde, erinnert nur noch wenig an das freie Entscheidungsrecht von Frauen, insofern, als dass er schon im ersten Satz formuliert: Es handelt sich (bei einer Abtreibung) um einen Straftatbestand und der kann mit Gefängnis oder Geld geahndet werden. Sowohl für Frauen als auch Ärzte." Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
Bis zum Ende der 1980er-Jahre wird in der DDR jede dritte Schwangerschaft abgebrochen. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
Einzig die Kirchen kritisieren Rechtslage und Praxis. Der evangelische Christ Wolfgang Böhmer, damals Gynäkologe und später Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, ist 1972 Oberarzt an der Frauenklinik in Görlitz. Er zieht Konsequenzen und geht 1973 in ein christliches Krankenhaus, Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
Seit Abtreibungsgegner das im Paragrafen 219a geregelte "Werbeverbot" nutzen, um Anzeigen gegen Ärzte und Ärztinnen zu erstatten, die Abbrüche vornehmen, ist das Thema auf die Tagesordnung zurückgekehrt. Die sozialen Medien sind voll mit Geschichten verzweifelter Frauen, die in der Anonymität Hilfe, Zuspruch und Trost suchen. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
So verschieden die Frauen, so verschieden sind die Lebensgeschichten, die Kornelia Schmidt jeden Tag in der Schwangerenkonfliktberatung von Donum Vitae in Dresden hört.
Zu ihr kommen Teenager genauso wie Frauen, die Ende 40, Anfang 50 sind und ungewollt schwanger wurden. "Die Schwere der Entscheidung liegt darin, dass es gleichzeitig um das Leben der Frau, um ihren Lebensentwurf, ihre Ziele, ihre Haltung, ihre Kräfte geht - wie auch um die Lebensmöglichkeit des Ungeborenen. Das ist ein hochgradiger Konflikt."
Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
In ihrer mehr als 30-jährigen Arbeit als Gynäkologin hat die Dresdner Frauenärztin Viola Hellmann keine Frau getroffen, die ihre Entscheidung leichtfertig getroffen hätte. Viele, auch gläubige Frauen hätten nie gedacht, einmal vor diese Wahl gestellt zu werden, sagt sie. 2006 wurde Hellmann von dem Abtreibungsgegner Klaus Günter Annen angezeigt, weil sie auf der Webseite ihrer Praxis über den medizinischen Abbruch informierte. Heute ist sie im Ruhestand und fragt sich, ob Versorgung und Standards zu halten sind. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 04. Oktober 2018 | 22:35 Uhr

Die Pläne dafür gibt es sogar schon: In Form eines Lernzielkatalogs, den der Medizinische Fakultätentag schon vor einigen Jahren erarbeitet hat: "Da ist das Thema Schwangerschaftsabbruch an vielen Stellen etwas konkreter benannt, und wir würden uns natürlich wünschen, dass dieser Lernzielkatalog auch Eingang in die Approbationsordnung findet."

Dafür müsste die Approbationsordnung, die den inhaltlichen Rahmen für das Medizinstudium festlegt, reformiert werden. Ein Prozess, der derzeit allerdings feststeckt, weil sich Bund und Länder nicht über die Finanzierung einig werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Juli 2022 | 06:00 Uhr

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