Sexarbeit in der Corona-Krise Camsex ist keine Alternative für Sexarbeiterinnen

Nastassja von der Weiden
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Sex ist ein Bedürfnis, das wohl die meisten Erwachsenen regelmäßig auf unterschiedliche Art und Weise befriedigen: Sex mit der Partnerin oder dem Partner, mit Bekanntschaften, Masturbation, Stimulation mit Sextoys – oder einem Besuch bei einer Dienstleisterin oder einem Dienstleister mit einem Repertoire an sexuellen Tätigkeiten, die gegen Geld erworben werden können. Letzteres ist allerdings wegen Corona nicht mehr möglich.

Zu Beginn des ersten Lockdowns wurden Bordelle geschlossen, sexuelle Dienstleistungen wurden untersagt. Im Sommer gab es Lockerungen, wenn Hygienekonzepte vorgelegt werden konnten. Seit Anfang November gelten wieder die Lockdown-Regeln, das heißt: Keine Sexarbeit, es herrscht Berufsverbot. Und das ist nicht nur ein Verlust für Kundinnen und Kunden, sondern legt eine ganze Branche bisweilen lahm.

Stigmatisierung und Tabuisierung von Sexarbeit

Sexarbeit wird in der Gesellschaft häufig stigmatisiert und tabuisiert. Das Dienstleistungsgeschäft mit der körperlichen Nähe wird in der öffentlichen und nicht öffentlichen Debatte unter anderem mit Zwangsprostitution gleichgesetzt, was den offenen Diskurs zur Situation von Arbeiterinnen und Arbeitern nicht nur während der Corona-Krise erschwert. Tamara Solidor ist Sexarbeiterin in Leipzig und sagt:

"Der Job geht mit Stigmatisierung einher. Zum Beispiel, wenn ich einen Antrag auf Grundsicherung stellen möchte, was ich tun könnte, denn Sexarbeit ist – zumindest auf dem Papier – ein anerkannter Beruf in Deutschland, dann wird es auf den Ämtern schon schwierig. Dann wird die Frage gestellt: Wieso stellen Sie, als Prostituierte, einen Antrag? Dort begegnen einem dann die ersten Vorurteile und Ressentiments." Man sei nur selten auf Augenhöhe mit dem Umfeld.

Keine Soforthilfen, keine unkomplizierte finanzielle Unterstützung

Das Feld der Sexarbeit ist vielfältig: Es gibt auch hier Soloselbständige, Arbeiterinnen und Arbeiter, die auf Fetische spezialisiert sind und in Studios arbeiten und Sexualbegleitung, die Menschen mit Beeinträchtigungen beim Sex (unter anderem miteinander) helfen. Soloselbständige stehen beim Thema Soforthilfen vor den gleichen Problemen wie Schauspielerinnen und Schauspieler, Coacherinnen und Coaches oder Musikerinnen und Musiker: Sie haben wenige bis keine Betriebskosten und fallen somit durch das Netz der staatlichen Hilfen hindurch.

Wie gehen die Sexworker mit dem geltenden Berufsverbot um? "Ich habe anfangs weitergearbeitet. Ich bin kein Corona-Leugner, aber ich brauchte einfach das Geld. Privat halte ich mich an die Regeln und bin vorsichtig. Getroffen habe ich mich damals nur mit wenigen Stammkunden. Jetzt arbeite ich in einem anderen Job", sagt ein Leipziger Sexarbeiter, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit MDR AKTUELL.

Er habe während der Pandemie die Erfahrung gemacht, dass Kunden die Situation ausnutzten. Sie hätten ihm Geld für ein Sextreffen geboten – aber viel weniger als üblich.

Camsex ist keine Alternative

Viele Dienstleister aus anderen Branchen verlagern seit Beginn der Pandemie ihre Arbeit ins Digitale: Theater machen Vorführungen online, Fitnessstudios bieten Live-Video-Kurse an. Camsex und Telefonsex gibt es dagegen schon lange. Boomt das Geschäft nun (noch mehr), ist es so einfach, sich im Online-Pay-Sex-Geschäft zu etablieren?

"Man braucht gutes Equipment. Mir hat das nie gepasst, diese Online-Arbeit. Ich habe es früher schon einmal ausprobiert, aber es ist nicht für jede und jeden etwas. Außerdem verdient man, was ich von Kolleginnen höre, weniger Geld", sagt der anonyme Leipziger Sexarbeiter.

Ähnlich sieht es Tamara Solidor, die sich im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen engagiert: "Es gab sehr viele, die seit März versucht haben, ins Online-Geschäft einzusteigen. Das ist aber gar nicht so einfach. Man braucht ungestörten frei verfügbaren Platz, einen guten Raum und man muss wissen, wie man Content produziert. Wenn man es vergleichen möchte: Das ist wie wenn man einem Hautarzt sagt: Werd' doch Chirurg."

Sie betont auch die möglichen Gefahren im Online-Geschäft. Das seien ganz andere, als zum Beispiel beim Arbeiten im Bordell. Und auch sie spricht davon, dass das Geschäft nicht besonders lukrativ ist: "Camsex ist keine wirkliche Alternative für uns full service Sexworker."

Illegales Arbeiten

Tamara Solidor arbeitet derzeit illegal weiter: "Ich hangele mich von Monat zu Monat. Einerseits macht es mich erpressbar, illegal zu arbeiten, zum anderen setze ich mich dem Risiko aus, mich anzustecken oder angezeigt zu werden und Bußgelder zu zahlen. Ich weiß aber nicht, wie ich sonst meine Miete bezahlen soll." Unkomplizierte Hilfe gibt es kaum, im Gegenteil: "In der ersten Lockdown-Welle wurden zum Beispiel Sexworker von der Stadt Leipzig von Soforthilfen komplett ausgeschlossen."

Solidor erklärt weiter: "Ich bin hier sogar noch privilegiert: Meine Muttersprache ist deutsch, ich habe einen festen Wohnsitz." Für beispielsweise Menschen ohne deutschen Pass, People of Color, Transmenschen oder Menschen mit weniger Sprachkenntnissen sei die Situation noch viel prekärer.

Hygienekonzepte sind nichts Neues

Es scheint als sei keine Lösung für die Betroffenen in Sicht. Zumindest so lange die Zahlen nicht wie im Sommer nach unten gehen. Dabei sei ein Arbeiten mit angepassten Hygienekonzepten nicht nur möglich, sondern auch praktikabel, das bestätigen beide befragten Sexworker im Gespräch:

"Hygienekonzepte sind für uns nichts Neues. In den beiden Monaten Ende Sommer, in denen wir arbeiten durften, hat sich gezeigt, dass die Zusatzmaßnahmen für uns praktikabel sind. Der Mund-Nase-Schutz ist kein Problem. Auf manche Praktiken muss dann eben verzichtet werden. Aber lieber so, als gar nicht arbeiten dürfen", sagt Tamara Solidor.

Skepsis vor Schnelltests

Eine Lösung könnten, wie es auch im Reiseverkehr und in Clubs teilweise angedacht ist, sensible Schnelltests sein. Mit einem Schnelltest vor Beginn der Arbeit mit jeder Kundin und jedem Kunden könnte noch mehr Sicherheit gewährleistet werden.

Der praktischen Umsetzung sieht Tamara Solidor allerdings skeptisch entgegen: "Ich glaube nicht, dass das der goldene Weg ist. Vorher muss geklärt sein: Wie ist die Zugänglichkeit? Ich arbeite in Bordellen, die gut geführt werden. Diese Orte können sich das vielleicht leisten, Schnelltests finanziell und logistisch durchzuführen. Die Arbeitsbedingungen sind aber völlig unterschiedlich."

Auch der Sexarbeiter, der anonym bleiben möchte, sagt zum Thema Schnelltests: "Es kommt darauf an, wie diese Schnelltests verteilt werden. Muss man dafür registriert sein? Ich finde, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sollten unter den Gruppen sein, die früh geimpft werden. Aber ich nehme an, sie werden unter den Letzten sein, die geimpft werden. Leider."

Hilfe vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BESD e.V.) ist ein Verband von aktiven und ehemalig aktiven Sexarbeiter*innen. Die Hauptarbeit des Verbands besteht darin, mit Projekten und Aktionen gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit zu kämpfen und ist Anlaufstelle für Sexworker. Der BESD hat wegen der Corona-Krise einen Notfallfonds eingerichtet, mit dem bisher 400 Betroffenen mit 150.000 Euro geholfen werden konnte. Der Fonds finanziert sich ausschließlich von privaten Spenden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | BRISANT | 15. September 2020 | 19:20 Uhr

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