Neuinfektionen 7-Tage-Inzidenz hat bei kleinen Orten Schwachstellen

Die Corona-Situation in Sachsen ist derzeit so angespannt wie in keinem anderen Bundesland. Zuletzt lag die 7-Tage-Inzidenz in sechs Landkreisen über 500, in der Vorwoche gab es Meldungen aus einzelnen Kommunen, die Inzidenzen im vierstelligen Bereich verzeichnet haben. Aber: Wie muss man das für Orte einordnen, wenn die Zahl der Neuinfektionen auf 100.000 Menschen hochgerechnet werden, die Orte selbst aber deutlich weniger Einwohner haben?

Ein verhüllter Arzt hält Papiere mit Corona-Statistiken in den Händen.
Statistische Infektionswerte sind wichtig, um das Pandemiegeschehen zu überwachen. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Die 7-Tage-Inzidenz ist in aller Munde. Kein Wunder, denn dieser Wert ist entscheidend dafür, ob in Kommunen oder Kreisen strengere Schutzmaßnahmen eingeführt werden – oder eben nicht. Hörer Reinhold Staubach wollte in diesem Zusammenhang wissen: Werden kleine Orte mit hohen Inzidenzen, wie etwa im Erzgebirge, korrekt behandelt oder verzerrt die hochgerechnete 7-Tage-Statistik die Realität?

Er bemüht dazu ein fiktives Beispiel: So führten 750 Neuinfektionen in einer 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt zu einer Inzidenz von 50. Infizierten sich dagegen nur sechs Menschen in einer 1.000-Einwohner-Gemeinde, sei es auch nur eine Familie, dann führe das zu einer Inzidenz von 600.

7-Tage-Inzidenz über längeren Zeitraum betrachten

Wird da also mit zweierlei Maß gemessen? Ja und Nein, sagt der Leipziger Epidemiologe, Professor Markus Scholz: "Das jetzt in einzelnen kleinen Orten auszurechnen, ist weniger sinnvoll." Aber: Um auf solche 7-Tage-Inzidenzen von 600 über einen längeren Zeitraum zu kommen, müsse man ja regelmäßig Fälle haben.

Das heiße, dass sich in einem Ort mit 1.000 Einwohnern und Einwohnerinnen regelmäßig sechs Personen pro Woche infizieren müssten, erklärt Professor Scholz: "Und das zeigt eben schon, dass in diesem Ort ein größeres Infektionsgeschehen ist als in der dargestellten Großstadt." Dennoch benötige man weitere Informationen, um das Infektionsgeschehen richtig zu bewerten, sagt Scholz – etwa eine größere Datengrundlage oder die Situation in den umliegenden Krankenhäusern, in den Intensivstationen.

"R-Wert" einbeziehen, mögliche Cluster berücksichtigen

Wie Scholz sieht das auch der Bremer Professorenkollege Hajo Zeeb. Er ergänzt: "Wichtig ist auf jeden Fall die Information, die auch im Beispiel genannt wurde: Sind das Cluster oder sind das nicht im Cluster auftretende Infektionen. Denn das ist für die Beurteilung ganz entscheidend."

Ebenso wichtig sei der sogenannte "R-Wert", erklärt Professor Zeeb weiter: Der sei "letzten Endes eine zusammenfassende Bewertung dieser längerfristigen Verläufe, auch den kann man noch hinzuziehen. Und dann bekommt man allmählich ein genaueres Bild über das, was tatsächlich vor Ort vorliegt. Ein Wert alleine tut es nicht."

Statistische Werte schwanken in kleinen Orten tendenziell stärker

Für das Beispiel bedeutet das: Spielt sich das Infektionsgeschehen tatsächlich nur in einer Familie, dem angesprochenen Cluster ab, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Zahl der Neuinfektionen schon bald wieder sinkt. Das spiegelt sich dann in der folgenden 7-Tage-Inzidenz und dann auch im gesunkenen "R-Wert" wider, also dem Faktor, der Aufschluss darüber gibt, wie viele Menschen durch einen Infizierten angesteckt werden.

Hier liege der große Unterschied zum Infektionsgeschehen in der Großstadt, sagt Epidemiologe Zeeb: In Großstädten "wird es einfach auch länger dauern, bis sich so ein Wert verändert." Tatsächlich gebe es bei kleineren Orten Schwierigkeiten mit dem Mittelwert der 7-Tage-Inzidenz, das sagt auch Zeeb. Bestätige sich der Trend bei den Neuinfektionen aber nicht, schlage der statistische Wert auch ganz schnell wieder in die andere Richtung aus.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Dezember 2020 | 06:18 Uhr

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