Zwangsunterbringung im Heim Zwölfjährige über die Justiz: "Sie behandeln meine Mama und mich wie Dreck!"

"Was ich will, interessiert die nicht", wirft eine Zwölfjährige der Justiz vor. Das Mädchen hatte von Übergriffen ihres Vaters berichtet. Doch die Mutter verlor das Sorgerecht und das Kind musste jahrelang ins Heim.

Zwölfjährige will zur Mutter – und muss zwei Jahre ins Heim

Weil sie den Kontakt zum Vater ablehnt, hat die zwölfjährige Maria (Name von der Redaktion geändert) fast zwei Jahre gegen ihren Willen in Heimen verbracht. Weder das Jugendamt noch die zuständigen Gerichte haben ihre Zwangsunterbringung beendet, sondern sie selbst. Sie ist einfach abgehauen. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich habe mich so nach Mama gesehnt, ich wollte  endlich wieder bei ihr sein. Da bin ich einfach losgelaufen", erklärt die Zwölfjährige.

 "Das Jugendamt, das Heim und auch die Richter, die halten alle zu meinem Vater. Es geht nur darum,  was mein Vater will. Was ich will, interessiert die nicht. Sie behandeln meine Mama und mich wie Dreck", erhebt die Zwölfjährige schwere Vorwürfe gegen Justiz und Jugendamt. Jeder Kontakt zu ihrem früheren Zuhause sei verboten. Auch ihre Freundinnen und Großeltern dürfe sie nicht sehen. Zuletzt hätte ihr Vater sogar untersagt, dass Mutter und Tochter sich schreiben oder miteinander telefonieren dürfen.

Das Jugendamt, das Heim und auch die Richter, die halten alle zu meinem Vater.

Maria (12) - Name geändert

Kinderrechtsexperte: Verstoß gegen Recht und Gesetz

Kinderrechtsexperte Prof. Ludwig Salgo sieht in der Zwangsunterbringung des Kindes im Heim einen Verstoß gegen Recht und Gesetz. "Alle zum Schutz des Kindes vorhandenen Gesetze werden hier überhaupt nicht beachtet. Die Gerichte missachten die höchstrichterliche Rechtsprechung", erklärt er.

Nach der Flucht aus dem Heim stand die Polizei vor der Tür der Mutter, wollte die Zwölfjährige wieder ins Heim zurückbringen. Die Einsatzkräfte hätten erklärt, dies sei auf Anordnung des Jugendamtes geschehen. Die Mutter ließ die Beamten herein, damit sie sich vergewissern konnten, dass es dem Kind gut ging. Doch den Zugriff verweigerte sie. "Ohne Herausgabebeschluss kann man das nicht machen. Sie können nicht einfach mit Gewalt das Kind rausholen", sagt die Gymnasiallehrerin.

Gewaltanwendung gegen Kinder per Gerichtsbeschluss

Doch Maria hat Angst, dass ihr Vater sie mit Gewalt herausholt. Schon einmal hätte er bei Gericht beantragt, dass bei der Durchsetzung der Kindesherausnahme Gewalt anzuwenden sei. Und solche Zugriffe seien kein Einzelfall, berichtet Prof. Ludwig Salgo.

"Die Gewaltanwendung in einem solchen Fall ist das Äußerste und nur dann zulässig, wenn eine massive Kindeswohlgefährdung vorliegt. Diesen Fall haben wir hier aber nicht", so der Kinderrechtsexperte. Der Nutzen sei geringer als der Schaden, warnt er.  "Solche Gewaltanwendungen durch den Staat wird für das Kind prägend sein. Es wird kein Vertrauen mehr zu staatlichen Organen haben", prognostiziert er die Folgen.

"Freiheit für Maria" – "Umschau"-Bericht über Maria verbreitete sich in den sozialen Medien

Viele Menschen kämpften bereits seit Wochen darum, dass Maria wieder nach Hause darf. Das MDR-Magazin "Umschau" hatte im Januar über das Schicksal der Zwölfjährigen berichtet. Der Beitrag verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Viele Menschen waren empört, einige andere berichteten von ähnlichen Fällen.

Auch die Mutter, Studienrätin und Gymnasiallehrerin, erfuhr viel Zuspruch. Ehemalige Schüler der Lehrerin hatten nach der Ausstrahlung eine Petition gestartet, um Maria aus dem Heim zu holen. T-Shirts mit dem Aufdruck "Freiheit für Maria" wurden gedruckt und fanden immer mehr Träger.

Doch befreit hat sie sich nun selbst durch die Flucht. Während der Dreharbeiten zu einem zweiten "Umschau"-Beitrag im Februar wurde die Mutter plötzlich von der Heimleitung per Mail aufgefordert, die Sachen ihres Kindes abzuholen. Darin hieß es: "Die Maßnahme ist am heutigen Tag in Absprache mit dem sorgeberechtigten Vater beendet worden." Marias Mutter kämpft jetzt um das alleinige Sorgerecht.

Berichte von sexuellen Übergriffen des Vaters – von Gutachtern unterschiedlich bewertet

Doch wieso wurde Maria im Heim zwangsuntergebracht? Wie konnte es dazu kommen, wenn Maria immer zur Mutter wollte und diese das Kind auch bei sich haben wollte? Die Eltern der heute Zwölfjährigen hatten sich getrennt, als sie vier Jahre alt war. Das Mädchen lebte danach bei der Mutter und hatte regelmäßigen Umgang mit dem Vater. In dieser Zeit beschrieb das Kind Handlungen, die einen sexuellen Missbrauch vermuten ließen.

Das Kind wurde psychologisch betreut, die Vorwürfe in der ärztlichen Beratungsstelle dokumentiert. Das Jugendamt kam 2015 zu der Ansicht, dass das die Aussagen des Kindes glaubhaft seien und von einem sexuellen Missbrauch ausgegangen werden müsse. Dieser intervenierte. Es gab keine Beweise und keine Strafverfolgung.

Maria lehnte seither jeden Kontakt zum Vater ab. Dieser kämpfte jedoch darum, sein Kind sehen zu können. Zahlreiche Gutachten wurden erstellt, was von der Ablehnung Marias ihrem Vater gegenüber zu halten sei. 2019 kam ein Kinderpsychiater zu dem Schluss, dass die Mutter das Kind so beeinflusst habe, dass es von sexuellen Übergriffen des Vaters erzähle, die es nicht gegeben habe.

Die Mutter verlor das Sorgerecht, das Mädchen sollte dann bei ihm leben. Sollte eine Annäherung zu ihm innerhalb von drei Monaten nicht gelingen, empfahl der Gutachter, Maria für mindestens zwei Jahre in einer Einrichtung der Jugendhilfe unterzubringen. Falls auch das nicht gelänge, solle sie dauerhaft dort bleiben. Das zuständige Familiengericht, wie auch die nächste Instanz, das Oberlandesgericht in Hamm, war den Empfehlungen des Gutachters gefolgt.

Kindeswohlgefährdung durch den Staat?

Carola Wilcke, die Sachverständige der Kinderkommission des Bundestages, hatte im Januar im Fall Maria einen Überprüfungsantrag wegen Kindeswohlgefährdung durch den Staat gestellt. Am Tag nach der Mitteilung des Heimes, dass die Maßnahme beendet sei, kontaktierte sie im Februar persönlich das Jugendamt vor Ort. Sie wollte sich erkundigen, was nun auf Mutter und Tochter zukäme. Das Amt war zu keinem Kommentar bereit und ließ sie vor der Tür stehen.

Die Sachverständige der Kinderkommission des Bundestages findet klare Worte für das Handeln der an der Zwangsunterbringung für Maria Verantwortlichen: "Die Personen, die dem Kind in den letzten zwei Jahren so massiven Schaden zugefügt haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden." Vorstellbar sei, "einige Beteiligte auch von ihren Ämtern zu entbinden, wenn man feststellt, dass sie nicht am Kindeswohl orientiert gearbeitet haben". Wer hier auf persönlicher Ebene Entscheidungen treffe, sei für diese Arbeit nicht geeignet.

Und auch Schadenersatz zieht Wilcke in Betracht und verweist auf einen Beschluss des OLG Dresden, bei dem den Eltern für einen Monat Fremdunterbringung für ihr kleines Kind "eine hohe vierstellige Summe" zugesprochen worden sei. "Wenn man das mal auf zwei Jahre hochrechnet, das könnte dem Amt schon richtig weh tun", so Wilcke.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 23. Februar 2021 | 20:15 Uhr

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