Unicef-Bericht 2021 Alle elf Minuten nimmt sich ein junger Mensch das Leben

Nastassja von der Weiden
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Mehr als 13 Prozent der Heranwachsenden im Alter von 10 bis 19 Jahren leben laut eines Berichts von Unicef mit einer diagnostizierten psychischen Störung. Weltweit begehen jedes Jahr rund 46.000 junge Menschen in dieser Lebensphase Suizid – das heißt ein junger Mensch nimmt sich alle elf Minuten das Leben. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen ist Suizid damit die vierthäufigste Todesursache.

Eine Schülerin beobachtet ihre Mitschüler auf dem Pausenhof in einer Schule in Hamburg.
Psychisches Leid bei Kindern und Jugendlichen wird oft ignoriert. Bildrechte: dpa

Achtung! Im folgenden Text geht es um Suizid, Depression und Angstzustände. Wenn Sie Sorgen, Depressionen oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111. Weitere Hilfetelefonnummern und Adressen finden Sie am Ende des Artikels.

Ängste und Depressionen bei Jugendlichen

Um die mentale Gesundheit steht es bei jungen Menschen alarmierend schlecht: Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 46.000 junge Menschen zwischen zehn und 19 Jahren das Leben – ein junger Mensch alle elf Minuten. Das ist einer der erschreckenden Befunde des aktuellen Unicef-Berichts zur Situation der Kinder in der Welt. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen widmet sich im Bericht vor allem auch den Folgen der Corona-Krise für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Fast zwei Jahre nach dem Beginn der Pandemie sind die Belastungen für das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen nach wie vor schwerwiegend. Jeder fünfte befragte junge Mensch zwischen 15 und 24 Jahren gab an, sich häufig deprimiert zu fühlen, wenig Interesse an Dingen zu haben oder wenig zu unternehmen. In Deutschland sagte dies einer von vier der befragten jungen Menschen.

Corona-Krise hat Einfluss auf psychische Gesundheit

Die Pandemiezeit mit wiederkehrenden Lockdowns war sicher für alle Menschen eine schwierige Zeit. Dennoch, speziell Kinder und Jugendliche litten besonders unter dem Wegfall von Kindergarten und Schule sowie der Freizeit mit Freundinnen und Freunden.

Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore erklärt, es gehe um Kindheitserfahrungen, die unter Pandemiebedingungen anders und oftmals kaum in großer Gesellschaft stattfanden: "Aufgrund der landesweiten Lockdowns und der pandemiebedingten Einschränkungen haben Kinder prägende Abschnitte ihres Lebens ohne ihre Großeltern oder andere Angehörige, Freunde, Klassenzimmer und Spielmöglichkeiten verbracht – Schlüsselelemente einer jeden Kindheit."

Aber nicht nur Corona ist eine Ursache für die schlechte psychische Gesundheit unter Kindern und Jugendlichen auf der ganzen Welt. Schon vor der Krise wurden wenig Ressourcen aufgebracht, mentale Gesundheit zu schützen und zu fördern. Regierungen geben weltweit weniger als zwei Prozent ihres Gesundheitsbudgets hierfür aus, schreiben die Autorinnen und Autoren des Unicef-Berichts.

Stigmatisierung verhindert Hilfe

Psychische Störungen wie Depression und Angstzustände oder andere Krankheitsbilder wie Schizophrenie sind bis heute mit Stigmatisierung verbunden. Und Stigmatisierung, also die Zuschreibung negativer Eigenschaften auf eine bestimmte Gruppe oder Personen, verhindert, dass Kinder und junge Menschen Hilfe suchen und Unterstützung erfahren.

Eine gute psychische Gesundheit ist entscheidend dafür, dass Kinder ihre Potenziale verwirklichen können.

Henrietta Fore, Unicef

Psychische Gesundheit sollte deshalb wie körperliche Gesundheit als Grundstein für die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten betrachtet werden, schreiben die Autorinnen: "zu denken, zu fühlen, zu lernen, zu arbeiten, Beziehungen zu führen und am Leben unserer Gesellschaft teilzuhaben. Psychische Gesundheit ist ein wichtiger Teil der Gesundheit eines jeden Menschen und die Grundlage für gesunde Gemeinschaften."

Forderungen nach Investitionen und Unterstützung für Eltern

Investitionen in die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in allen Bereichen der Gesellschaft, nicht nur im Gesundheitswesen, werden von Unicef dringend gefordert. Zur aktiven Förderung gehören auch Elternprogramme, die eine flexible, liebevolle Unterstützung und Betreuung der Kinder sicherstellen. Auch Schulen sollten eingebunden werden.

"On my Mind"-Studie von Unicef Laut dem Bericht "On My Mind: Die mentale Gesundheit von Kindern fördern, schützen und unterstützen" litt weltweit bereits vor der Pandemie ein bedeutender Anteil der Kinder und Jugendlichen unter erheblichen psychischen Belastungen; gleichzeitig wird weltweit wenig in ihre psychische Gesundheit investiert.

Hilfe bei Depressionen und Suizidgedanken Sie haben suizidale Gedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen!
Sie können zu jeder Tages- und Nachtzeit kostenlos anrufen:
0 800 111 0 111
0 800 111 0 222
0 800 116 123.

Auf der Webseite www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, etwa per E-Mail oder im Chat.

Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Montags bis Samstags von 14 bis 20 Uhr und
Montags/Mittwochs/Donnerstags von 10 bis 12 Uhr
https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html

Psychotherapeutin Annelene Frey (links) in ihrer Praxis im Gespräch mit MDR-Autorin Michaela Reith. 30 min
Psychotherapeutin Annelene Frey (links) in ihrer Praxis im Gespräch mit MDR-Autorin Michaela Reith. Bildrechte: MDR/Dennis Weißflog

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Oktober 2021 | 12:30 Uhr

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