Angst vor Strahlenbelastung Warnung vor Einnahme von Jodtabletten

Der Beschuss eines AKW in der Ukraine und Ängste vor einem Atomkrieg verunsichern viele Menschen – auch in Deutschland. Es gibt Berichte über Hamsterkäufe von Jodtabletten. Doch die Behörden warnen vor einer prophylaktischen Einnahme von Jod gegen eine mögliche radioaktive Verstrahlung. Sicherheitsexperten sehen aktuell keine echte Gefahr.

Verpackungen von Jodid Tabletten
Behörden in Deutschland warnen vor einer prophylaktischen Einnahme von Jod gegen eine mögliche radioaktive Verstrahlung. Bildrechte: dpa

Das Bundesumweltministerium hat vor einer anlasslosen Einnahme von Jodtabletten gewarnt. Nach dem Beschuss des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja sei derzeit nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte, heißt es in einer Mitteilung.

Das Bundesgesundheitsministerium rät dringend "von einer selbstständigen Einnahme der Tabletten ab". Es gebe "erhebliche gesundheitliche Risiken, aktuell aber keinerlei Nutzen". Ähnlich äußerte sich der Deutsche Apothekerverband, der eine erhöhte Nachfrage nach Jodtabletten registriert.

Deutschland hat Jodtabletten in Reserve

Jodtabletten dienen nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) im Falle eines nuklearen Unfalls als Schutz vor einer Einlagerung von radioaktivem Jod in die Schilddrüse.

Die Bundesländer haben für den Krisenfall 189,5 Millionen Jodtabletten bevorratet. Sollte ein Atomunglück passieren, übernehmen die Katastrophenschutzbehörden die Verteilung der Tabletten. Dabei schützt die Einnahme ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe.

Behörden sehen keine akute Gefährdung

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung sieht derzeit keine Gefährdung für Deutschland durch den Brand auf dem Gelände des ukrainischen AKW Saporischschja. Präsident Wolfram König sagte dem Bayerischen Rundfunk, es gebe keine Informationen über eine erhöhte Radioaktivität.

Selbst bei einem möglichen "ganz großen Unfall" oder Problemen durch Kampfhandlungen sei "die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier in einem größeren Maß betroffen sind, sehr, sehr gering".

Das Bundesumweltministerium und BfS befinden sich nach eigenen Angaben im sehr engen Austausch mit der ukrainischen Regierung, der Internationalen Atomenergie-Organisation und Experten weltweit. Soweit es Hinweise auf erhöhte Radioaktivität gebe, informiert die BfS-Webseite und auch die Seite jodblockade.de über die Entwicklungen.

GRS: Ukrainische Anlagen sind heute sicherer als seinerzeit AKW Tschernobyl

Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) sieht ebenfalls derzeit keine unmittelbare Gefahr eines schweren Atomunglücks. Selbst ein Beschuss der Anlage Saporischschja müsse nicht zwangsläufig zu einem kerntechnischen Unfall führen, erklärt der Atomtechnik-Experte Sebastian Stransky.

Die sicherheitstechnisch wichtigen Anlagen seien gut geschützt und könnten einem Beschuss durchaus standhalten – allerdings abhängig von der Schwere des Angriffs. Der Reaktor selbst werde von einer Stahlbetonhülle geschützt, der einen Absturz eines kleinen Flugzeugs aushalten könne.

Selbst ein Reaktorschaden bedeutet Stransky zufolge nicht automatisch eine Verstrahlung. Erst wenn dauerhaft der Strom ausfallen würde und das Kühlwassersystem versage und auch sämtliche Notstromaggregate ausfallen würden, könnte das zu einer Kernschmelze führen. Stransky betont, dass in den vergangenen Jahren viel für die Sicherheit in den ukrainischen Anlagen getan worden sei.

Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO berichtete am Freitag unter Berufung auf ukrainische Stellen, dass ein Geschoss ein Ausbildungsgebäude in der Umgebung einer Reaktoreinheit getroffen hatte. Es habe ein Feuer verursacht, das gelöscht werden konnte.

Die Ukraine hat insgesamt vier AKW mit russischer Technik. 1986 hatte ein Unfall im ukrainischen AKW Tschernobyl zu einer Kernschmelze geführt. Große Mengen Radioaktivität wurden freigesetzt, die radioaktive Wolke verstrahlte weite Teile Europas. Mit internationaler Hilfe wurde der Reaktor versiegelt. Der Komplex und die Umgebung waren bis zum Einmarsch Russlands ein beliebtes Touristenziel.

 

AFP, dpa, (ans)

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