Ukraine-Krieg Haustiere von Geflüchteten: Große Hilfsbereitschaft, große Probleme

Viele Helfer stehen in Deutschland bereit, um sich um Haustiere aus der Ukraine zu kümmern. Geflüchtete Menschen dürfen diese meist nicht in Erstaufnahmezentren mitnehmen - aus Angst vor Infektionen wie Tollwut. Die Tiere benötigen dringend eine ärztliche Untersuchung, um dem EU-Standard für Haustiere zu entsprechen. Wer helfen will, sollte genügend Wohnraum mitbringen und zeitlich flexibel sein.

Mädchen mit Hund auf dem Arm in einer Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine bei Ankunft am Bahnhof von Przemysl
Ein ukrainisches Mädchen mit Hund am Bahnhof von Przemysl: Viele Geflüchtete bringen ihre Haustiere nach Deutschland mit. Bildrechte: dpa

Das Gästezimmer ist geputzt, Tierfutter steht bereit: Viele Haushalte in Mitteldeutschland bereiten sich in diesen Tagen auf tierischen Besuch vor, erzählt Katrin Thiemicke von der Tiernothilfe Leipzig. Weil Geflüchtete aus der Ukraine ihre Haustiere meist nicht in die Erstaufnahmezentren mitnehmen dürfen, können die Tiere jetzt bei freiwilligen Helfern Unterschlupf finden – auch bei Katrin Thiemicke. Kurzerhand hat sie außerdem die Facebook-Gruppe "Pflegeplätze für Tiere aus der Ukraine in Leipzig und Umgebung" ins Leben gerufen. Nach nur einem Tag hat die schon über 100 Mitglieder.

Schock bei der Ankunft: Tiere dürfen nicht ins Aufnahmezentrum

Katzenfutter für geflüchtete Katzen aus der Ukraine, Tierfutter
Das Katzenfutter in der Wohnung einer Helferin steht bereit - in verschiedenen Qualitätsgraden, um allen Essgewohnheiten gerecht zu werden. Bildrechte: MDR/Ines Schröder

Die Idee zur Gruppe kam auf, weil andere Gruppen nur bundesweit Plätze vermittelten, erzählt Thiemicke: "Es gibt zig Gruppen, aber was nützt es in Leipzig, wenn da steht: Ich kann einen Platz anbieten in Düsseldorf?" Die Hilfsbereitschaft ist offenbar groß - doch groß sind auch die Probleme. Sie fangen oft schon an, wenn die Geflüchteten ihr Aufnahmezentrum erreichen: Das Sicherheitspersonal achtet darauf, dass keine Tiere die Einrichtung betreten. Hintergrund ist der Infektionsschutz: Anders als in Westeuropa ist die Tollwut in der Ukraine noch nicht ausgerottet. Eine Impfung und 21-tägige Quarantäne der Tiere ist daher Pflicht - kaum möglich in den beengten Verhältnissen einer Flüchtlingsunterkunft.

Für viele Geflüchtete ist das zunächst ein Schock: Nach den Strapazen der Flucht werden sie von ihren geliebten Haustieren getrennt. Anne Janta, Abteilungsleiterin im Leipziger Veterinäramt, erklärt, man versuche den Menschen mit Dolmetschern zu vermitteln, dass man ihnen die Tiere nicht auf Dauer wegnehme. Der eine oder andere sei aber, so Janta weiter, "trotz Kenntnis aller Fakten mit der Situation überfordert und weint. Da hilft uns kein Merkblatt, sondern nur Einfühlungsvermögen."

Wichtig: Als erstes zum Tierarzt gehen

Was dann mit den Tieren passiert, kann kaum verallgemeinert werden – die Zustände sind oft noch immer chaotisch. Tierheime, erzählt Katrin Thiemicke von der Tiernothilfe, seien meist ohnehin chronisch überlastet und hätten begrenzte Kapazitäten. Oft fänden sich Bekannte oder freiwillige Helfer, die die Tiere vorübergehend aufnähmen. Teils müssten die Vierbeiner aber wohl auch in Autos oder gar draußen in der Kälte übernachten.

In jedem Fall steht so schnell wie möglich ein Besuch beim Tierarzt an – zum Beispiel bei Dr. Volker Jähnig. Er betreibt seine Kleintierpraxis nur wenige Kilometer vom Leipziger Erstaufnahmezentrum in Mockau entfernt. Der Zustrom der Geflüchteten sei auch bei ihm zu spüren gewesen, erzählt Jähnig: "Ein Ansturm mit Schlange stehen ist es noch nicht, aber gestern hatte ich zum Beispiel gleich drei ukrainische Hunde hintereinander."

Ob Hund oder Katze – die Tiere müssen so schnell wie möglich auf EU-Standard gebracht werden. Das heißt: Sie erhalten einen Mikrochip, einen Tierausweis sowie eine Tollwutimpfung. Normalerweise benötigen Tiere all das, um überhaupt in die EU einreisen zu dürfen. Als Reaktion auf die Fluchtbewegungen aus der Ukraine hat Deutschland die Regeln Ende Februar gelockert – wohl auch, um Chaos und Bürokratie an den Grenzen zu vermeiden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium weist aber darauf hin, dass die Vorkehrungen weiterhin zu treffen sind – nur eben nach statt vor der Einreise.

Helfer brauchen mindestens zwei Zimmer

Das Ministerium geht nach eigener Aussage davon aus, "dass das Risiko einer Tollwuteinschleppung durch Hunde und Katzen im Zuge der zu erwartenden Flüchtlingswellen gering ist". Tierarzt Volker Jähnig klingt dagegen vorsichtiger. In der Ukraine gebe es etwa 300 Tollwutfälle pro Jahr: "Eine Grundgefahr, dass wir Tollwut einschleppen, ist da. Die Behörden klemmen sich aber nach meiner Beobachtung dahinter, dass die Tiere alle unter Beobachtung stehen." Dadurch sei die Gefahr tatsächlich gering – wichtig sei aber, dass die dreiwöchige Quarantäne nach Impfung auch wirklich eingehalten werde.

Konkret heißt das: Freiwillige Helfer brauchen mindestens eine Zwei-Zimmer-Wohnung, um Hund oder Katze von Menschen und anderen Tieren fernhalten zu können. Die Aufnahme eines Tieres müssen Helfer dem örtlichen Veterinäramt außerdem per Formular mitteilen. Amtsärzte können dann überprüfen, ob die Quarantänebedingungen wirklich erfüllt sind. Und: Die Helfer müssen beim Zeitraum der Tierpflege flexibel sein. Solange die Besitzer keine tiergerechte Unterkunft hätten, sei man als Helfer in der Pflicht, sagt Katrin Thiemicke von der Tiernothilfe: "Man sollte sich bewusst sein, dass man nicht nach 14 Tagen sagen kann: Okay, reicht jetzt."

Nicht alle Menschen haben genug Raum, um ein Tier aufzunehmen. Welche Unterstützung brauchen ukrainische Tiere und ihre Herrchen und Frauchen noch? Für Katrin Thiemicke vor allem finanzielle: Tierarztbesuche müssten nämlich im Regelfall selbst bezahlt werden. Doch eigentlich, findet Thiemicke, seien hier nicht Freiwillige gefragt, sondern die Politik: "Die Stadt trägt grundsätzlich nur bei Tieren aus dem Tierheim die Arztkosten – aber gerade sind wir in einer Ausnahmesituation."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. März 2022 | 17:00 Uhr

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