ARD-Themenwoche | #wieleben Wie zufrieden sind die Deutschen im Jahr 2020?

Wie wollen wir leben? Mit dieser Frage beschäftigt sich ab Montag die ARD-Themenwoche. Im Vorfeld wurden Bürgerinnen und Bürger dazu befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind und wo die Kritik überwiegt. Die Ergebnisse zeigen, nicht immer sind sich die Deutschen einig.

Fußgänger laufen über eine Ampelkreuzung
Wie wollen die Deutschen leben? Und wie wird unser Alltag in Zukunft aussehen? Damit beschäftigt sich die ARD-Themenwoche #wieleben. Bildrechte: dpa

Bürgerinnen und Bürger wurden in der repräsentativen Umfrage gefragt, wie zufrieden sie in zehn Bereichen des Alltags sind. Unter anderem wurden sie zur Arbeitswelt, Mobilität, Konsum und Politik befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass es Punkte gibt, auf die sich die Deutschen einigen können – unabhängig vom Alter, dem Einkommen oder dem Wohnort kommen sie zum Beispiel beim sozialen Miteinander, der Mobilität und der Umwelt zu einem ähnlichen Urteil.

Auf anderen Feldern rücken die Bewertungen der einzelnen Bevölkerungsgruppen dagegen deutlicher auseinander, insbesondere in Fragen von Wohnen, Konsum, Digitalisierung und Politik.

Die Frage nach der Zufriedenheit

Wie zufrieden sind die Deutschen? Diese Frage beschäftigt Politik und Soziologie schon seit vielen Jahren. Damit reiht sich diese Umfrage in die Tradition der Zufriedenheitsforschung mit ein.

Daten aus solchen Erhebungen seien in der Regel sehr aussagekräftig, erklärt Martin Schröder, der sich in seinem Buch "Wann sind wir wirklich zufrieden" mit der Frage intensiv beschäftigt hat. Dennoch sollte man die Umfrage dieses Mal im Zusammenhang mit der Pandemie betrachten, sagt Schröder, da die Befragung in einer besonderen Situation stattgefunden habe – nämlich im Lockdown und während einer Pandemie.

Maike Rump stimmt dem Einwand bezüglich der Pandemie zu. Sie ist Soziologin an der Universität Bielefeld und arbeitet dort unter anderem auf dem Gebiet der Lebenszufriedenheitsforschung. Rump ergänzt: "Der Lockdown Light gilt seit dem 2. November und er wirkt, das zeigt die Forschung zu den Folgen des ersten Lockdowns, wie ein Brennglas bestimmter gesellschaftlicher Probleme." Das müsse man bei der Bewertung der Daten beachten.

infratest-Umfrage zur ARD-Themenwoche:#Wieleben
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Einigkeit beim Thema Arbeit

Beim Thema, wie und wie viel wir arbeiten, zeigt sich die Mehrheit der Befragten zufrieden. Dennoch gibt es feine regionale und einkommensabhängige Unterschiede.

So bewerten Menschen, die in Ostdeutschland leben oder ein niedriges Einkommen beziehen (weniger als 1.500 Euro monatlich) den Zustand der Arbeitswelt nicht so positiv wie Westdeutsche oder Menschen mit mittleren (1.500 Euro bis 3.500 Euro monatlich) und höheren Einkommen (mehr als 3.500 Euro monatlich).

Trotzdem sind 63 Prozent der Befragten, die in Ostdeutschland leben, zufrieden mit ihrer Arbeit und 66 Prozent der Geringverdiener und Geringverdienerinnen. Insgesamt haben 76 Prozent aller Befragten angegeben, damit zufrieden zu sein, wie und wie viel sie arbeiten.

Bei Politik herrscht Uneinigkeit

In fünf Bereichen sind sich die Befragten sehr uneinig. Hier teilen sich die Meinungen fast fifty-fifty. Vor allem das Thema Politik scheint ganz unterschiedlich wahrgenommen zu werden: Etwa die Hälfte (52 Prozent) ist damit zufrieden, wie Politik aktuell gemacht wird. Demgegenüber stehen etwa genau so viele Befragte (47 Prozent), die daran Kritik üben bzw. das Thema Politik eher negativ sehen.

Diese Uneinigkeit spiegelt sich auch zwischen den gesellschaftlichen Teilgruppen wider. Während Menschen mit mittleren bis hohen Einkommen oder Westdeutsche den Zustand der Politik besser bewerten, zeigt sich bei den Geringverdienenden oder Menschen, die in Ostdeutschland leben ein Unmut mit der Art und Weise, wie Politik gemacht wird.

Meinungsunterschiede sind keine Spaltung

Auf die Frage, ob von einer Spaltung der Gesellschaft die Rede sein kann, antwortet Schröder entschlossen mit "Nein". Zum einen geben das die Zahlen nicht her und zum anderen seien unterschiedliche Meinungen "etwas ganz normales". Eine Spaltung liege erst dann vor, wenn die andere Meinung nicht mehr akzeptiert werde, erklärt der Soziologe weiter.

Die Soziologin Maike Rump würde auch von keiner Spaltung sprechen. Es brauche gesellschaftliche Debatten, die man aktuell auch in Bezug auf die Corona-Maßnahmen führe. "Mir bereitet aber Sorge, dass ein Teil der Gesellschaft nicht mehr im konstruktiven Sinn an Debatten und Lösungen interessiert ist."

Hinzukommt, dass die aktuelle Krise gerade die Spaltungslinien aufzeige, die man sonst nicht so wahrnehme, so die Soziologin. Beispielsweise die Differenz zwischen systemrelevanten Berufen und deren Bezahlung, die Doppelbelastung der Frauen oder die Netzanbindung im ländlichen Raum. "Das alles sind gesellschaftliche Konfliktherde, die jetzt bearbeitet werden müssen", sagt Rump.

Größter Kritikpunkt: Umgang mit der Umwelt

In ein paar Kritikpunkten sind sich die Befragten jedoch wieder einig. Die Art und Weise, wie mit der Umwelt umgegangen wird, wird laut Umfrage stark kritisiert. Bei dreiviertel der Befragten löst dieser Punkt Unbehagen aus – auch hier sind sich alle unabhängig vom Alter, Einkommen oder Wohnort einig.

Einigkeit herrscht auch über Alters- und Einkommensgrenzen hinweg, wenn es um die Frage geht, wie der soziale Zusammenhalt bewertet wird. 63 Prozent der Befragten sind unzufrieden damit, wie sozial und gesellschaftlich miteinander umgegangen wird.

Rump fallen hier die 15 Prozentpunkte Differenz zwischen den Geringverdienenden und denen mit einem hohen Einkommen auf. Dieses Ergebnis kann im Kontext der Corona-Pandemie ein Indiz für den "Brennglaseffekt der Krise" sein: "Personen, die zu den Geringverdienern in Deutschland gehören, geraten in der Krise weiter unter Druck und artikulieren den fehlenden gesellschaftlichen Rückhalt."

Mehr sozialer Zusammenhalt gewünscht

Ob das soziale Miteinander wirklich weniger wird, bezweifelt Schröder. "Zumindest im ersten Lockdown ist eigentlich die Einstellung angestiegen, dass es einen hohen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt."

Maike Rump findet, dass es unter anderem auch eine Aufgabe der Politik ist, den sozialen Zusammenhalt zu stärken, indem diese Verfahren transparenter mache und Entscheidungen erkläre.

Als positives Beispiel nennt Rump die Ansprachen von Bundeskanzlerin Merkel: "Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für die Maßnahmen sehr hoch ist. Ich würde das auch auf die Erklärungen der Kanzlerin zurückführen. Meine Wahrnehmung ist, dass das bei anderen Entscheidungen sonst nicht so im Vordergrund steht."

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