Kein Platz im Leben für den Tod? Wie unsere Gesellschaft mit Tod und Trauer umgeht

Nichts im Leben ist so sicher wie der Tod. Und dennoch: Mit der Endlichkeit des eigenen Lebens, mit dem Sterben, beschäftigen sich viele nicht gerne. Wie geht unsere Gesellschaft mit dem Sterben um?

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Tischlerin Julie Hanisch mit einem Sarg 23 min
Bildrechte: M. Meister, Kinderhospiz Bärenherz Leipzig e.V

Man sagt auch Erdmöbelstück. Kennst du das? Erdmöbel? Es gibt auch eine Band, die Erdmöbel heißt, und ich hatte darüber noch nie nachgedacht. Oder Erdmöbel, fand ich einfach so ein witziges Wort.

Julie Hanisch Tischlerin
Tischlerin Julie Hanisch mit einem Sarg
Julie Hanisch mit ihrem fertigen Gesellenstück, einem Kindersarg, im Kinderhospiz Bärenherz Bildrechte: M. Meister, Kinderhospiz Bärenherz Leipzig e.V

Quaderförmig, in hellem Birkenholz, 1,30 Meter lang. So viel ist im Sommer schon zu erkennen von dem Sarg, an dem Julie Hanisch baut. Es wird ihr Gesellenstück: Ein Kindersarg als Spende für das Leipziger Kinderhospiz Bärenherz.

Schon lange hatte die 38-Jährige die Idee, wie es dazu eigentlich kam, weiß sie selbst nicht mehr so richtig: "Ich habe weder eine besondere Affinität zu dem Thema - gibt’s ja auch - noch besondere Ängste."

Von der Erwartung friedlich einzuschlafen

Wenn Julie Hanisch Menschen davon erzählt, dass sie einen Kindersarg baut, reagierten viele erst geschockt, dann neugierig und anerkennend. Der Soziologe Stefan Dreßke sagt: "Wir haben die Erwartung, dass wir am Ende des Lebens, also möglichst hochaltrig, friedlich einschlafen. Und dieses Friedliche, dass ist sozusagen die zentrale Sterbeerwartung, die wir haben."

Früher sei der Tod durch Infektionskrankheiten viel plötzlicher gekommen und habe vor allem Kinder getroffen. Heute sei das umgekehrt. Wenn ein Kind stirbt, kann die Gesellschaft damit nur schwer umgehen.

Die richtigen Worte finden

Das hat auch Maria Radusch aus Plauen erfahren. 2018 ist ihre Tochter Emma mit 12 Jahren an den Folgen eines Gendefektes gestorben: "Also das haben wir schon deutlich gespürt, dass die Leute nicht wissen, was sie tun sollen in so einer Situation. Also klar ist: Man schreibt ne Karte, das scheint irgendwie jedem klar zu sein."

Ihr habe es aber auch schon geholfen, wenn jemand gesagt hat: 'Ich weiß nicht, was ich sagen soll.' Das ist Maria Radusch zufolge authentisch und in Ordnung.

Bewusster Umgang statt Verdrängung

Der Kindersarg, Julie Hanischs Gesellenstück, ist fertig. Sie übergibt ihn an die Trauerbegleiterin und Kunsttherapeutin Adeline Kremer im Bärenherz. Eine bedürftige Familie soll den Sarg geschenkt bekommen. Adeline Kremer weiß, jede Familie braucht in der Trauer etwas anderes.

Für sich selbst hat Adeline Kremer durch die Arbeit im Kinderhospiz rausgefunden, dass der Umgang mit dem Sterben das Leben so bereichern könne, weil vieles bewusster werde.

Also dieses Verdrängen von der eigenen Sterblichkeit kann einem auch ganz schön viel Leben nehmen.

Adeline Kremer Trauerbegleiterin

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Dezember 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 51 Wochen

Danke, Raja Kraus, für diesen Artikel. Ich finde, man kann sich nicht oft genug mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Dann bekommen die geschenkten (Lebens)Tage einen ganz anderen Stellenwert.

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