Berichterstattung Die vergessenen Nachrichten im Jahr 2020

Die Coronavirus-Pandemie hat die Berichterstattung im letzten Jahr dominiert. Viele andere Themen sind dabei unter den Tisch gefallen. Die Initiative für Nachrichtenaufklärung hat nun die Top Ten der vergessenen Nachrichten veröffentlicht. Auf Platz eins: Das Netzwerkdurchsuchungsgesetz.

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Die Top Ten der vergessenen Nachrichten wird jährlich veröffentlicht. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Egal, ob am Küchentisch, auf der Titelseite oder im Radio, im vergangenen Jahr stieß man früher oder später immer auf das eine Thema: Das Coronavirus. Umso mehr blieb links und rechts liegen. Das hat auch Hektor Haarkötter gespürt. Er ist Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung, kurz INA, die jährlich die "Top Ten der vergessenen Nachrichten" veröffentlicht. Schwierig sei das eigentlich nie, sagt er: "Aber in der Tat, durch diese Allgegenwart der Corona-Pandemie, auch im Journalismus, hatten wir in diesem Jahr eine vielleicht ganz besonders große Zahl an Vorschlägen und Einreichungen für solche unter den Tisch fallen gelassenen Themen."

Platz 1: Netzwerkdurchsetzungsgesetz

Etwa 40 Themen seien dieses Jahr in die engere Auswahl gekommen, rund zehn mehr als sonst. Über diese stimmt eine Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten ab. Diesmal auf Platz eins: Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Hass in sozialen Netzwerken bekämpfen soll. Davon soll es bald eine Neufassung geben.

Die werde allerdings kaum öffentlich diskutiert, sagt Hektor Haarkötter: "Obwohl wir alle im Netz unterwegs sind, obwohl wir alle auf Social Media-Kanälen unterwegs sind, und obwohl uns allen diese Hassäußerungen, diese extremistischen Äußerungen und diese völlig übertriebenen Äußerungen oder auch Fake News begegnen im Netz."

Auf Platz zwei steht das NATO Manöver "Defender 2020". Darauf folgen die Themen Gewalt in der Schwangerschaft, Armut bei jungen Erwachsenen und Sozialunternehmen in der Krise. Auf den hinteren Plätzen stehen rechtsextreme Organisationen unter Türkischstämmigen, Menschenrechte in Nigeria und Terrorismusbekämpfung in der EU.

Die Reihenfolge sei aber eigentlich gar nicht so wichtig, erklärt der INA-Geschäftsführer: "Tatsächlich bedienen wir natürlich mit diesen Top Ten ein bisschen die Medienlogik, denn Medien lieben Rankings. Letztlich ist es ja so: Alle diese Themen gehören in die Öffentlichkeit, denn für jedes einzelne dieser Themen sagen wir, das ist relevant, und das geht die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland an."

Bildcollage mit Blick in eine Nachrichtenredaktion und Bildern von Demonstrationen. Ein stilisiertes halbtransparentes Virus verbindet die Bildmotive miteinander. Im Bild steht: Kommunikation in der Corona-Krise. Haben die Medien etwas gelernt? 9 min
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Relevanz als wichtigstes Kriterium

Die Relevanz sei auch das erste Kriterium für einen Platz auf der Liste. Aber wie findet man die vergessenen Themen überhaupt? Zunächst sammele die INA Vorschläge, erklärt Haarkötter.. Einerseits aus der Bevölkerung, aber auch von Vereinen oder Expertinnen und Experten. Dann prüften studentische  Rechercheteams, ob die Geschichten überhaupt stimmten und ob sie wirklich vergessen wurden. Dafür würden sie zum Beispiel Pressedatenbanken und Mediatheken durchforsten, sagt Haarkötter.

Mangelnde Kapazitäten für Recherche

Manchmal sei ein Thema vermeintlich zu sperrig oder zu kompliziert und finde deshalb keine Beachtung, erklärt Haarkötter. Manchmal seien Themen aber auch einfach schwer zu recherchieren: "Viele Medien tun sich inzwischen schwer damit, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freizustellen, damit die wirklich mal ein paar Tage oder vielleicht sogar ein paar Wochen an einer Geschichte herumrecherchieren."

Es gebe viele Gründe, warum Redaktionen Themen nicht aufgriffen, betont der INA-Geschäftsführer. Dass sie nicht zugänglich oder schwer zu finden seien, sei allerdings keiner, meint er.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. März 2021 | 06:00 Uhr

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