Experte über Hochwasser-Warnungen "Eine Warnung muss so konzipiert sein, dass man sie versteht"

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Seit der Hochwasser-Katastrophe im Westen Deutschlands wird diskutiert, ob die Menschen genug gewarnt wurden. Christian Kuhlicke befasst sich mit Umweltrisiken und Extremereignissen. Im Interview sagt er, wie eine gute Warnung aussehen muss und warum Keller bei Hochwasser zur Gefahr werden können.

Im Bild eine Ortschaft an der Straße zwischen Dernau und Walporzheim, die von den Fluten auf einem Abschnitt einfach mitgerissen wurde.
Zerstörte Ortschaft im Ahrtal: Nach der Flutkatastrophe wird auch über Warnmeldungen diskutiert. Bildrechte: imago images/Future Image

MDR: Bei der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind viele Menschen in ihren Kellern ertrunken. Können Sie sich das erklären?

Christian Kuhlicke: Offenbar hat den Menschen das praktische Wissen für die richtige Handlung gefehlt. Ein Warnprozess hat zwei wesentliche Elemente: Zum einen muss eine Warnung so konzipiert sein, dass man sie versteht, also zum Beispiel mit konkreten Handlungsanweisungen verbunden sein. Daneben ist es aber wichtig, dass man das praktische Wissen hat, was zu tun ist und die richtigen Schlussfolgerungen zieht – in dem Fall etwa, dass man sein Haus verlässt und den Keller nicht mehr betritt. Denn beim Keller gibt es zwei große Probleme: Zum einen tritt eine starke Strömung auf. Wenn man hüfttief im Wasser steht, kommt man schon nicht mehr dagegen an. Zudem bekommt man Türen, die einmal verschlossen sind, aufgrund des Wasserdrucks nicht mehr auf.

Christian Kuhlicke, UFZ
Prof. Christian Kuhlicke leitet die Arbeitsgruppe "Umweltrisiken und Extremereignisse" am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Bildrechte: UFZ Leipzig

Am Oberlauf der Elbe zum Beispiel gibt es viel praktisches Wissen darüber, wie sich die Menschen verhalten müssen, weil einfach viele Haushalte vom Hochwasser betroffen waren. Was wir jetzt in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen beobachtet haben, sind Ereignisse, die auch in historischen Maßstäben unbekannt sind. Dort liegt noch kein praktisches Wissen vor, was zu tun ist. Und das ist vermutlich Teil des Problems.

Wie hätten sich die Menschen angesichts des schnell steigenden Hochwassers verhalten sollen?

Wir sollten die Probleme nicht auf den Einzelnen abschieben. Die Frage ist doch: Wie vermitteln wir das relevante Wissen darüber, was im Katastrophenfall zu tun ist? Das kann man sich entweder aus einer Erfahrung heraus aneignen, das will aber eher niemand. Das andere ist die Simulation, also die Übung. Aber Hochwasser- beziehungsweise Starkregen-Übungen gibt es bei uns nicht. Es gibt höchstens Hinweise in Broschüren oder auf Internetseiten, aber das reicht nicht, um das tief ins Bewusstsein zu bringen und im Verhalten zu verankern. Das ist keine Frage des Individuums, sondern wie solche Übungen innerhalb der Gesellschaft organisiert werden.

Mit dem Klimawandel werden auch mehr Extremwetterereignisse auftreten. Wie sollten die Menschen auf richtiges Verhalten in solchen Situationen vorbereitet werden?

In Japan gibt es zum Beispiel Erdbebenübungen. Wir entwickeln auch gerade ein Lernspiel, um Wissen spielerisch zu vermitteln. In der Schweiz wiederum gibt es einige Gegenden, wo an kleineren Flüssen direkt in der Landschaft Markierungen angebracht sind, welche Warnstufe bei welchem Wasserstand erreicht ist. Mit jeder Warnstufe ist ein bestimmtes Verhalten verbunden, etwa Evakuierungen von Häusern oder ganzen Dörfern. Neben den Übungen brauchen wir so etwas auch: Hier wird also ein konkreter Wasserstand mit einer bestimmten Handlungsanforderung verbunden.

Die ganzen Informationen über Niederschlagsmengen, Bodenfeuchte, Hochwasservorhersage etc. müssen im Bedrohungsfall zusammen mit konkreten Auswirkungen an einem konkreten Ort Teil einer Warnung sein. Damit ich dann als Bürger weiß: Wann wird es gefährlich und was muss ich dann konkret machen.

Haben wir verlernt, mit solchen Ereignissen umzugehen?

Wir haben gerade eine Umfrage dazu in Sachsen durchgeführt. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlich. Sie zeigen aber eins: Die Leute wissen meistens, wo ihre Dokumente sind und was im Warnfall zu tun ist. Immerhin 63 Prozent der Befragten haben ihre wichtigen Dokumente und Medizin an einem gut zugänglichen und sicheren Ort aufbewahrt. 27 Prozent haben sogar ihr Gebäude vor Hochwasser- und Starkregen gesichert. Diese Haushalte sind also relativ gut vorbereitet.

In Sachsen hat man nicht nur Erfahrungswissen sondern nach 2013 ein gutes Hochwasserfrühwarnsystem aufgebaut. Das hilft natürlich bei solchen Ereignissen, wie wir sie diesen Sommer sehen. Sprich, wir sollten stärker differenzieren: Dort, wo diese Ereignisse in der Vergangenheit schon lange nicht mehr aufgetreten sind, wird man wahrscheinlich im Katastrophenfall ein Problem haben. Wir haben also gerade in diesen Gegenden Nachholbedarf. Auf diese Regionen gilt es, sich in Zukunft zu konzentrieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Juli 2021 | 09:00 Uhr

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