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Deutschland organisiert jährlich das Weltverkehrsforum (ITF). Das Ziel ist die internationale Verkehrspolitik zu gestalten. Zum dreitägigen Weltverkehrsforum werden rund 600 Fachleute erwartet. Bildrechte: dpa

Weltverkehrsforum | InterviewDie Verkehrswende fängt auf dem Land an

von MDR AKTUELL

Stand: 19. Mai 2022, 16:43 Uhr

Ein gerechterer Straßenverkehr muss her, sagt Mobilitätsexpertin Katja Diehl und erwartet vom Weltverkehrsforum in Leipzig mehr Verständnis für die globalen Auswirkungen des spritbetriebenen Verkehrs. Im Interview mit MDR AKTUELL spricht sie sich für mehr Beachtung der ländlichen Regionen aus. Chancen sieht Diehl vor allem in künftigen Verkehrsplanungen.

Schlechte Luft, volle Straßen, Stress, weil man auf dem Weg zur Arbeit im Stau stecken bleibt und Gefahr für alle Verkehrsteilnehmer. Zunehmed wird über Autofreie Städte diskutiert. In einigen Städten ist die Verkehrswende bereits in Ansätzen zu erkennen. Oslo und Gent wurden die Autos auf Parkplätze außerhalb der Stadt geschickt, die Fahrradnutzung auf 35 Prozent erhöht. Paris hat sich gar das Ziel gesetzt, dass alles, was die französische Metropole zu bieten hat, innerhalb von 15 Minuten erreichen zu können. Noch sind aber nicht alle Möglichkeiten optimal ausgeschöpft, sagt Mobilitätsexpertin Katja Diehl im MDR AKTUELL Interview.

MDR AKTUELL: Das Konzept der "Stadt in 15 Minuten", wie es jetzt schon in Paris getestet wird, läuft innerorts sehr gut und in den Randbezirken da gibt es viel Kritik, dass diese dabei vernachlässigt werden. Wie sehen Sie das?

Katja Diehl: Es stimmt natürlich, dass viele Menschen nicht im ländlichen Raum leben können, ohne ein Auto oder einen Führerschein zu haben. Das schließt aber auch viele Menschen aus, in eben diesen Regionen zu leben. Das ergibt somit für Menschen ohne Führerschein eine gewisse Vorgabe, wo sie leben können, nämlich da wo Mobilitätsalternativen bestehen. Dadurch resultiert: Sie haben keine freie Wahl des Wohnortes.

Mobilitätsexpertin Katja Diehl. Bildrechte: Amac Garbe

Die schlechte Versorgung mit Alternativen kommt ja nicht von ungefähr, denn als das Auto an Wichtigkeit gewann – wurde Stadtplanung zu Verkehrsplanung – Autozentrierte Städte entstanden und drängten alle anderen Verkehrsmittel zurück. Früher haben sich viele Menschen zu Fuß und mit dem Rad durch die Gegend bewegt. Da waren Fußwege mit einem Anteil von 60 Prozent am gesamten Mobilitätsaufkommen, weil Wohnen, Arbeit und Erholung noch sehr nah beieinanderlagen.

Das ist heute anders. Die Anzahl der Wege, die wir am Tag machen, hat sich zwar nicht verändert, dafür aber die Weglänge. Der Professor für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien, Hermann Knoflacher, hat ausgerechnet, dass manche Einkaufszentren 220 Kilometer Sogkraft haben. Also das heißt, Menschen fahren bis zu 220 Kilometer, um dort einkaufen zu können.

Dementsprechend freue ich mich, wenn auch dörfliche Strukturen wieder dörflich werden, in dem Sinne, dass weniger Auto stattfinden muss. Und ich sehe da viele Chancen, indem wir gute Radwegesysteme bauen, stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren und die Nahversorgung wieder an die Menschen heranbringen, etwa den Tante-Emma-Laden im Dorfkern. Das wird automatisch auch dafür sorgen können, dass das Auto weniger genutzt werden muss.

Also, überspitzt gesagt, das Auto "zu verbieten" wäre eigentlich der zweite vor dem ersten Schritt, wenn man so will?

Nicht zu verbieten, das will ich nicht. Ich will, dass Menschen, die mit dem Rad fahren wollen, genauso sicher sind, wie die Menschen im Auto. Die einzigen, die bisher sicher sind, sitzen im Auto. Alle anderen müssen sich dem unterordnen und selber dafür Sorge tragen, dass sie unverletzt und sicher bleiben. Menschen, die im ländlichen Raum Rad fahren wollen, machen das teilweise nicht, da eine Landstraße, die nur für Autos ausgelegt ist, offensichtlich gefährlich für Radfahrer ist. Mir geht es um Gleichberechtigung. Das heißt natürlich, dass die Privilegien vom Auto fallen müssen, dass mehr Raum auch denanderen gegeben wird.

Helsinki zum Beispiel hat sich die "Vision Zero - keine Menschen sterben mehr im Straßenverkehr" gegeben und schafft das seit Jahren. Das schaffen sie, weil sich die Politik danach ausrichtet und die Schwächsten in Helsinki zuerst kommen: Also Radfahrer, Menschen im Rollstuhl, Senioren, etc.

Sie haben es gerade schon angesprochen, neue Radwege oder alte Bahnschienen reaktivieren. Gibt es da noch weitere, zukunftsfähige Konzepte, um auch zum Beispiel den ÖPVN oder eben das Rad attraktiver zu machen?

Ja, es gibt im ländlichen Raum vor allem das Problem der Mobilitätslücken. Dadurch, dass alles abgebaut wurde, ist der Weg zum nächsten Bahnhof oder zumindest zurnächsten Haltestelle für manche zu weit. Da könnte man zum Beispiel E-Scooter und Leihradsysteme im ländlichen Raum etablieren, also dass ich beispielsweise morgens von Zuhause mit dem Rad zum Bahnhof fahre und abends das Rad dann wieder mit zurücknehme.

Mit einem E-Scooter kann man bis zu fünf Kilometern überbrücken. Und wenn man weiß, dass 50 Prozent der zurückgelegten Strecken im ländlichen Raum mit dem Auto unter fünf Kilometern bleiben und zehn Prozent der Wege unter einem Kilometer, dann steckt also noch viel Potenzial. Ich will nicht, dass im ländlichen Raum das Familienauto abgeschafft wird. Es geht darum, die Balance zu finden, die eigene Bequemlichkeit zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu schaffen.

Wir führen dieses Interview angesichts dessen, dass derzeit in Leipzig das Weltverkehrsforum stattfindet. Wo sehen Sie die Bedeutung dieses Forums?

Mitglieder der Umweltschutzorganisation Robin Wood protestieren mit einem großen Banner zum Auftakt des Weltverkehrsforums gegen die Subventionierung fossiler Kraftstoffe.  Bildrechte: dpa

Natürlich ist das eine Veranstaltung, in der der globale Norden auf den globalen Süden trifft. Wir im globalen Norden sind diejenigen, die die Klimakatastrophe verantworten. Gerade der Verkehr bei uns hat seit den 90er-Jahren seine Emission nicht verrinert. Das liegt daran, dass wir immer größere Autos bauen, die immer mehr verbrauchen. Da haben wir eine große Schuld und eine große Verantwortung den Menschen im globalen Süden gegenüber, die jetzt schon unter den Folgen leiden. Und auch bei uns sterben Menschen, wie bei der Flut im Ahrtal. Auch uns treffen diese Großwetterereignisse.

Ich finde es wichtig, dass die Menschen im globalen Süden eine Stimme haben und auch ihre Erwartungen an uns richten. Mir ist es sehr wichtig, dass man global denkt.

Trotz den Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie hat sich in Sachen Verkehr nicht viel geändert, Chancen wurden nicht richtig genutzt. Was versprechen Sie sich von dem diesjährigen Weltverkehrsforum?

Wir müssen auf jeden Fall das 1,5-Grad-Ziel ernst nehmen. Momentan tun wir so, als hätten wir den Pariser Klimavertrag gar nicht unterschrieben. In Österreich ist das anders, da werden die großen Infrastrukturprojekte mittlerweile streng geprüft: Es wird geguckt, wenn man jetzt zum Beispiel einen Tunnel baut, oder eine Autobahn, was macht das mit den Emissionen? Beton, zum Beispiel, ist ein großer CO²-Emittent. Und wenn am Ende von der Berechnung rauskommt, dass das Bauvorhaben der angestrebten Klimaneutralität schadet, dann wird das nicht gebaut.

Daher ist es mir total wichtig, dass dieses Signal auch von Europa, China, den USA und anderen großen Emittenten ausgeht, diese Verantwortung zu übernehmen. Wichtig ist auch, dass viele Menschen nicht Auto fahren wollen, sondern sie müssen es, da eben die Alternativen fehlen. Das Ziel muss sein, noch vehementer an den Alternativen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL FERNSEHEN | 18. Mai 2022 | 19:30 Uhr