Medizinische Versorgung Mediziner kritisieren Gewinnstreben bei Ärztezentren

Medizinische Versorgungszentren sollen helfen, medizinische Behandlungen abzusichern. Jedoch das Personal wechselt häufig – bei steigenden Kosten. Investoren können damit gutes Geld verdienen. Ärzte fordern, dass Patientenwohl nicht nur eine Geldanlage sein sollte.

Eine Sprechstundenhilfe spricht mit Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis.
Die Kassenärztliche Vereinigung zählt in Sachsen 27 zahnmedizinische Versorgungszentren. Mindestens zwei davon werden von Investoren betrieben. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Medizinische Versorgungszentren (MVZ): Technisch super ausgestattet

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gibt es seit einigen Jahren auch für Zahnpatienten. "Hochmodern ausgestattet", "niedrige Preise bei voller Leistung“ und "lange Öffnungszeiten und 24 Stunden Notdienst" – damit werben große Zahnzentren um neue Patienten. Und auch für junge Zahnärzte klingen die Stellenangebote der Zentren durchaus verlockend. Moderne Arbeitsmodelle ermöglichen eine bessere Work-Life-Balance, mit der technischen Ausstattung können viele Einzelpraxen nicht mithalten und all das bei einem Top-Einstiegsgehalt.  

Stichwort Medizinische Versorgungszentren (MVZ) Medizinische Versorgungszentren (kurz: MVZ) gibt es seit 2004.
Sie wurden eingeführt, um verschiedene Fachrichtungen unter einem Dach zu bündeln und Kosten etwa in der Verwaltung zu sparen. Als Vorbild dient das Modell der Poliklinik, das es in Ostdeutschland vor der Wende in vielen Städten gab.

Ein MVZ kann auch durch einen Arzt oder eine Ärztegemeinschaft geführt sein; ein iMVZ ist investorengetragen.

Das Problem: Hinter einigen der Zentren stehen Investoren oder Investorengruppen, die nichts mit Medizin zu tun haben, sondern ausschließlich Kapitalinteressen verfolgen. "Diese Zentren sind auf Gewinn aus und haben nicht den Versorgungsauftrag im Kopf", kritisiert Dr. Holger Weißig, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen.

27 zahnmedizinische Versorgungszentren gibt es insgesamt in Sachsen. Mindestens zwei davon werden von Investoren betrieben. Die Vermutung ist, dass es mindestens noch zwei bis drei weitere gibt. Doch wie viele es genau sind, weiß man nicht. Wer tatsächlich hinter Holdings und GbmHs steckt, ist undurchsichtig, Auskunftspflicht gibt es keine.

Wenn der Gewinn im Vordergrund steht

"Ich würde mir immer wünschen, dass der Patient nur die Behandlung erfährt, die ihm guttut und nicht dem Arzt", sagt der Dresdner Zahnarzt Dr. Holger Weißig. Doch bei einigen der großen Zahnzentren hegt er Zweifel. "Kleine Füllungen werden dort plötzlich gehäuft gebohrt, wo wir sagen: 'War das überhaupt notwendig?' Das ist eine Kassenleistung, die abgerechnet wird, aber man kann es kaum nachprüfen. Jede Praxis muss Gewinn erwirtschaften, aber bei mir gibt es das Regulativ 'ärztliches Gewissen'. Und das haben inverstorengetragene Zentren nicht."

Der Kassenzahnärztliche Verband sieht eine Zunahme dieser Leistungen in den Zentren. Doch der Anstieg lässt sich nur schwer nachweisen. "Das Konstrukt ist per se so angelegt, dass man von einer potentiellen Gefährdung ausgehen muss", sagt Weißig. "Der Patient wird auch eine Zufriedenheit haben, der ist nicht sofort unzufrieden. Er weiß ja gar nicht, dass es übertherapiert ist. Das Management hat kein ärztliches Gewissen, das sind ja keine Ärzte."

Weißig fordert deshalb die Abschaffung der iMVZs, man brauche eine gesetzliche Regelung, die die Zentren verbiete, ärztliche Leitung müsse wieder verbindlich sein. Auch der Wechsel des Personals ist in den großen Zahnzentren häufiger. Eine Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient lässt sich so kaum aufbauen. Dabei gelten Zahnärzte und Gynäkologen als Fachrichtungen mit der höchsten Bindungskraft zwischen Arzt und Patient.

Das Management hat kein ärztliches Gewissen, das sind ja keine Ärzte.

Dr. Holger Weißig, Zahnarzt, über iMVZ für Zahnbehandlungen

Portraitfoto Dr. Holger Weißig
Dr. Holger Weißig ist Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen (KZV). Bildrechte: KZV Sachsen

MVZ verschärfen Ärztemangel eher noch

Medizinische Versorgungszentren sollten besonders in ländlichen Gegenden den Ärztemangel bekämpfen. Nach dem Vorbild der ehemaligen Polikliniken sollten sie mehrere Fachrichtungen unter einem Dach vereinen und außerdem Kosten für Verwaltung sparen.  Für Dr. Holger Weißig ist die Idee jedenfalls in der Zahnmedizin gescheitert: "Die MVZ lösen nicht die Versorgungsprobleme von morgen", betont er. Viele Zahnmedizinstudenten verlassen Sachsen nach dem Studium, um in wirtschaftlich stärkeren Regionen zu arbeiten, in denen sich mit Zusatzleistungen und Privatanteil mehr Geld verdienen lässt. Aus Sicht der sächsischen Zahnärzte könnte sich das Problem durch die großen Zahnzentren noch zusätzlich verschärfen.

"Wir müssen mit allen Mitteln schauen, dass wir eine flächendeckende Versorgung in Sachsen hinkriegen. Diese investorengetragenen MVZ saugen uns mit lukrativen Angeboten das Personal ab in die Großstädte. Wenn sie den Lebensmittelpunkt einmal in Leipzig oder Dresden haben, dann lassen sie sich nicht mehr im Zittauer Gebirge nieder", warnt Zahnarzt Dr. Holger Weißig. "Staubsauger" nennt der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen die Firmen, die das medizinische Personal aus ländlichen Regionen förmlich absaugen. Dabei wird es dort besonders dringend gebraucht.

Diese investorengetragenen MVZ saugen uns mit lukrativen Angeboten das Personal ab in die Großstädte.

Dr. Holger Weißig, Zahnarzt

 Dr. med. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen
Dr. Klaus Heckemann ist Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Bildrechte: KV Sachsen

Auch aus Sicht von Allgemeinmediziner Dr. Klaus Heckemann verschärft sich das Problem des Ärztemangels durch die MVZ eher. Während niedergelassene Hausärzte nicht selten 50 Stunden in der Woche arbeiten, nutzen viele Kollegen in den MVZ flexiblere Arbeitszeitmodelle. "Nun gibt es die Möglichkeit, 30 oder nur 20 Stunden angestellt zu arbeiten, aber das fehlt in der Behandlung der Patienten. Damit sind die Arbeitskapazität und die in der Zeit versorgbaren Patientenzahlen einfach niedriger geworden. Da hat sich die Struktur verschlechtert und das wird man nie wieder zurückholen", so Heckemanns Befürchtung.

Eine weitere Sorge: "Wir haben jetzt ganz viele Ärzte, die in Rente gehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Stellen an MVZs gehen, ist leider sehr groß. Und wir schauen zu, wir können nichts dagegen tun." Deshalb fordert auch er die Pflicht zur Offenlegung von Eigentümern investorenbetriebener MVZs, damit man als Patient auch die Chance hat, das zu erkennen.

Höhere Kosten als bei niedergelassenen Zahnärzten

Die Einsparung von Kosten ist ebenso längst kein Argument mehr. Eine Studie im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung belegt, dass iMVZ im Jahr 2018 30 Prozent mehr pro Patient abrechneten als niedergelassene Zahnärzte. 

Auch in anderen medizinischen Fachrichtungen schaut man inzwischen skeptisch auf das Modell MVZ und sieht Gefahren durch profitorientierte Unternehmen. "Wenn mit wenig Arbeit viel Geld verdient werden soll, muss etwas faul sein", sagt Allgemeinmediziner Dr. Klaus Heckemann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

Wenn mit wenig Arbeit viel Geld verdient werden soll, muss etwas faul sein.

Dr. Klaus Heckemann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

Beispiel Augenheilkunde: Lukrative Behandlungen bevorzugt

In den iMVZ konzentriere man sich eher auf Gebiete, in denen man am meisten Geld verdienen kann, wie etwa in der Augenheilkunde, so Dr. Heckemann. Zum Beispiel kann der richtige Zeitpunkt einer Operation des grauen Stars sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. "Da kann ich sagen, sobald das Sehen schlechter wird, kann man das machen. Das ist medizinisch unvertretbar, aber das ist eine Ermessensfrage. Man kann aber auch sagen: Wenn man so eingeschränkt ist, dass man nicht mehr lesen, nicht mehr Autofahren kann, dann kann man die OP machen. Aber man kann davon ausgehen, in dem Moment, wo es so ein Konstrukt gibt, da wird die Indikation ganz streng gestellt. Und da wird auch viel mehr Patienten zugeredet: Du hast eine Brille, das kann man doch operieren.“

Das belegen auch die Zahlen. Die Anzahl an Operationen am Grauen Star ist in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen. Das entspricht laut Zahlen der KV Württemberg genau dem Wachstum bei den MVZ.

Reagiert die Politik?

Im Bundesrat ist jetzt eine Initiative geplant, die den Einfluss von Investoren auf medizinische Versorgungszentren begrenzen soll. Doch ob und wann es tatsächlich soweit ist, ist zurzeit nicht absehbar.

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 27. Juli 2021 | 20:15 Uhr

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