Kriminalstatistik 2020 Mehr Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche festgestellt

In Berlin haben der unabhängige Beauftragte Rörig und BKA-Präsident Münch eine Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik zu Gewalt gegen Kinder und Jugendliche 2020 vorgestellt. Mit fast 5.000 Fällen wurde eine Zunahme um zehn Prozent gegenüber 2019 registriert. Stärker noch stieg die Zahl registrierter Fälle von Kinderpornografie, was auf die Coronavirus-Pandemie, auf mehr Hinweise und eine stärkere Verbreitung durch Minderjährige selbst zurückgeführt wird.

Auswertungscomputer der «BAO Fokus». Die spezielle Organisation innerhalb der Polizei kämpft seit Oktober 2020 gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch
Auswerterin der Polizei auf der Suche nach Kinderpornografie im Internet Bildrechte: dpa

Laut einer Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik sind im Jahr 2020 mehr Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche registriert worden als im Jahr zuvor. Das haben der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, und Bundeskriminalamts-Präsident Holger Münch mitgeteilt.

Demnach wurde bei Misshandlungen von Schutzbefohlenen eine Zunahme der Zahl der bekannt gewordenen Fälle auf 4.918 um rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr registriert. Bei den festgestellten Fällen von Verbreitung, Herstellung, Erwerb und Besitz sexueller Missbrauchsabbildungen, also bei der sogenannten Kinderpornografie, habe es 2020 sogar einen Anstieg um 53 Prozent gegeben. Hier seien im vergangenen Jahr insgesamt 18.761 Fälle gezählt worden.

Die Zahl registrierter Fälle von Kindesmissbrauch in Deutschland sei mit rund 14.500 um 6,8 Prozent höher gewesen als im Vorjahr. Insgesamt 152 Kinder und Jugendliche seien durch Gewalt gestorben, 115 jünger als sechs Jahre. Über alle Deliktarten hinweg waren die Täter den Angaben zufolge meistens Männer.

Minderjährige verbreiten selbst Inhalte

Münch und Rörig wiesen in dem Zusammenhang darauf hin, dass es eine starke Zunahme der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen durch Minderjährige selbst gebe. So habe sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die so etwas in sozialen Netzwerken verbreiteten, erwarben, besaßen oder herstellten, in Deutschland seit 2018 mehr als verfünffacht – von 1.373 auf 7.643 angezeigte Fälle 2020.

Die Statistiken geben der Polizei bekannt gewordene Delikte an. Das Dunkelfeld wird weitaus größer eingeschätzt. Demnach könnten hierzulande pro Schulklasse im Durchschnitt ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen sein.

Eine vermutetet Ursache: Die Coronavirus-Pandemie

Auch internationale Untersuchungen bestätigen eine Zunahme der sexuellen Ausbeutung von Kindern online: Laut Europol nahm der Kinderporno-Konsum im ersten Corona-Lockdown in Europa um rund 30 Prozent zu. Die britische Internet Watch Foundation (IWF) erklärte, dass auch Livestreaming sexualisierter Gewalt aus Kinderzimmern 2020 stärker nachgefragt worden sei. Laut IWF waren 55 Prozent der gezeigten Kinder jünger als zehn und zwei Prozent jünger als zwei Jahre.

Als Gründe für die Zunahme der Fallzahlen werden die Lockdowns in der Coronavirus-Pandemie, Homeschooling und weniger Freizeitaktivitäten der Kinder außer Haus genannt. Gleichzeitig seien mehr Täter zu Hause und im Netz aktiv. Allerdings gebe es auch verbesserte Möglichkeiten, solche Fälle zu melden, was zu einer Zunahmen solcher Meldungen beigetragen haben könnte.

Einen direkten Zusammenhang zu den Lockdowns sah BKA-Chef Münch hier zwar nicht. Da aber die meisten Taten im privaten Umfeld verübt würden, könnten Täter dadurch begünstigt und es Opfern erschwert worden sein, sich Hilfe zu holen.

Kein Randbereich der Gesellschaft

Rörig betonte, das sei kein Bericht von den Randbereichen der Gesellschaft: Sexuelle Gewalt finde meistens da statt, wo sie niemand vermuten wolle, in den Familien und in der Nachbarschaft, in den Sportvereinen und im Internet.

Rörig forderte eine massive Personalaufstockung bei Polizei und Justiz. Ermittlungen dürften nicht daran scheitern, dass Durchsuchungen nicht gemacht, Datenträger nicht ausgewertet werden könnten und Akten auf Halde lägen. Hier sei "ein Kipppunkt erreicht – wir müssen verhindern, dass das System kollabiert!".

Zudem forderte Rörig, dass der nächste Bundestag eine Enquete-Kommission einsetzt. In ihr sollten Experten gemeinsam auch mit Online-Unternehmen und Gaming-Plattformen eine Grundsatzstrategie erarbeiten.

Quellen: BKA-Material, epd

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Mai 2021 | 13:00 Uhr

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