Afghanistan Hunderte Menschen aus Kabul geholt

Auch mit Bundeswehr-Maschinen sind bis Mittwoch nun schon Hunderte von Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul ausgeflogen worden. Viele weitere sollen noch folgen. Doch ob und wie lange das geht, ist unsicher.

US-Soldaten bewachen eine Absperrung am internationalen Flughafen.
Am vom US-Militär bewachten Flughafen in Kabul harren weiter hunderte Zivilisten aus – in der Hoffnung, doch einen Platz in einem der Evakuierungsflugzeuge zu bekommen, Bildrechte: dpa

Die Bundeswehr hat mehr als 200 weitere Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul ins Nachbarland Usbekistan ausgeflogen. Das teilte das Verteidigungsministerium mit. Damit wurden bereits mehr als 900 Bundesbürger und afghanische Helfer in Sicherheit gebracht. Sie werden von Usbekistan aus weiter nach Deutschland geflogen. In der Nacht landeten am Frankfurter Flughafen zwei Maschinen aus Taschkent mit insgesamt 500 Menschen an Bord.

Die Evakuierungen wolle man "in den kommenden Tagen auch in der Quantität weiterführen", sagte Außenminister Heiko Maas am späten Mittwochnachmittag. Er betonte: "Das kann nur der Anfang sein. Wir wollen weiterhin so viele Menschen wie nur irgendwie möglich aus Afghanistan in Sicherheit bringen." Derzeit gebe es aber "keine belastbaren Sicherheitszusagen", dass die Taliban afghanische Staatsangehörige frei zum Flughafen lassen.

Der deutsche Botschafter sei inzwischen in Doha eingetroffen, wo er erste Gespräche mit Vertretern der Taliban geführt habe, sagte Maas. Diese Gespräche würden am Donnerstag fortgesetzt. Man will mit den Taliban verhandeln, um für afghanische Hilfskräfte eine sichere Ausreise zu erreichen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel drängte unterdessen auch bei US-Präsident Joe Biden darauf, möglichst vielen afghanischen Bürgerinnen und Bürgern, die Deutschland unterstützt haben, die Ausreise zu ermöglichen. Merkel habe am Mittwoch mit Biden telefoniert, teilte ein Regierungssprecher mit. Beide hätten auch eine weiter "enge Zusammenarbeit, auch zwischen der Bundeswehr und amerikanischen Sicherheitskräften am Flughafen Kabul" vereinbart.


Luftbrücke steht

Für die Luftbrücke hat die Bundesregierung extra Maschinen der Lufthansa gechartert. Regulär fliegt sie Usbekistan derzeit nicht an. Die Lufthansa will nach eigenen Angaben "im Rahmen der Luftbrücke und in Abstimmung mit der Bundesregierung" in den kommenden Tagen weitere Flüge aus Taschkent, aber auch aus der katarischen Hauptstadt Doha und anderen Anrainerstaaten von Afghanistan anbieten.

Die Evakuierungen sollen so lange durchgeführt werden, wie es die Sicherheitslage zulässt. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte am Dienstag erklärt, man werde alles mitnehmen, was in die Flugzeuge passe. Damit seien Deutsche, gefährdete Afghanen und Bürger verbündeter Nationen gemeint.

Zu Wochenbeginn hatten die USA in einem völlig überfüllten Transportflugzeug der US-Air-Force allein mehr als 600 Menschen aus Kabul ausgeflogen.

Eine große Menschengruppe in einem US-Militärflugzeug
Auf Twitter machten Bilder dieser extrem überfüllten Air-Force-Maschine die Runde, mit der die USA Menschen aus Afghanistan ausfliegen. Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Mehr als 180 Afghanen in Mitteldeutschland aufgenommen

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben bisher insgesamt 183 afghanische Ortskräfte und Angehörige aufgenommen. Wie Sachsens Innenminister Roland Wöller MDR AKTUELL sagte, sind in seinem Bundesland bisher 85 Menschen angekommen. Weitere 27 würden noch erwartet. In Thüringen sind es dem Migrationsministerium zufolge aktuell 60 Menschen. Ein Sprecher sagte, man erwarte insgesamt 150 Ortskräfte. Wegen der dramatischen Zustände in Afghanistan sei es nicht klar, wann und wie viele tatsächlich kämen. Sachsen-Anhalt wurden vom Bund 61 Afghanen zugeteilt. Eingereist sind bisher 38.


Gysi: Bundesregierung sollte zurücktreten

Nach den Ereignissen in Afghanistan hat der Linke-Politiker Gregor Gysi die gesamte Bundesregierung zum Rücktritt aufgefordert. Gysi sagte MDR AKTUELL, die Regierung sollte bis nach der Bundestagswahl nur noch geschäftsführend im Amt bleiben. Die schleppende Evakuierung von Botschaftspersonal und Ortskräften aus Kabul sei skandalös. Man hätte schon im Frühjahr nicht nur Soldaten, sondern auch alle Helfer aus zurückholen müssen.

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Gregor Gysi spricht im Bundestag. 5 min
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MDR AKTUELL Mi 18.08.2021 06:17Uhr 04:44 min

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Gysi betonte, die Linke sei die einzige Partei gewesen, die sich gegen eine deutsche Beteiligung in Afghanistan ausgesprochen habe. "Ich habe damals schon gesagt, die Macht der Taliban lässt sich militärisch nicht überwinden. Schon gar nicht kann man eine andere Kultur aufzwingen. Das alles funktioniert so nicht." Man habe für diesen Krieg 12,5 Milliarden Euro ausgegeben. Die hätte man sinnvoller in Deutschland und zur Entwicklung der sogenannten Dritten Welt einsetzen können. "Das Ganze ist desaströs."


Bundeskabinett beschließt Afghanistan-Mandat

Unterdessen hat die Bundesregierung am Mittwoch dem Evakuierungseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan zugestimmt. Im Entwurf heißt es, für den Einsatz könne "die Personalobergrenze zeitlich befristet überschritten werden. Gleiches gilt in Notsituationen." Das Mandat gilt bis 30. September gelten und umfasst rund 40 Millionen Euro.

Über das Mandat für bis zu 600 Soldaten will der Bundestag kommende Woche in einer Sondersitzung abstimmen. Bewaffnete Auslandseinsätze benötigen immer eine Zustimmung des Parlaments. In Ausnahmefällen ist auch ein nachträgliches Votum möglich.

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer will zudem angesichts der Machtübernahme der Taliban die Auslandseinsätze der Bundeswehr überprüfen. Deutschland müsse aus diesem Einsatz seine Lehren ziehen, sagte die CDU-Politikerin der "Rheinischen Post". Deshalb würden die anderen Auslandseinsätze der Bundeswehr dahingehend überprüft, ob man gut aufgestellt sei und was man möglicherweise besser machen müsse. Kramp-Karrenbauer sagte weiter: "Wir sollten dabei auch anerkennen, was die Bundeswehr in den letzten 20 Jahren geleistet hat."

Quelle: MDR, dpa, Reuters


Die Entwicklung in Afghanistan im Überblick:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2021 | 06:00 Uhr

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