Öffentlicher Nahverkehr Interessenverband: Keine Verkehrswende durch 9-Euro-Ticket

Das 9-Euro-Ticket führt nach Ansicht des Interessenverbands "Agora Verkehrswende" nicht zu einer Verkehrswende. Es werde kaum Verkehr verlagert, sondern sogar mehr erzeugt. Für Autofahrer sei das Angebot unattraktiv.

Zug-Passagiere auf dem Weg in den Urlaub.
Das 9-Euro-Ticket ist nach Ansicht des Interessenverbandes "Agora" nicht für eine Verkehrswende geeignet. Bildrechte: IMAGO / Manfred Segerer

Das 9-Euro-Ticket führt nach Ansicht des Interessenverbands "Agora Verkehrswende" nicht dazu, dass viele Menschen ihr Auto stehen lassen. Projektleiter Philipp Kosok sagte MDR AKTUELL, der Preis spiele bei der Wahl des Verkehrsmittels eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle. Für Autofahrer sei das bisherige Bus- und Bahn-Angebot nicht attraktiv. In urbanen Räumen seien die Busse und Bahnen überfüllt, und auf dem Land fahre zu selten etwas.

Kosok betonte, für eine Verkehrswende brauche es einen "Dreiklang von Maßnahmen". Das 9-Euro-Ticket sei nur ein Teil. Bund und Länder müssten mehr in Bus und Bahn investieren und das Angebot ausbauen. Zugleich sollten die Privilegien für Autofahrer zurückgefahren werden, etwa die Dienstauto-Vorteile oder kostenloses Parken im öffentlichen Raum.

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Neun-Euro-Ticket mit Bahn- und Busmodell 4 min
Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Kaum Verkehr verlagert

Kosok räumte zwar ein, dass die Datenlage noch sehr dünn sei. Sie deute aber darauf hin, dass mit dem 9-Euro-Ticket Verkehr kaum verlagert werde. Im Gegenteil, es werde mehr Verkehr erzeugt. Der Projektleiter sagte, der Versuch hätte damit keine positive Klimaschutzwirkung.

So war bei Befragungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen und bei einer Untersuchung im Großraum München herausgekommen, dass lediglich rund drei Prozent der Befragten ihr Auto zugunsten des Öffentlichen Nahverkehrs stehen gelassen hatten. Rund ein Viertel der Fahrten mit dem ÖPNV wären ohne das Ticket gar nicht gemacht worden. Es handle sich also um zusätzliche Reisen und nicht um Ersatzfahrten, die sonst mit dem Auto gemacht worden wären.

30 Millionen besaßen 9-Euro-Ticket

Die Untersuchung bescheinigt dem 9-Euro-Ticket vor allem eine erfolgreiche Vermarktung. Demnach kannte fast jeder der rund 6.000 Befragten das Ticket-Angebot. Insgesamt hätten allein im Juni mehr als 30 Millionen Menschen das Ticket besessen – inklusive jener Dauerkarten-Abonnenten, die das 9-Euro-Ticket nicht extra kaufen mussten.

Ungeachtet dessen hatte Finanzminister Christian Lindner von der FDP am Sonntag erklärt, er sehe im Bundeshaushalt keinen Spielraum für weitere Rabattaktionen im Nahverkehr und damit für eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets. Dabei hatte sein Parteifreund, Verkehrsminister Volker Wissing, das Ticket kurz zuvor noch als Erfolg gefeiert.

MDR/dpa (dni)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. August 2022 | 12:30 Uhr

41 Kommentare

Frau K. vor 6 Wochen

@Atze
die Landbevölkerung hat den ÖPNV auch selbst mit zerstört in den letzten Jahrzehnten - sie haben ihn schlichtweg nicht benutzt. Jetzt muss da mühsam geändert werden...

Atze71 vor 6 Wochen

Kann ich alles soweit nachvollziehen.
Das die Rentner immer ärmer werden, ist Sache der Politik.
Da ist da viel falsch gelaufen.Jetzt bezahle ich die Tickets der Lehrlinge und Studenten. Alles i.O. so .
Nur der Rentner ohne Auto auf dem Land hat auch nichts vom 9 Euro Ticket. Auch wenn dieser meine Lehre mitbezahlt hat. Sie sehen das man viel einbeziehen muss. Das sind aber die Hausaufgaben von anderen hochbezahlten Personen für die wir alle arbeiten.

Atze71 vor 7 Wochen

Und in jede Kleinstadt bzw. Dorf führt ein Gleis.
Alles klar ...
Warum fahren soviele LKW's?
Hier ist weniger die Schuld beim Verbrauer zu suchen.
Macht die Politik etwas dagegen? Nein!

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