Drogenbeauftragter für Neuregelung Alkoholverkauf erst ab 18? Das sagen Experten zum Vorstoß

Zwar ist der Trend, dass Jugendliche unter 18 Jahren nach Alkohol greifen, rückläufig. Trotzdem landen immer noch rund 14.500 Minderjährige pro Jahr wegen übermäßigem Alkoholkonsum im Krankenhaus. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat sich daher für ein Verkaufsverbot von Bier und Wein an unter 18-Jährige ausgesprochen.

Seit 2009 will die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit der Kampagne "Kenn dein Limit" für die Auswirkungen von Alkoholkonsum sensibilisieren. Und tatsächlich: unter Jugendlichen ist der Trend nach Alkohol zu greifen rückläufig.

Burkhard BLIENERT, MdB, Ordentlicher Landesparteitag der NRWSPD in Bochum
Burkhard Blienert (SPD) ist der Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Bildrechte: imago/Sven Simon

Doch es landen immer noch circa 14.500 unter 18-Jährige pro Jahr wegen übermäßigem Alkohol im Krankenhaus. Deshalb spricht sich der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Burkhard Blienert (SPD) für ein Alkoholverbot für unter 18-Jährige aus. Doch ist das notwendig und vor allem: ist das sinnvoll?

Von Bier bis Absinth: Jugendliche probieren früh Alkohol

Vanessa war zwölf, als sie das erste Mal Alkohol getrunken hat. Jetzt ist sie 15 und hat seither schon einiges probiert: "Vodka und Sex on the Beach, an alles kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe angefangen, weil ich mir dachte: ja, ich gehöre nicht mehr zu den Freunden, wenn ich nicht anfange mit trinken."

Zum ersten Mal war ich richtig besoffen mit 16. Ich bin direkt eingeschlafen. Ich habe eine ganze Flasche Hugo getrunken und ich war da halt noch komplett unerfahren.

Vanessa

Auch Leo, jetzt 19 Jahre, konsumierte früh Alkohol und hat auch schon alles durchprobiert – von Bier bis Absinth, wie er erzählt. Er weiß, dass es die Persönlichkeit verändert – und nicht zum Besseren.

Früher Alkoholkonsum erhöht das Risiko einer Abhängigkeit

Vor allem sei Alkohol aber schlecht für die Entwicklung, sagt Jakob Maske, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

"Alkohol ist letztendlich ein Zellgift und das Zellgift sorgt dafür, dass Nervenzellen unter Umständen kaputt gehen. Und das Besondere an den Nervenzellen ist eben, dass sie nicht nachwachsen, sondern kaputt bleiben. Und das ist besonders interessant, weil die Nervenzellen auch Gehirnzellen sind."

Michal steht mit dem Rücken zur Kamera, als Betroffene erzählt sie über Alkoholsucht. 43 min
Bildrechte: Saskia Hölzel-Thiel/MDR

Medizinisch sei außerdem klar: je früher Substanzen konsumiert werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eine Sucht zu entwickeln, so der Kinder- und Jugendarzt. Und das ist dann perspektivisch das Problem von Suchtberatungsstellen.

Im Freistaat Sachsen sind circa 65.000 Menschen alkoholabhängig, weitere 100.000 Personen betreiben Alkoholmissbrauch als Vorstufe der Suchtentwicklung, heißt es von der sächsischen Landesstelle für Suchtgefahren. Die Schadensbilanz wird in Sachsen auf zwei Milliarden Euro pro Jahr für Krankenhausbehandlung und Folgeerkrankungen durch Alkohol beziffert.

Werbung für Alkohol verbieten?

Für Kristine Kreider von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sei es deshalb wichtig, das eigene Trinkverhalten zu hinterfragen. Aber es brauche zusätzlich gesetzliche Rahmenbedingungen.

"Alkoholwerbung muss schlichtweg verboten werden. Aber auch das Thema Preise: Alkohol ist viel zu erschwinglich. Eine Flasche Vodka kann auch mit kleinem Taschengeld bezogen werden. Das sind alles Faktoren, die da mit rein spielen."

Sie begrüßt daher den Vorschlag des Drogenbeauftragten Burkhard Blienert. Kreider sehe auch eine Verantwortung der Politik hinsichtlich des Jugendschutzgesetzes. Denn im europäischen Vergleich sei Deutschland eine absolute Ausnahme, Alkohol vor dem 18. Lebensjahr überhaupt zugänglich zu machen.

Man stellt schon fest, dass Alkohol eine Tradition hat verharmlost zu werden in unserem Land. Es wird dann als Kulturgut bezeichnet und es sei ja gar nicht schädlich. Wohingegen die wissenschaftlichen Daten was ganz anderes zeigen.

Kristine Kreider, Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

Das zeigen auch die Zahlen: 2019 wurden in Deutschland fast 25 Milliarden Euro für Alkohol ausgegeben. Auch das sei Teil des Problems, sagt Kinder-und Jugendarzt Jakob Maske. Man könne hierzulande einem 16-Jährigen das Bier auf der Party schlecht verbieten. Deswegen unterstützt auch er ein Verbot von Werbung, höhere Preise und Aufklärung. Denn medizinisch sei die Faktenlage klar:

"Je früher man mit Substanzen anfängt, desto schädlicher ist es und deswegen müssen wir den Beginn von dem Konsum von Substanzen möglichste heraus zögern. Gerne auch bis nach 18", bekräftigt Maske.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Februar 2022 | 06:54 Uhr

27 Kommentare

Thommi Tulpe vor 26 Wochen

Auch die Jugend, die mit 16 demnächst wählen soll, wird sich sicher nicht gefallen lassen, wenn das Alter z. B. bei der Beschaffung von Alkohol von 16 auf 18 Jahre heraufgesetzt werden und Preise für diese Suchtmittel extrem verteuert werden sollen.
Wer seiner Sucht nachgehen möchte, wird sich durch keine Maßnahme davon abschrecken lassen - weder als Jugendlicher noch als Erwachsener.
Ich sehe in Ihren "nützlichen" Maßnahmen eher die Gefahr einer wachsenden Beschaffungskriminalität. Oder (für den "pfiffigen" Jugendlichen): Man findet im Internet Anleitungen zum Bau von Bomben. Dann wird sich sicherlich im Internet auch eine Anleitung zum Bier-Brauen finden lassen!?

Thommi Tulpe vor 26 Wochen

Belegen Sie erst einmal Ihre erklärte Auffassung, dass "Werbung verbieten, aufklären, Zugang beschränken ... durch Altersbeschränkungen und Preissteigerung" Wirkung erzielen!
Auch ich bin nicht in der Lage, mir jedes Gelesene und Gehörte mit Quellen-Nachweis zu notieren, weil ich dieses irgendwann vielleicht mal in einer Diskussion benötige.
Ich spreche auch aus eigenem Erleben. Ich kenne jemanden, der mit 12 Jahren selbst illegale Drogen konsumierte, für die es gar keine Werbung gibt. Wie kam dieser Junge Mann an derartige Drogen? Durch einen Gleichaltrigen?
Für illegale Drogen darf z. B. gar nicht geworben werden, vielerlei Verkauf/ Besitz solcher Drogen ist strafbar. Dennoch gibt es Dealer und Konsumenten - auch minderjährige!
Ihre Thesen scheinen mir wirklich sehr realitätsfern und sehr ideal theoretisch.

goffman vor 26 Wochen

Quelle? "In Deutschland trinken junge Menschen durchschnittlich im Alter von 15 Jahren ihr erstes Glas Alkohol." Quelle: kenn-dein-limit

Wenn sie mit 15 Jahren im Durchschnitt erstmalig mit Alkohol in Berührung kommen, ist es zwingend, dass der erste Vollrausch im Durchschnitt danach kommt.

Diese Angaben mögen sicher in verschiedenen Quellen variieren - in Abhängigkeit vom Studiendesign, Stichprobe, Repräsentativität etc. Nehmen wir an, Sie hätten recht und der erste Vollrausch wäre so zeitig: vom ist Zustand beim Alkoholkonsum können Sie nicht auf die Wirksamkeit von potenziellen Maßnahmen schließen.

Wenn Sie den Ist-Zustand beim Tabakkonsum mit dem Ausgangszustand vor dem Ergreifen der Maßnahmen vergleichen, dann sehen Sie, dass hier die Maßnahmen eine deutliche Reduktion bewirkt haben, gerade bei den jüngeren Generationen, die noch nicht durch jahrelange Abhängigkeit ihre Souveränität verloren haben.
Warum sollten diese Maßnahmen, nicht auch beim Alkohol wirken?

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