Analyse Union am Scheideweg: Das Duell Laschet gegen Söder

Die CDU-Führung hat sich hinter eine Kanzlerkandidatur von Armin Laschet gestellt. Damit ist der Machtkampf mit CSU-Chef Markus Söder entschieden – eigentlich. Denn es gäbe für die Union Gründe, diese Personalie noch einmal zu überdenken. Nicht nur weil die Umfragen für Söder sprechen, sondern weil ein "Weiter so" mit Laschet für die Zukunft nach der Corona-Pandemie nicht reicht.

Markus Söder (r, CSU), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Vorsitzender, steht neben Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
Wer wird Kanzlerkandidat der Union? CDU-Chef Laschet (links) oder CSU-Chef Söder (rechts)? Bildrechte: dpa

Im Frühjahr 1998 traf der damalige Parteivorsitzende der SPD, Oskar Lafontaine, eine kluge Entscheidung. Er verzichtete zugunsten von Gerhard Schröder auf die Kanzlerkandidatur. Es war die Vorentscheidung für die damalige Bundestagswahl im Herbst. Schröder lag in allen Umfragen in der Gunst der Wähler vor Lafontaine – und im direkten Duell mit dem ewigen Kanzler Helmut Kohl. Schröder verkörperte damals nach 16 Jahren Union an der Macht einen neuen Politikstil. Er verkörperte gemeinsam mit Joschka Fischer einen Aufbruch.

Unionsanhänger wollen eher Söder statt Laschet

Tim Herden
Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Genau vor der gleichen Entscheidung steht jetzt die Union bei der Auswahl des Kanzlerkandidaten: Armin Laschet oder Markus Söder? Armin Laschet liegt abgeschlagen in den Umfragewerten für die Kanzlerkandidatur der Union hinter Markus Söder. Selbst bei den eigenen Anhängern. 79 Prozent der CDU/CSU-Anhänger wollen den CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten, nur 29 Prozent den CDU-Vorsitzenden und nordrhein-westfälischen Landesvater.

Laschet muss alles auf die Karte Kanzlerkandidatur setzen

Doch die Logik der Umfragen spielt in der Politik selten eine Rolle. Anders als Lafontaine will Armin Laschet seinen Machtanspruch durchsetzen. Vielleicht würde ihm ein Rückzug leichter fallen, wenn er nicht erst drei Monate CDU-Vorsitzender wäre. Jetzt bei der Kandidatenfrage zu kneifen, würde ihn sofort zur politisch lahmen Ente machen. Alle Treueschwüre der CDU-Führung wären über Nacht hinfällig. Denn der neue "König" heißt dann Markus Söder. Mit einem leidlich guten Wahlergebnis für die Union würde Laschet die Bundestagswahlen als Parteivorsitzender noch überstehen. Bei den 2022 anstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen könnte aber seine Macht wackeln. So muss Armin Laschet alles auf die Karte Kanzlerkandidatur setzen. Ob allerdings die Wähler ein "Weiter so" im Stile von Angela Merkel wollen, wie es Laschet verkörpert, ist fraglich.

Ein wesentlicher Unterschied zu Söder ist sicher Laschets Engagement für eine vielfältige Gesellschaft. Er möchte besonders Menschen aus Einwandererfamilien, die schon lange in Deutschland leben, noch besser integrieren. Außerdem legt er sehr viel wert darauf, dass die Folgen von Klimaschutzmaßnahmen sozial ausgeglichen werden müssen.   

Nächster Kanzler muss Reformstau lösen

Aber die Pandemie hat vieles offengelegt, was in den Merkel-Jahren liegengeblieben ist. Deutschland braucht dringend einen Aufbruch, wenn man nicht in die wirtschaftliche Abstiegszone geraten will. Merkel, vielleicht abgeschreckt durch das Schicksal ihres Vorgängers nach den Hartz-IV-Reformen, hat große Umbrüche und Veränderungen immer vermieden. Aus Angst vor den Folgen. Nur einmal, bei der Aufnahme der Flüchtlinge 2015 hat sie etwas mehr gewagt und damit viel Zuspruch verloren. Nun aber merken die Bürger, dass dieses Wohlfühlgefühl, das Merkel verbreitete, trügerisch war. Sie erwarten Veränderungen. Aber ist dafür Armin Laschet der Richtige? Nach den Umfragen sind die Zweifel daran recht groß.

Markus Söder ist das Gegenteil von Armin Laschet

Markus Söder dagegen hat nichts zu verlieren. Sollte es zu einem Wahldebakel für die Union, möglicherweise zum Verlust der Kanzlerschaft kommen, kann er seine Hände in Unschuld waschen. Sollte es Laschet dennoch ins Kanzleramt schaffen, kann Söder einen Preis für seinen Rückzug als Kanzlerkandidat einfordern. Mehr Ministerposten, möglicherweise sogar den Fraktionsvorsitz für die CSU in der Unionsfraktion.

Söder ist das Gegenmodell zu Armin Laschet. Er spürt in seinem Bundesland die Veränderungen durch den Klimawandel. Er muss nur in die Alpen fahren, um das Schmelzen der Gletscher zu beobachten. Das lässt mittlerweile auch die konservativsten CSU-Wähler nicht mehr kalt. Die Bewältigung der technologischen Herausforderungen des Klimawandels entscheidet über den zukünftigen Wohlstand Bayerns. Mit BMW und Audi haben zwei der größten Autohersteller und Arbeitgeber nur eine Chance am Weltmarkt, wenn sie den Umstieg zur Elektromobilität schaffen, aber die für einen entsprechenden Absatzmarkt notwendige Ladesäuleninfrastruktur in Deutschland vorfinden. Ansonsten stehen viele Arbeitsplätze auf der Kippe. Söder ist klar, dass es nach der Corona-Krise nicht nur um die Bewältigung der Pandemiefolgen geht, sondern dass Deutschland neu aufgestellt werden muss. Das weiß Söder und sagt es auch, aber diese Entschlossenheit macht vielen in der Union Angst.

Söder polarisiert mehr als Laschet. Das könnte auch eine Gefahr für die Union sein. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung ("Des Wählers Herz. Emotionale Parteienbewertung" von Viola Neu) zeigt, dass ein Viertel der CDU/CSU-Wähler sich auch eine Stimmabgabe für die Grünen vorstellen kann. Umgekehrt sind es nur 12 Prozent. In der CDU fürchtet man, dass ein Kandidat Söder diese Wechselstimmung bei Wählern aus der politischen Mitte erzeugt und dieser Trend stärker ist, als man auf der rechten Seite von der AfD gewinnen könnte.

Trotzdem wird es wahrscheinlich Laschet

Momentan scheint Armin Laschet deshalb die Nase im Kandidatenrennen vorn zu haben. Die CDU-Gremien unterstützen ihn und nicht Söder. Damit ist eine wesentliche Voraussetzung für die Kandidatur des Bayern vom Tisch. Das hat natürlich auch was mit dem Verhältnis der sogenannten "Schwesterparteien" zu tun. Da kann sich die große Schwester nicht von der kleineren vorführen lassen. Wie klug eine Entscheidung für Laschet wäre – darüber werden die Wähler am 26. September abstimmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. April 2021 | 15:30 Uhr

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