Gescheiterter EU-Antrag Bauern können weiter auf Antibiotika setzen – Wissenschaft dagegen

Im EU-Parlament ist ein Antrag der Grünen, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast strenger zu regeln, gescheitert. Ziel des Antrags war, dem massenhaften Einsatz der Stoffe vorzubeugen, um deren Wirksamkeit auch beim Menschen zu erhalten. Jährlich sterben in der EU etwa 30.000 Menschen, weil die Stoffe nicht mehr anschlagen.

Schweine bekommen Raufutter in Form von Stroh in einer Raufe.
In Massenhaltung können Keime von Tier zu Tier springen. Bildrechte: imago/Marius Schwarz

  • Bauernverbände sehen keinen Grund für verschärfte Regeln.
  • Laut EU-Parlamentarier setzt die Tiermedizin aber mehr Antibiotika ein als die Humanmedizin. Verschriebene Mittel können zu Resistenzen führen.
  • Die Massentierhaltung ist ein Grund für die Entstehung von Resistenzen.

Hans-Uwe Heilmann ist als Chef der Genossenschaft Agrarprodukte Kitzen bei Leipzig verantwortlich für Schweine und Rinder. Dass sich in Sachen Antibiotikaeinsatz nichts verändert, findet er gut: "Antibiotikaeinsatz in der Tierproduktion hat mit Tierwohl, Tiergesundheit und artgerechter Haltung zu tun."

Bauernverband sieht keinen Grund für schärfere Regeln

Heilmann ist nicht nur selbst Landwirt. Als Vize-Präsident des sächsischen Landesbauernverbandes setzt er sich auch dafür ein, dass die Regeln nicht verschärft werden. Dafür sieht er auch keinen Grund. Für seinen Betrieb sei es schon immer Gang und Gäbe, dass die Vergabe solcher Mittel dokumentiert werde: "Wir haben Antibiotika noch nie prophylaktisch eingesetzt, wie das oftmals behauptet wird."

Der grüne EU-Parlamentarier Martin Häusling verwies im Programm von MDR AKTUELL dagegen auf die aus seiner Sicht problematischen Mengen, die in Ställen verwendet würden: "Um das nochmal deutlich zu machen: Die Humanmedizin verbraucht in Europa ungefähr 4.200 Tonnen Antibiotikum und die Tiermedizin 6.500 Tonnen. In der Tiermedizin wird es also es wird noch deutlich mehr eingesetzt."

Wissenschaft kritisiert Einsatz scharf

Viel zu viel, findet auch Prof. Dr. Norbert Suttorp, Humanmediziner an der Berliner Charité und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina. Zum EU-Beschluss gegen strengere Regeln hat er daher eine klare Meinung. Für ihn ist er "wie aus der Zeit gefallen. Antibiotikaresistenz ist ein Dauerlutscher, in der Medizin, in der öffentlichen Diskussion. Da greift man sich ans Kleinhirn."

Das Problem sei so offensichtlich, dass er nicht gedacht habe, dass im Jahr 2021 noch solche Entscheidungen gefällt würden: "Eine verschriebene Tonne Antibiotikum führt zu einer Tonne Resistenzproblemen. Je weniger eingesetzt, je gezielter, umso besser." Über das Fleisch, übers Wasser erreiche uns Menschen das Antibiotikum letztlich auch.

Massentierhaltung bei Resistenzbildung als Problem

Der Mediziner Norbert Suttorp betont, es gehe nicht darum, einzelnen Tieren eine Behandlung zu verwehren: "So lange es die Massentierhaltung gibt und der Erreger mit Leichtigkeit zum nächsten Tier springt, führt ein krankes Tier dazu, dass der ganze Stall behandelt werden muss." Die Steigerung davon sei, eine Infektion vorab zu verhindern und alle Tiere vorab mit Reserveantibiotika zu versorgen.

Aus Sicht von Landwirt Hans-Uwe Heilmann gibt es schon genug Regeln beim Antibiotikaeinsatz. Kaum ein Bereich werde in Deutschland so engmaschig kontrolliert wie die Mast.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. September 2021 | 08:05 Uhr

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