Kohleausstieg vor Atomausstieg Sollte der Kohle- vor dem Atomausstieg geschehen?

2022 ist Schluss mit der Atomenergie in Deutschland und, nach den aktuellen Plänen, 2038 Schluss mit der Kohle-Verstromung. Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet betont immer wieder: Fürs Klima wäre die umgekehrte Reihenfolge besser gewesen – also erst Kohle-, dann Kernkraftausstieg.

Ginge es dem Klima besser, wenn der Kohleausstieg vor dem Atomausstieg beschlossen und umgesetzt worden wäre? Patrick Graichen, Direktor des Thinktanks Agora Energiewende, meint ja: "Wissenschaftlich-technisch stimmt das. Politisch haben wir diese Diskussion nie gehabt."

Laut Martin Neumann, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, habe Armin Laschet physikalisch, technisch und auch mit Blick auf die aktuelle Situation nicht Unrecht. Doch es sei auch ein Blick zurück, da der Atomausstieg politisch bereits beschlossen wurde. Dem jetzt etwas entgegen zubringen, hält Neumann nicht für zielführend.

"Was wäre wenn"-Gedankenspiele nicht zielführend

Ein Kohleausstieg hätte damals nie eine Mehrheit gefunden, sagt Sylvia Kotting-Uhl, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Jetzt zu sagen, was damals besser gewesen wäre, hält sie deshalb für realitätsfern: "Aber der Atomausstieg mit dieser klaren vorgezeichneten Zeitschiene, wann welche Gigawatt aus der Erzeugung herausgehen, hat erstmals dafür gesorgt, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien sehr ernst genommen wurde."

Auch Patrick Graichen vom Thinktank Agora Energiewende sagt, der Ausbau erneuerbarer Energien sei immer an den Ausstieg aus der Atomenergie gekoppelt gewesen. "Was wäre wenn"-Gedankenspiele bringen aus seiner Sicht nur wenig. Er glaubt zwar, dass ein Parallel-Laufen von Atomkraftwerken und erneuerbaren Energien die Kohlekraftwerke langfristig verdrängt hätte, doch in der Praxis sei die Diskussion im Bundesumweltministerium immer eine andere gewesen.

Je früher der Kohleausstieg, desto besser

Andreas Oschlies leitet die Forschungseinheit "Biogeochemische Modellierung" am Helmholtz-Zentrum für Ozean-Forschung in Kiel. Mit Blick einzig auf die CO2-Bilanz sagt auch er: Je früher der Ausstieg aus der Kohle erfolgt, desto besser. Schon gebaute Atomkraftwerke laufen zu lassen, sei für das Klima nicht belastend. "Wir haben aber ganz andere Probleme mit dem Thema Atomkraft, zum Beispiel was die Endlagerung und Proliferation betrifft." Für Oschlies vergleicht man hier Äpfel mit Birnen, da die Atomkraft mehr gesellschaftliche und Umweltprobleme schaffe, als dass sie ein Klimaproblem darstelle.

Eines macht den Wissenschaftler bei dieser Debatte aber sauer. Keines der aktuellen Wahlprogramme genüge, um die Klimaziele in Deutschland zu erreichen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. September 2021 | 06:22 Uhr

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