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Alltag in Deutschland: Menschen sammeln Pfandflaschen aus Mülleimern, um ihr Einkommen aufzubessern. Bildrechte: dpa

Bericht zur ArmutsentwicklungArmut in Deutschland erreicht neuen Höchststand

von MDR AKTUELL

Stand: 16. Dezember 2021, 21:15 Uhr

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen 2020 in die Höhe getrieben und Deutschland einen Wirtschaftseinbruch beschert. Die Politik konterte mit Kurzarbeitergeld, einem milliardenschweren Konjunkturprogramm, der zeitweisen Mehrwertsteuer-Senkung und anderen Maßnahmen. Ein Erdbeben in der Armutsstatistik sei so verhindert worden, analysiert der Paritätische Gesamtverband in seinem aktuellen Bericht zur Armutsentwicklung. Dennoch habe es in Deutschland noch nie so viele Arme gegeben.

Die Armut in Deutschland hat im Pandemiejahr 2020 einen neuen Höchststand erreicht. Das geht aus dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Demnach müssen 16,1 Prozent der Bevölkerung bzw. 13,4 Millionen Menschen zu den Armen in diesem Land gerechnet werden.

Wo liegt in Deutschland die Armutsgrenze?

Armut wird in Deutschland definiert über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe. In Deutschland lag das monatliche Durchschnittseinkommen eines Arbeitnehmers 2020 laut Statistischem Bundesamt netto bei 2.088 Euro. Jede Person, die 60 Prozent oder weniger als das Durchschnittseinkommen zur Verfügung hat, befindet sich unterhalb der Armutsgrenze. Damit gilt beispielsweise eine kinderlose, alleinstehende Person mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.126 Euro als arm. Für Paare oder Personen mit Kindern gelten entsprechend höhere Sätze.

Armut verschärft sich seit 2006

Der Verband analysiert in seinem Bericht die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Armutsgefährdungsquote. Im Vorjahr habe diese noch bei 15,9 Prozent gelegen, 2018 bei 15,5 Prozent. Damit setze sich ein "besorgniseregender Aufwärtstrend" fort, der seit 2006 zu beobachten sei.

Kurzarbeit war wirksames Instrument

Als Grund für die gestiegene Quote im Jahr 2020 nennt der Paritätische den "tiefen wirtschaftlichen Einbruch" und eine "sprunghaft angestiegene Arbeitslosenquote" in Folge der Corona-Pandemie. Die Bundesregierung habe mit dem Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente wirksam reagiert, lobte der Verband. Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld oder auch das Arbeitslosengeld I hätten zwar keine Einkommenseinbußen verhindert, aber offenbar viele Menschen vor einem Fall in die Armut bewahrt. Zudem habe die Regierung mit einem 130 Milliarden starken Konjunkturprogramm, der befristeten Absenkung der Mehrwertsteuer sowie der Absenkung der EEG-Umlage eine "beispiellose Offensive ökonomischer und arbeitsmarktpolitischer Stützmaßnahmen" ergriffen. Damit sei das "große Beben" in der Armutsstatistik ausgeblieben. Für rund vier Fünftel der Bevölkerung habe das Krisenjahr keine finanziellen Einbußen mit sich gebracht.

Kaum armutspolitische Maßnahmen

Zugleich kritisierte der Verband, dass keine "klaren armutspolitischen Akzente" in den Wirtschaftsprogrammen gesetzt worden seien. Zwar sei ein Kinderbonus von 300 Euro pro Kind gezahlt worden. Danach sei aber trotz des pandemiebedingten Wegfalls vieler Hilfsangebote wie der Tafeln, des kostenlosen Schulessens oder der Sozialkaufhäuser fast ein ganzes Jahr lang nichts passiert. Damit hätte die Pandemie Arm und Reich unterschiedlich getroffen. Für diejenigen, die bereits in Armut gelebt hätten, sei die Not noch größer und die Ausgrenzung noch härter geworden. Nach wie vor seien vor allem Haushalte mit drei und mehr Kindern sowie Alleinerziehende von Armut betroffen. Das gleiche gelte für Erwerbslose und Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss oder Migrationshintergrund.

Ostdeutschland unterschiedlich betroffen

Im Ländervergleich zeigt sich laut Armutsbericht eine Verfestigung des "Wohlstandsgrabens" zwischen Bayern und Baden-Württemberg einerseits und dem Rest der Republik. Während beide Länder eine gemeinsame Armutsgefährdungsquote von "nur" 12,2 Prozent aufweisen, fallen Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt mit einer außerordentlich hohen Quote von rund 20 Prozent auf. Die Armutsgefährdungsquoten von Sachsen und Thüringen von 17,9 bzw. 17,7 Prozent sind denen der west- und norddeutschen Flächenländer ähnlich. Mit 14,5 Prozent kann dagegen das ebenso im Osten Deutschlands gelegene Brandenburg punkten. Bereits im Armutbericht 2019 hieß es dazu, der "einfache Ost-West-Vergleich, die holzschnittartige Gegenüberstellung von neuen und alten Bundesländern funktioniert 30 Jahre nach der Vereinigung nicht mehr".

Wohlstand veringert Armut nicht

Langfristig bleibe der Befund, dass sich wirtschaftliche Entwicklung und Armutsentwicklung weitgehend entkoppelt haben. Der Wohlstand des Landes fände "nicht den Weg zu den Armen". Zunehmend gesellschaftlicher Wohlstand gehe mit steigenden Armutsraten einher. Der Verband warnte vor einer weiteren Verschärfung von Armut nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie. Von der neuen Bundesregierung forderte er eine gezielte Anhebung finanzieller Unterstützungsleistungen speziell für arme Menschen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 16. Dezember 2021 | 13:00 Uhr