Beschwerden bei Ärztekammern Ärzte ohne Masken: Corona-Skeptiker unter Medizinern

Ärzte genießen ein besonderes Vertrauen in der Bevölkerung. Gerade in der Corona-Krise ist ihre Expertise gefragt. Schwierig wird es dann, wenn die Mediziner der Pandemie skeptisch gegenüberstehen. Ärztekammern registrieren zahlreiche Beschwerden.

Ein Arzt in Schutzkleidung setzt eine Maske auf.
Wenn Mediziner Gefahren in der Pandemie missachten oder herunterspielen – oder sie sogar ganz leugnen – ist das gefährlich, warnt ein Experte. Bildrechte: MDR/PantherMedia

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssen sich derzeit Berufsorganisationen mit Ärzten auseinandersetzen, die die Corona-Pandemie leugnen oder zumindest relativieren. Die Landesärztekammern der drei Länder haben einer MDR-Abfrage zufolge bereits etwa 80 Hinweise und Beschwerden über Mediziner erhalten, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen. Oftmals beziehen sich die Vorwürfe auf das Ausstellen falscher Maskenatteste, das Leugnen oder Herunterspielen der Gefahren des Virus oder das Nicht-Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Praxis. In Sachsen sind demnach bereits rund 50 Hinweise bei der Kammer eingegangen, in Sachsen-Anhalt etwa 10 und in Thüringen 22.

Neben den zahlreichen Beschwerden treten Ärzte, die Corona leugnen, auch gemeinsam politisch in Erscheinung. Erst Mitte Januar tauchten in Nordthüringen Flyer der aus Hamburg stammenden Organisation "Ärzte für Aufklärung" auf. Unter der Überschrift "Zwang zur Impfung droht" warnen die Gründer der Plattform davor, dass eine Zwangsimpfung Autoimmunkrankheiten oder Krebs entstehen lassen könnte. Der ehemalige Direktor und Professor am Institut für Experimentelle und Klinische Toxikologie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, Stefan Hockertz, kommt in dem Schreiben mit zumindest fragwürdigen Aussagen zu Wort. Er rechne im Zusammenhang der Impfungen mit 80.000 Toten und vier Millionen Geschädigten.

Bevölkerung werde zusätzlich verunsichert

Grundsätzlich sind Ärzte in ihrem Verhalten und ihren Therapiemaßnahmen frei. Allerdings dürfe ihr Handeln nicht im krassen Widerspruch zu allgemeinen Richtlinien stehen, sagte Professor Eckhard Nagel dem MDR. Nagel leitet das Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. "Eine klare Linie ist etwa, spezifische Präventionen vorzunehmen, aktuell beispielsweise zumindest einen Mund-Nasen-Schutz in der Praxis zu tragen. Wenn jemand das nicht einhält, gibt es Sanktionsmöglichkeiten." Hier seien aber weniger die Ärztekammern die sanktionsfähigen Institutionen, sondern die Gesundheitsämter, so der Gesundheitswissenschaftler.

Wenn Mediziner Gefahren in der Pandemie missachten oder herunterspielen – oder sie sogar ganz leugnen – ist das aus Sicht des Experten gefährlich, da Ärzte eine zentrale Rolle in dieser Pandemie einnehmen würden. Das größte Problem sieht Eckhard Nagel vor allem in der Verunsicherung der Bevölkerung. "In solch schwierigen und belastenden Situationen wie der unseren, ist es besonders leicht, Ängste zu schüren. Damit werden Menschen noch stärker in Schwierigkeiten gebracht", so Nagel.

Kammern sehen Ärzte-Bewegung kritisch

Auch die Landesärztekammer in Thüringen beobachtet die Entwicklung mit Sorge. "Abgesehen davon, dass es keine Corona-Zwangsimpfung gibt und im Gegenteil viele Menschen froh wären, wenn sie einen Impftermin hätten, kann man sich von diesen Aussagen auf dem kursierenden Flyer nur aufs Schärfste distanzieren", sagt die Präsidentin, Dr. Ellen Lundershausen, dem MDR. Eine Verunsicherung der Bevölkerung sei nicht hilfreich, gerade in dieser schwierigen Phase der Pandemie. Die Ärztekammer in Sachsen-Anhalt beobachtet eigenen Aussagen zufolge die Bewegung "Ärzte für Aufklärung" und wolle in der kommenden Sitzung des Vorstandes das Thema besprechen und bewerten.

Das Thema ist sensibel. Ärzte gelten bei vielen als die "Götter in Weiß". Laut einer aktuellen Studie des Forsa-Instituts, bei der 4.000 Menschen befragt wurden, vertrauen 85 Prozent der Deutschen den Medizinern am stärksten. Keine andere Berufsgruppe genießt so viel Vertrauen. Und das hat seine Gründe. "Menschen haben gelernt, dass medizinische Berufsgruppen verlässliche Partner sind und Unterstützung leisten", sagt der Gesundheitsexperte Eckhard Nagel.

Kampagne schädlich für die Ärzteschaft?

Bei all der Kritik gilt es, zu unterscheiden und nicht die Ärzteschaft über einen Kamm zu scheren. Die große Mehrzahl der Mediziner ist unverdächtig. Allein in Sachsen arbeiten rund 15.000 Ärzte selbständig oder in Kliniken, in Sachsen-Anhalt sind es etwa 10.000. Hinzu kommt: Nach MDR-Recherchen sind unter den Unterstützern der vermeintlichen "Aufklärungs"-Kampagne zwar zahlreiche Ärzte, aber auch Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Ländern. Die Hälfte der gelisteten Personen stammt nicht aus dem Gesundheitsbereich. Sie sind Betriebswirte, Bauingenieure, Makler, Bankkaufleute oder Rentner.

Zur Finanzierung ihrer Kampagne wurde jüngst die in Hamburg ansässige "Stiftung Ärzte für Aufklärung" durch Doktor Walter Weber ins Leben gerufen. Auf der Homepage wird zur finanziellen Unterstützung aufgerufen. Allerdings ergab eine MDR-Anfrage beim zuständigen Justizsenat der Hansestadt, dass eine Stiftung unter dem Namen nicht unter der Stiftungsaufsicht der Stadt steht – also dort nicht registriert ist. Der Namensbestandteil "Stiftung" sei allerdings nicht geschützt. Jede Struktur könne den Titel tragen. Dennoch befinden sich rund 2.000 Namen auf der Unterstützer-Liste der "Ärzte für Aufklärung". Darunter sind auch 103 Menschen aus Sachsen (55), Sachsen-Anhalt (24) und Thüringen (24).

Ein zentraler Aspekt im ärztlichen Handeln sei das Vertrauen, erklärt Eckhard Nagel. Dieses Vertrauen werde durch solche Initiativen konterkariert und es resultiere statt Aufklärung Abwehr und Angst. "Für den ärztlichen Berufsstand ist eine solche Verhaltensweise schädigend", sagte Experte Nagel abschließend.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 17. Februar 2021 | 20:15 Uhr

165 Kommentare

Lok vor 8 Wochen

"Dieses Forum gehört nicht Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen."

@JanoschausLE
Auch wenn Sie nicht mich damit angesprochen haben, finde ich die Bemerkung seltsam. Von den aktuell 170 Kommentaren hier zum Thema haben Sie ganz allein 44 Stück geschrieben. Da scheint es mir doch eher, dass Sie hier der Diskussion ganz erheblich den Stempel aufdrücken wollen.

vhil vor 8 Wochen

Dietmar, um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben... was an Pittys Fakten ist Schmarn? Welch erhellenden Beitrag zum Meinungsaustausch soll Ihr Kommentar denn haben?

Pitty vor 8 Wochen

Ein Fakt: derzeit gibt es bei 83.020.000 Einwohnern, offiziell ca.128.000 Coronavirus-Infizierte ....! Jetzt nennen sie mir bitte mal die Zahl derer, die davon auch erkrankt sind!

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