Ende der Kernenergie Rückbau von Kernkraftwerken dauert Jahrzehnte

Atomkraftwerke werden in Deutschland schon abgebaut. Auch die noch laufenden Kernkraftwerke sollen weg. Es ist eine gigantische Aufgabe: So müssen etwa in Greifswald–Lubmin 1,8 Millionen Tonnen Material des ehemaligen Kernkraftwerks entsorgt werden. Das AKW ist bereits vor 30 Jahren abgeschaltet worden. Jetzt zeigt sich: Der Rückbau wird viel teurer und dauert deutlich länger als gedacht.

"Vorsicht Kontamination" steht auf einem Schild. 14 min
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Bevor das Atomkraftwerk in Greifswald-Lubmin 1990 abgeschaltet wurde, hatte es in der DDR 16 Jahre lang Strom geliefert. Der Rückbau kostet mehr Zeit als geplant und der Aufwand ist höher als gedacht. "Es war Neuland für uns alle hier. Es gab auch keine Blaupause von woanders", sagt die Pressesprecherin des Entsorgungswerks für Nuklearanlagen (EWN), Marlies Philipp.

Ich habe auch nicht gedacht, dass ich 2021 noch hier stehe und wir sind noch beim Rückbau.

Marlies Philipp Pressesprecherin des Entsorgungswerks für Nuklearanlagen

Alles dreht sich um die eine große Gefahr: radioaktive Strahlung. Jede und jeder der hier rein will, muss sich einem strengen Sicherheitsregiment unterwerfen. Selbst die Kameratechnik von MDR exakt wird beim Rein- und Rausgehen gemessen. Die Straßenkleidung muss ausgezogen und neue Sachen angezogen werden. Diese aufwendige Prozedur wiederholt sich bei jedem Wechsel in ein anderes Gebäude. Das gilt natürlich auch für alle Arbeiterinnen und Arbeiter hier.

Blick auf die Bauruine des Reaktorsaal des Block 8 und Block 7.
Der Rückbau dauert viel länger als der Betrieb: Blick auf die Bauruine des Reaktorsaal des Block 8 und Block 7 im ehemaligen Atomkraftwerk Greifswald. Bildrechte: dpa

Die Gefahr der radioaktiven Strahlung

Sämtliche Gebäude müssen auf Radioaktivität untersucht werden, bevor die Wände in ihre Einzelteile zerlegt werden. Marlies Philipp erklärt: "Man macht oben und unten eine Bohrung rein, kann das Seil durchfädeln und dann kann das Seil arbeiten und schneidet sich hier durch den Beton. Das muss hier gemacht werden. Das sind diamantbeschichtete Seile."

Frau mit Bauschutzhelm während Interview.
Der Rückbau des AKW war Neuland für alle Beteiligten, sagt die Sprecherin des EWN, Marlies Philipp. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Maschine wird vom Raum nebenan gesteuert. Wenn das Seil den kontaminierten Beton zerschneidet, darf keine Arbeiterin und kein Arbeiter mehr im Raum sein – das schreibt der Arbeitsschutz vor. Das ist ein Grund, warum der Rückbau so viel Zeit in Anspruch nimmt.

Über eine halbe Millionen Tonnen belasteter Sondermüll

Ein anderer Grund: 1,2 der 1,8 Millionen Tonnen sind wiederverwendbar. Doch der Rest – etwa 600.000 Tonnen – sind unterschiedlich belastete Sonderabfälle. Immer wieder werden neue Kontaminationen gefunden.

Diese Reste können nicht einfach entsorgt werden: Sie müssen akribisch nach Inhalt und Herkunft sortiert und verwaltet werden. "Sodass es wirklich nachvollziehbar ist, wenn die Behörde kommt oder der TÜV, die wollen wissen, wo ist das her. Dann kannst du sagen: Von da ist das. Wir werden kontrolliert, das ist ja auch richtig so", erklärt Techniker Harald Borsch.

Vorläufer für Rückbau weiterer AKW

Fässer werden verschweißt.
Jedes Fass, jeder Stahlträger, jeder Behälter aus dem ehemaligen Atomkraftwerk wird gelagert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jedes Fass, jeder Stahlträger, jeder Behälter wird gelagert. Bevor etwas die Baustelle verlassen darf, muss es durch die sogenannte Freimessanlage: Ohne das grüne Licht verlässt nichts das Gelände. Sind die Grenzwerte überschritten, geht es zurück, auch mal für Jahrzehnte.

Peter Schwab vom Entsorgungswerk für Nuklearanlagen sagt: "Es kommt nach wie vor oftmals vor, dass es den Freigabewert überschreitet. Man kann die Abklingzeit berechnen und weiß dann, in 30 Jahren kann ich das wieder hierherholen und dann kommt das wahrscheinlich durch."

Der hochkomplizierte Rückbau von Greifswald-Lubmin ist der Vorläufer für 16 Kernkraftwerke, die im Westen der Republik schon stillgelegt wurden. Bei einigen hat der Rückbau bereits begonnen. Bis Ende 2022 sollen sechs weitere AKW folgen, die derzeit noch laufen. 

Der Grund für den Ausstieg aus der Kernenergie Hintergrund für den Ausstieg aus der Kernenergie ist die Katastrophe von Fukushima. Im März 2011 erschütterte eines der schwersten Erdbeben die Küste Japans und löste einen Tsunami aus. Dadurch kollabierten mehrere Kühlsysteme im dortigen Atomkraftwerk. Diese Katastrophe war Anlass für Kanzlerin Angela Merkel ihre Position zur Kernkraft grundsätzlich zu revidieren.

Die Entscheidung: Schrittweise lässt die Bundesregierung alle Kernkraftwerke hierzulande abschalten. Die letzten drei gehen Ende nächsten Jahres vom Netz. Dann dürfte Strom aus deutschen Atomkraftwerken Geschichte sein.

Dass Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, findet nicht jeder gut. Nach jüngsten Umfragen nimmt die Zahl der Menschen zu, die die Kernkraftwerke behalten wollen. Immer wieder finden Demonstrationen vor den AKWs statt.

Rainer Klute von "Nuklearia e.V." – ein Verein, der sich für den Erhalt der Kernenergie aus Gründen des Umweltschutzes einsetzt – antwortet auf die Frage, ob eine politische Kehrtwende mitDemonstrationen zustande kommen könnte: "Ich glaube nicht, dass es an der Anzahl der Personen liegt, sondern an den Fakten. Wir brauchen eine Stromversorgung, die zuverlässig da ist und das geht mit Sonne und Wind halt nicht. Weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit.

Deutschland schaltet jetzt die Kernkraftwerke ab, Deutschland will aus der Kohle raus. Woher kommt der Strom dann?

Rainer Klute Verein Nuklearia e.V.

Einige Wissenschaftler zweifeln an Ausstieg aus Atomkraft

Auch Wissenschaftler zweifeln immer wieder an, ob die künftig benötigten Strommengen ganz ohne Atomkraft erzeugt werden können. Sie fordern von der Politik, aktuelle Atomkraftprojekte in anderen Ländern weiter im Blick zu behalten.

Der Mix der Energieerzeugung in Deutschland derzeit: Im Jahr 2020 kamen noch elf Prozent des Stroms aus der Atomenergie. 24 Prozent aus der Kohle. Der Anteil der erneuerbaren Energien liegt inzwischen bei 44 Prozent. Kann der grüne Strom so stark wachsen, dass Deutschland bis 2045 CO2-neutral wird?

Atomkraft ist risikoreich

Frau während Interview.
Die Ökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, befasst sich seit langem mit Energie-Fragen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Argumente der Atomkraftbefürworter sind bekannt. Die gibt es auch weltweit. Sie widersprechen den wissenschaftlichen Erkenntnissen, sagt Claudia Kemfert, Ökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie befasst sich seit langem mit Energie-Fragen, lehrt an Universitäten und sitzt in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien. Aus ihrer Sicht müsste der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand in die Debatte rein.

"Der ist folgendermaßen", sagt die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am DIW. "Atomenergie ist teuer, unöḱonomisch, und auch risikoreich. Die erneuerbaren Energien haben diese Probleme alle nicht und sind deswegen die bessere Alternative." Deutschland sei auf dem absolut richtigen Weg.

Billiger Atomstrom oder gigantische Verluste?

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert hat auch global untersucht, ob Kernkraftwerke rentabel sind. Denn für die Verbraucher ist der Strom inzwischen teurer geworden. "Man macht enorme Verluste. Allein schon beim Betrieb dieser Kraftwerke. Wenn man dann noch die langen Zeiträume von Atommüll mit rein rechnen würde, sind die Verluste gigantisch."

Die Gesellschaft werde langfristig die exorbitanten Kosten tragen müssen, so Claudia Kemfert. "Auch der Bau, die Inbetriebnahme, der Rückbau ist defizitär und deswegen auch ökonomischer Wahnsinn." Nach der jüngsten Schätzung rechnet der Entsorger in Greifswald–Lubmin inzwischen mit 6,6 Milliarden Euro, die der Rückbau kosten soll. Vor zehn Jahren war man noch von rund der Hälfte ausgegangen.

Wie lange wird es noch dauern?

Eine weitere Frage: Wie lange wird das noch dauern? Das Innenministerium in Mecklenburg–Vorpommern antwortet auf die Anfrage von MDR exakt: "Die Entsorger visieren den Abschluss der Demontage– und Dekontaminierungsarbeiten in den Gebäuden des ehemaligen Kernkraftwerks in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre an" – im 21. Jahrhundert.

Die Sprecherin des Entsorgungswerkes rechnet mit ganz anderen Zeiten: "Ich gehe davon aus, dass hier bis Mitte der Sechziger Jahre zerlegt wird, gereinigt und ans Endlager abgeliefert wird", so Marlies Philipp. Erst dann könnten alle Einrichtungen des Rückbaus abgebaut werden.

Atommüll und kein Ende in Sicht?

Das wären noch 45 Jahre. Doch wirklich zu Ende wäre der Rückbau des AKW in Mecklenburg-Vorpommern auch dann noch nicht. Wenn alles wie geplant läuft, stünde der am stärksten verseuchte Atommüll in den 2060er Jahren dort in einem Zwischenlager. Ein Zwischenlager, das erst noch errichtet werden muss, weil sich die Sicherheitsanforderungen wegen neuer Gefahren, zum Beispiel terroristische Anschläge, verschärft haben.

Marlies Philipp vom Entsorgungswerk sagt: "Da gibt es auch ein neues, das jetzt in 20 Jahren gebaut wird. Dann werden die Castoren in dieses neue Lager umgelagert. Das wird noch eine ganze Weile stehen." Sie persönlich gehe vom Jahr 2080 aus. Nach einem richtigen Endlager – das für eine Million Jahre absolut sicher sein soll – wird derzeit immer noch gesucht.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | EXAKT | 14. Juli 2021 | 20:15 Uhr

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