Automobilindustire "Größte Herausforderung ist, zu überleben"

Der deutschen Automobilbranche stehen weiterhin schwere Zeiten bevor. Möglicherweise war 2019 vorerst das letzte gute Jahr. Zweistellige Zuwachsraten beim Gewinn und Rekordwerte beim Fahrzeugverkauf scheinen Vergangenheit. Doch auch schon vor Corona agierte die Automobilwirtschaft in schwierigen Verhältnissen. Besonders hart trifft es derzeit vor allem kleine und mittelgroße Automobilzulieferunternehmen. Eine Reihe von ihnen hat bereits Insolvenz angemeldet.

Wir haben den Geschäftsführer des Automotive Clusters Ostdeutschland ACOD, Dr. Jens Katzek, nach seiner Einschätzung zur aktuellen Lage in unserer Region gefragt.

Gebrauchte Autos stehen bei einem Autohandel zum Verkauf.
Der ACOD veranstaltet am 2. September im Leipziger Porschewerk eine große Konferenz zur Zukunft der Automobilwirtschaft in Ostdeutschland. Bildrechte: Colourbox.de

Herr Dr. Katzek, die Automobilbranche, auch hier in Ostdeutschland, ist in keiner guten Lage. Das war auch schon vor Corona so, und hat sich massiv verschärft. Insbesondere im Zulieferbereich gibt es Probleme. Unternehmen, die noch eine stabile Auftragslage haben, andere, deren Umsätze fast ganz zusammengebrochen sind. Wie stellt sich die Situation für Sie im Moment dar?

Dr. Katzek: Es gibt ja bereits die ersten, die glauben, die Krise sei vorbei, weil die aktuellen Zahlen in Deutschland und China sich nicht mehr so stark vom Vorjahr unterscheiden. Aber da macht man sich was vor.

Es stimmt - wenn man sich den EU-Raum anschaut, dann sank die Zahl der Pkw-Zulassungen im Juli nur um 2% im Vergleich zum Vorjahr. Wenn man sich aber den Gesamtzeitraum von Januar bis Juli anschaut, liegen wir bei einem Rückgang der Neuzulassung von 35%! Das sind wahrlich keine Zahlen, die uns in Euphorie versetzen können.

Auch der Blick über die Grenzen gibt ein ambivalentes Bild. Viele deutsche Firmen sind zum Beispiel in China aktiv. Dort stiegen die Julizahlen sogar um 8%. Aber auch hier gilt: Von Januar bis Juli wurden fast 20% weniger Autos verkauft. Das holen sie nicht mehr ein. In den USA und Japan liegen die Zahlen selbst im Juli 13 % unter dem Vorjahresniveau und in Brasilen sogar bei -30%.

Für das Gesamtjahr werden ja im Zulieferbereich durchaus Umsatzausfälle im mittleren zweistelligen Bereich befürchtet. Auch wenn die Pkw-Verkaufszahlen aus dem Juli Anlass zur Hoffnung gäben, sind durch die Corona-Krise in Europa 3,2 Mio. Fahrzeuge weniger produziert worden. Das entspricht einmal dem gesamten jährlichen, deutschen Automobilmarkt. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in den nächsten Monaten?

Die größte Herausforderung ist zunächst, schlicht und einfach zu überleben – und dann die Zukunftsthemen, die sowieso anstehen, anzupacken. Dazu gehört natürlich der Umbau hin zur Elektromobilität, die Nutzung der Digitalisierung, um flexibler produzieren zu können und die Qualifizierung der Mitarbeiter. Denn am Ende des Tages gilt: Deutschland muss ein international führender Standort der Automobilindustrie bleiben.

Inwiefern sehen Sie Auswirkungen für die Beschäftigten? Und kann da die Forderung der IG Metall nach einer 4-Tage-Woche helfen?

Viele Zulieferformen haben sich mit Kurzarbeit über die Runden gerettet. Gleichzeitig wurde das Insolvenzrecht teilweise ausgesetzt. Finanzierungsexperten sagen, dass sie Ende des Jahres mit deutlich mehr Firmeninsolvenzen rechnen – die natürlich auch mit Arbeitsplatzverlusten einhergehen. Wir brauchen uns doch nur die Entwicklung der Schätzungen anzuschauen, die die IG Metall veröffentlicht hat. Mitte Juni befürchtete man den Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen. Ende Juli stiegen die Schätzungen sogar auf 300.000.

Ich habe ich meinem Leben gelernt, dass es gut und richtig ist, in solch besonderen Situationen auch mal die bisherigen Wege zu verlassen. Fakt ist aber auch, dass die Betriebe mit den Kosten runter müssen, um die Verluste auszugleichen und die notwenigen Zukunftsinvestitionen tätigen zu müssen. Wie dies funktionieren soll, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger arbeiten aber (fast) dasselbe verdienen, ist mir zumindest noch unklar.

Die Automobilwirtschaft hat sich ja mit der Forderung nach Kaufprämien für Benziner nicht durchsetzen können. Wo sollte die Politik der Branche jenseits dieses Themas helfen?

Am 1. April befanden sich auf deutschen Straßen 280.000 elektrisch betriebene Autos. Das sind fast 70% mehr als im Vorjahr. Ein riesiger Erfolg! Aber jeder, der sich umschaut, wird gleichzeitig realisieren, dass wir derzeit noch 47 Millionen Autos mit Verbrennermotoren auf den Straßen haben. Insofern war die Einschränkung der Kaufprämie, die ja den Absatz der gesamten Wertschöpfungskette anregen sollte, aus meiner Sicht ein Fehler. Aber das ist eine Debatte der Vergangenheit und wir müssen jetzt nach vorne gucken.

Das heißt für die Branche, Elektroautos für den Verbraucher so attraktiv wie nur irgend möglich zu machen. Dazu ist absolut essentiell, Lademöglichkeiten dort aufzubauen, wo die Menschen parken; also zu Hause und vor allen Dingen auf der Arbeit. Die Förderung neuer Ladestrukturen durch die Bundesregierung muss sich endlich auf diese Bereiche konzentrieren!

Wenn ich mir überlege, wie viele Millionen von Arbeitsplätzen direkt und indirekt vom Automobil abhängen, wäre meine generelle Hoffnung: Bitte keine neuen Hindernisse und Regulierungen! Jeder von uns kennt es aus dem persönlichen Bereich. Irgendwann kann man einfach nicht noch einen Nackenschlag aushalten.

Das heißt z.B., keine Ausweitung des Verbotes von Werkverträgen und Zeitarbeit, wie es vor Kurzem noch diskutiert wurde. In der deutschen Automobilindustrie machen die Zulieferer 75 % der Wertschöpfung aus. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Herstellern mit externen Dienstleistern wird oft auch über Werk- oder Dienstverträge organisiert. Da geht es um die Lieferung von Produktteilen wie Reifen oder Autositzen, aber auch um Dienstleistungen wie Lagerlogistik oder spezialisierte Softwareentwicklungen.

Ihr Verband, der ACOD, veranstaltet am 2. September, also in wenigen Tagen, im Leipziger Porschewerk eine große Konferenz zur Zukunft der Automobilwirtschaft in Ostdeutschland. Die erste große Veranstaltung unter Pandemiebedingungen und strengen Regeln. Welche Themen werden im Mittelpunkt stehen?

Unser Ziel ist es, den Beteiligten in der Branche die Möglichkeit zu geben, sich endlich mal wieder persönlich und zu allen relevanten Innovationsthemen auszutauschen und voneinander zu lernen.

Das umfasst neue Entwicklungen im Bereich der Batterietechnik, der Logistik oder der flexiblen Produktion. Sehr gespannt bin ich auch auf die Diskussion zwischen dem sächsischen DGB-Vorsitzenden, dem Personalverantwortlichen von VW Sachsen und der Geschäftsführerin der Bundesagentur für Arbeit Sachsen über die Frage, was wir aus Corona für die Arbeit der Zukunft gelernt haben. Und natürlich sind wir sehr gespannt, wie sich Ministerpräsident Kretschmer in seiner Rede über die Zukunft der Automobilindustrie äußern wird.

- Das Interview mit Dr. Jens Katzek, dem Geschäftsführer des Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD), führte Wolfgang Brinkschulte. -

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 20. August 2020 | 19:30 Uhr

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