Demografie Bevölkerungsrückgang: Sachsen schrumpft weiter

Um 3,2 bis 6,5 Prozent (130.000 bis 250.000 Menschen) schrumpft die sächsische Bevölkerung in den nächsten 15 Jahren, so die Prognose des Statistischen Landesamts. Zwei Städte stechen da heraus: Dresden und Leipzig. Die beiden Großstädte sind die einzigen Orte, denen die Statistiker auch im Jahr 2035 noch Zuwachs voraussagen. Was tun schrumpfende Gemeinden, um den Rückgang zu bremsen?

210 Einwohner. Die wird Bürgermeister Conrad Seifert bis 2035 verlieren – sagt das statistische Landesamt Sachsen. Für eine Großstadt wäre das nicht weiter tragisch. Für Seiferts Gemeinde Hirschstein schon.

Jeder zehnte Einwohner wäre weg

In dem Örtchen im Landkreis Meißen leben knapp 2.000 Menschen. Jeder Zehnte wäre also weg. Conrad Seifert ist das genauso bewusst wie den meisten anderen Hirschsteinern.

Das zumindest ist das Ergebnis des Demografie-Fokus – ein Projekt, in dem vor allem die Menschen in zehn schrumpfenden Örtchen in Sachsen zu Wort gekommen sind. Seifert mach sich Sorgen, "dass Ältere wegsterben oder wegziehen und auch Jüngere nicht so schnell herziehen."

Soziologe: "Rosamunde-Pilcher-Effekt"

Darüber macht sich auch der Soziologe Professor Holger Lengfeld von der Uni Leipzig Gedanken. Seiner Ansicht nach müssten die ländlichen Regionen mehr für sich werben – und zwar nicht nur damit, dass es vor Ort Kitas und Arbeitsplätz gibt.

Er spricht von einem Rosamunde-Pilcher-Effekt: "Wir haben alle diese Vorstellung vom Landleben mit Bauergarten im eigenen Haus und Kindern, die im Garten spielen. Und der ländliche Raum könnte hier mit diesem Image – und er hat ja diese Schönheit – auch möglicherweise werben, um Städter anzuziehen."

 Bürgermeister: Idylle allein bringt nichts

Das hat sich der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Hirschstein auch schon überlegt. Denn schön ist es ja in Hirschstein. Schon von Weitem ist das Schloss zu sehen. Die mittelalterliche Burganlage thront auf einem 25 Meter hohen Felsen über der Elbe, die sich hier sanft durchs Land schlängelt.

Idylle hin oder her: "Ich habe hier ein Henne-Ei-Problem", sagt Seifert. "Wenn ich keine Immobilien oder Bauplätze habe, die ich anbieten kann, kann ich zwar für meinen Ort werben, aber kann tatsächlich eine Ansiedlung von Neubürgern schwer erreichen." Das starre Baurecht sei das Problem vieler ländlicher Gemeinden. Inzwischen sei das auf den höheren politischen Ebenen angekommen. Baurecht ist Sache des Bundes. Passiert ist bislang nichts. Doch Seifert bleibt optimistisch.

Infrastruktur ist enorm wichtig

Aber wollen junge Städter überhaupt aufs Land? Wir haben uns in Leipzig umgehört, ein klares "ja" gab es da nicht, dafür aber ein "jein" oder ein "vielleicht irgendwann mal." Ein Grund dafür ist die Infrastruktur. Das hat auch Brigitta Wend beobachtet. Die Landschaftsarchitektin hat das Projekt Demografie-Fokus als Moderatorin begleitet. Die Infrastruktur hält sie als Standortfaktor für enorm wichtig. "Entscheidend ist immer: Wie bin ich vernetzt – über den öffentlichen Personennahverkehr und über Internet."

Selbst wenn es die Gemeinden nicht schaffen, ihre Einwohnerzahlen zu halten und sich die Prognose der Statistiker bewahrheitet: Wäre das überhaupt so schlimm? Professor Lengfeld meint: "Also eigentlich nicht. Aber wie man mit diesem Phänomen umgeht, das heißt, vor allem wie unsere Institutionen und Einrichtungen darauf vorbereitet sind, inwiefern sie noch Leistungen erbringen können, das ist das eigentliche Problem."

Bürgermeister Conrad Seifert hätte dafür gern ein bisschen mehr Geld in der Gemeindekasse.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Juni 2020 | 08:24 Uhr

23 Kommentare

Leachim-21 vor 46 Wochen

@CrizzleMyNizzle: das Sie fragen ist gut die Antwort hätten Sie sich eigentlich selber geben können, wenn Sie mal nach gedacht hätten das A. und O. ist die Infrastruktur egal ob in der Stadt oder wie hier auf dem Land und dafür sind die Landesregierungen und der Bund verantwortlich das die Infrastruktur in einen ordentlichen Zustand ist und vorhanden ( Rahmenbedingungen nennet man das ) und es ist eine Schande das das Land als Pampa bezeichnen , denn in diese Pampa wie Sie sagen wird ihr Essen durch die Bauern hergestellt. und noch was wo habe ich was von Planwirtschaft geschrieben bitte unterstellen Sie mir nicht etwas was ich nicht gesagt oder geschrieben habe.

Bernd1951 vor 46 Wochen

Unabhängig davon, ob ich mich der Meinung von Frau Brosius-Gersdorf anschließe oder nicht, es bleibt für mich ihre persönliche Meinung zu dieser Sache. Ich bin zwar kein juristischer Experte, aber wenn das BVerfG das genauso sieht, dann kann es ja den Gesetzgeber zwingen, die betreffenden Gesetze entsprechend zu ändern. Ein Gericht (auch das BVerfG) wird meines Wissens nach erst tätig, wenn es durch die Staatsanwaltschaft oder einen anderen Kläger angerufen wird. Ich weiß nicht, ob es schon eine entsprechende Klage gibt. Wenn nicht, dann passiert m. E. auch nichts in dieser Sache. Höchstens der Gesetzgeber wird selber aktiv und ändert das selbst.

Erichs Rache vor 46 Wochen

@Bernd1951

Das BVerfG wartet nur darauf, das das Ehegattensplitting mit einer "sinnfördernden" Begründung abgeschafft wird.

"Statt konsequent die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, gibt der Staat Milliarden für das Ehegattensplitting aus. Alleinverdiener-Ehen werden dadurch privilegiert. Das ist verfassungswidrig und wirkt sozialpolitisch verheerend."

Vgl. Prof. Dr. iur. Frauke Brosius-Gersdorf, LL.M: “Kritik am Ehegattensplitting - Anstiftung zur Altersarmut", 2013

Vgl. Prof. Dr. iur. Frauke Brosius-Gersdorf, LL.M: “Demografischer Wandel und Familienförderung“, S. 2, ISBN 978-3-16-151285-8. 2011

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