Krise in Afghanistan 180 afghanische Ortskräfte nach Mitteldeutschland in Sicherheit gebracht

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Nach der Machtübernahme der Taliban versucht die Bundesregierung unter dramatischen Umständen Menschen aus Afghanistan zu retten. Sie will vor allem die sogenannten Ortskräfte in Sicherheit bringen – Afghanen also, die in den letzten 20 Jahren mit der Bundeswehr, dem Auswärtigen Amt oder anderen deutschen Behörden zusammengearbeitet haben. Rund 2.500 sollen es sein. 1.900 befinden sich schon in Deutschland, einige davon auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Transportflugzeuge vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe
Zwei Flugzeuge konnte die Bundeswehr bisher aus Afghanistan ausliegen, zwei weitere Evakuierungsflüge sind geplant. Bildrechte: dpa

Für einige Dutzend Afghanen ist Sachsen zu einem sicheren Hafen geworden: Sie haben am Hindukusch mit den Deutschen zusammengearbeitet, waren Dolmetscher, Köche oder Fahrer und mussten deshalb Racheakte der islamistischen Taliban fürchten. Sie und ihre Familien dürfe man nicht allein lassen, sagte Sachsens Innenminister Roland Wöller im Interview mit MDR AKTUELL: "Deshalb hat der Freistaat Sachsen insgesamt bereits 85 Ortskräfte und ihre Familienangehörigen in verschiedenen sächsischen Landkreisen und kreisfreien Städten aufgenommen. Weitere 27 Personen werden noch in Sachsen ankommen, sind jedoch noch nicht vor Ort. Wir unterstützen die Bundesregierung auf diesem Weg und erwarten weitere Zuweisungen von Ortskräften und ihren Familien durch den Bund."

Auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen sind einige afghanische Ortskräfte untergekommen. Das Innenministerium in Magdeburg teilte mit, dass seit Mitte Juni 38 eingereist seien. Der Bund habe dem Land bislang 61 Personen zugeteilt. Einige seien also noch auf dem Weg. Darüber hinaus bereite man sich auf noch mehr Menschen vor, erklärte das Ministerium. In Thüringen sind nach aktuellem Stand 60 Personen angekommen. Man erwarte insgesamt 150 Ortskräfte, sagte Oliver Will, Sprecher des Migrationsministeriums.

Bundesregierung will Identitäten prüfen

Doch angesichts der dramatischen Zustände in Afghanistan sei nicht klar, wann und wie viele tatsächlich einreisen. "Die Lage dort ist völlig unübersichtlich, das können wir von hier aus überhaupt nicht einschätzen. Wir haben allerdings entschieden, dass wir uns in einer moralischen Verpflichtung befinden, zunächst den Ortskräften zu helfen, die deutsche Organisationen im Land unterstützt haben."

Ursprünglich hatte der Bund vorgesehen, dass die Ortskräfte noch in Afghanistan Visa für die Einreise in Deutschland bekommen. Sie sollten selbständig einen Flug buchen und sich nach Ankunft bei der Polizei oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge melden.

Doch wegen der unübersichtlichen Lage in Kabul will die Bundesregierung die Identität der Personen nun nachträglich prüfen – und zwar nicht nur bei den bislang angedachten 2.500 Ortskräften.

Außenminister Heiko Maas erklärte: "Wir haben jetzt nach den dramatischen Entwicklungen der letzten Tage diesen Personenkreis nochmal erweitert, die Ortskräfte der Nichtregierungsorganisationen, Kulturvereine, Journalisten, Menschenrechtler, Frauenrechtlerinnen – diese werden in Deutschland nach Ankunft ein Visum erhalten, eine Aufenthaltsgenehmigung und auch eine Perspektive in Deutschland. Denn das sind Menschen, denen wir etwas schuldig sind."

Thüringen will nicht nur Ortskräften helfen

Thüringen will darüber hinaus auch denjenigen Afghanen Schutz bieten, die bereits Angehörige im Freistaat haben. Sie sollen unkompliziert nachkommen können. Dafür arbeitet die Regierung an einem speziellen Landesaufnahmeprogramm. Das fordert auch der Flüchtlingsrat in Sachsen-Anhalt. Dazu müsste aber auch der Bund seine Zustimmung geben.

Die Entwicklung in Afghanistan im Überblick:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2021 | 06:08 Uhr

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland