Debattenkultur "Cancel Culture" an deutschen Universitäten?

Wissenschaft und Forschung sind frei, so will es Artikel 5 des Grundgesetzes. Forscherinnen und Forscher warnen nun, dass diese Freiheit in Gefahr sei. Anfang Februar haben sie das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet. Sie beklagen ein einschüchterndes Klima für abweichende Positionen. Auffällig ist: Besonders viele Unterzeichnende kommen von den Universitäten Jena und Erfurt.

Hauptgebäude, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, Thüringen, Deutschland
Auch an der Uni Jena wird über "Cancel Culture" diskutiert. Bildrechte: imago/imagebroker

"Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda" skandierten Demonstrierende im Herbst 2019 in der Uni Hamburg. Der Grund: Bernd Lucke, Ex-AfD-Chef und Wirtschaftsprofessor, wollte wieder Vorlesungen halten. Die Demonstrierenden drangen in den Hörsaal ein. Die Veranstaltung wurde abgebrochen. Die Folgetermine fanden unter Polizeischutz statt.

Nun haben sich gut 140 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" zusammengeschlossen. In ihrem Aufruf heißt es: "Vielerorts ist an den Universitäten ein Klima entstanden, in dem abweichende Positionen und Meinungen an den Rand gedrängt und moralisch sanktioniert werden."

Debattenkultur an Universitäten gefährdet?

Immer wieder fällt das Reizwort "Cancel Culture". Der Jenaer Ethikprofessor Nikolaus Knoepffler übersetzt "Cancel Culture" mit Exkommunikation: "Exkommunikation bedeutet, dass man praktisch jemand vom Gespräch ausschließt, also nicht mehr mit ihm kommuniziert, nicht mehr mit ihm redet, nicht mehr mit ihm spricht."

Knoepffler ist am Aufruf beteiligt. Er findet: An Universitäten muss jeder zu allem sprechen dürfen. Die Grenze ist für ihn dann erreicht, wenn das Strafrecht es verbietet, zum Beispiel die Leugnung des Holocaust. Was Knoepffler meint zu beobachten: Zunehmenden Druck auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihrer Texte zu gendern, sich politisch korrekt zu verhalten. Was sich letztlich auch auf die Karrierechancen auswirke: "Wenn ein Antrag gestellt wird, wo nur Männer dabei sind, wird der Antrag sicherlich schwerer in der Begutachtung bewilligt werden, als ein Antrag, wo Frauen und Männer paritätisch vertreten sind."

Diskussion um 'Cancel Culture' "völlig überzogen"

Aber sind die Vorwürfe gerechtfertigt? Studien zufolge ist in Deutschland im weltweiten Vergleich die Freiheit von Forschung und Lehre mit am höchsten. Klaus Dörre ist ebenfalls Professor in Jena. Auch er registriert ein verändertes Klima: "Wenn wir beispielsweise in Vorlesungen Debatten haben – so bei einem Kollegen geschehen – ob wir das Buch von Huntington "Kampf der Kulturen" in einer Vorlesung besprechen können oder nicht, dann ist das ein Problem."

Prof. Dr. Klaus Dörre
Dörre ist Soziologe und lehrt an der Uni Jena. Bildrechte: Jan-Peter Kasper/FSU

Trotzdem hat er sich dagegen entschieden, dem "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" beizutreten. Er halte die Vorwürfe für "völlig überzogen". Unangenehme Diskussionen kämen vor – Professorinnen und Professoren hätten aber trotzdem alle Möglichkeiten, sich frei zu äußern. Zwar verurteilt auch er den Fall Lucke, das Netzwerk habe trotzdem eine "gewisse Schlagseite": Studierende, die sich über bestimmte Wörter empören, sind aus seiner Sicht derzeit nicht das Hauptproblem. Gefährlich seien Kreise, die "wissenschaftliche Erkenntnis gezielt untergraben, durch Verschwörungstheorien, und das in einer Radikalität, die sogar zum Sturm auf das Kapitol geführt haben. Ich glaube, dass das vom Netzwerk nicht klar genug artikuliert wird."

Keine Belege für "Cancel Culture" an Thüringer Universitäten

Was auffällt: Teil des Netzwerkes sind je fünf Professoren aus Jena und Erfurt. Sonst findet man kaum mitteldeutsche Wissenschaftler. Gibt es an Thüringer Universitäten besonders aufgeheizte Debatten? Auch gut einen Monat nach Gründung gibt das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" auf ihrer Homepage keine Auskunft über konkrete Beispiele von "Cancel Culture". Die Dokumentation befinde "sich noch im Aufbau" (Stand 26.02.2021).

Die Uni Erfurt teilt mit, man befände sich schnell im Bereich der Spekulation. Es gäbe keine Evaluationen oder ähnliches, die auf das vom Netzwerk beschrieben Klima hinwiesen. Redner von außerhalb würden aber sehr wohl für Kontroversen sorgen. Der bekannteste Fall liegt einige Jahre zurück: 2015 hatten Studierende einer Hochschulgruppe den AfD-Politiker Alexander Gauland eingeladen. Den obligatorischen, eigentlich kurzen Applaus ließ das Publikum einfach nicht abebben. Nach einer halben Stunde des Klatschens wurde die Veranstaltung abgebrochen.

Viele Unterzeichner aus Thüringen

Katja Bär ist Pressesprecherin der Universität Jena. Ihr sind keine Fälle von "Cancel Culture" an der Uni Jena bekannt. Die vielen Jenaer Unterzeichner erklärt sich Bär damit, dass im Netzwerk viele Philosophen, Ethiker und Historiker seien. "Und die Uni Jena ist gerade in diesen Fächer sehr vertreten. Das heißt, wir haben sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, für die eine freie Debattenkultur essenziell ist und die auch in Diskussionen über Political Correctness und "Cancel Culture" drin stecken. Ich kann mir daher vorstellen, dass deswegen noch mehr auf diese Liste draufgehen."

Für Schlagzeilen haben Fälle anderswo gesorgt. Etwa die Konferenz "Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" an der Universität Frankfurt im Jahr 2019. Aktivistinnen und Aktivisten warfen der verantwortlichen Professorin Susanne Schröter Rassismus vor. Es kam zu Protesten. Die Uni Frankfurt stärkte der Professorin daraufhin den Rücken. Das will auch die Uni Jena tun, wenn Forschende zukünftig kontroverse Themen aufgreifen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Februar 2021 | 12:11 Uhr

96 Kommentare

ralf meier vor 6 Wochen

Hallo Karl SChmidt, Der Unterschied ist ein ganz schlichter. Die Aufregung über das OMA Lied brachte für diejenigen, die diese Hetze zu verantworten hatten, keinerlei berufliche Nachteile mit sich. von den Opfern der politisch korrekten Cancel Culture kann man das nicht behaupten

Sonnenseite vor 6 Wochen

""Cancel Culture" an deutschen Universitäten?"

Auch hier im Forum!

Was die Antifa nicht kennt, wird niedergeprügelt, stimmts wessi?

"In den Jahren 2016 und 2017 gab es „Volksverpetzer“ als Kolumne bei den österreichischen Faktenchecker*nnen von „Mimikama“. Seit Anfang 2018 sind wir wieder eigenständig und es gibt uns in unserer jetzigen Form. Seit Juni 2019 ist unser Blog zum „Volksverpetzer VVP gUG“ geworden, mit Sitz in Augsburg."

Quelle: Volksverpetzer

Tacitus vor 6 Wochen

Gestern wurde in der Sendung ttt in der ARD ein interessantes Buch zum Thema vorgestellt mit dem Titel "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" von Bernd Stegemann. einem sehr prominenten Theatermann, Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie. Darin werden die Cancel Culture Stitstürme als eine Art "propagandistische Totalverblödung" bezeichnet- sehr treffend, wie ich finde.

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