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Die neue Bundesregierung wird sich wie die alte zunächst hauptsächlich mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie beschäftigen müssen, meint Tim Herden. Bildrechte: MDR/IMAGO

JahresrückblickIm Griff der Corona-Pandemie

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Stand: 23. Dezember 2021, 10:05 Uhr

Mit den neuen Impfstoffen und einer Impfung für alle sollte 2021 die Pandemie besiegt werden. Doch erst fehlte der Impfstoff, dann die Impfwilligen. Die Politik wurde immer wieder von neuen Infektionswellen überrascht und versuchte mit Schutzmaßnahmen und Kontaktbeschränkungen die Corona-Krise einzudämmen. Ende 2021 sind die Infektionszahlen höher als vor einem Jahr und mit der neuen Mutante Omikron steht die fünfte Welle bevor.

2021 endet, wie es begann: "Corona" bestimmt unseren Alltag. Immer wieder Kontaktbeschränkungen, Einschränkungen für Handel, Tourismus, Sport und Kultur. Wir haben neue Abkürzungen gelernt: 2G, 3G, 2G+. Und auch neue Worte – wie "boostern".

Die Infektionszahlen schwanken übers Jahr ähnlich einer Fieberkurve. Nach einem steilen Anstieg auf über 20.000 neue Fälle pro Tag im letzten Winter fällt das zweite Mal Ostern aus. Durch die Bundesnotbremse sinken bis zum Frühsommer die täglichen Neuinfektionen deutlich unter 1.000. Dann aber im Herbst treibt die Deltavariante die Zahlen in bisher unbekannte Höhen. Am 26. November markieren 76.414 Neuinfektionen einen neuen Rekord. Allerdings gibt es zum Vorjahr eigentlich einen großen Unterschied: Wir haben Impfstoffe gegen Corona.

Erst zu wenig Impfstoff, dann zu viele Impfverweigerer

Seit Ende Dezember 2020 werden die Corona-Impfstoffe eingesetzt. Zunächst in Pflegeheimen. Gleichzeitig werden in den Impfzentren die älteren Mitbürger geimpft. Immer wieder gibt es Aufregung über Impfdrängler. Am Ende des Jahres kein Thema mehr. Da redet man vor allem über Impfverweigerer.

Große Nachfrage: Ein Impfzentrum in Erfurt im Frühjahr 2021. Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Die Vakzine von Biontech und Moderna sind als mRNA-Impfstoffe ein neuer Impfstofftyp neben den Vektorimpfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson. Der erste Einbruch kommt wenige Wochen nach Beginn der Impfkampagne. Der Vektorimpfstoff AstraZeneca kann zu tödlichen Thrombosen führen. Das Bundesgesundheitsministerium stoppt die Impfungen mit diesem Vakzin. Hier und da klemmt es bei der Belieferung der Impfzentren, auch weil die EU zu lange mit der Bestellung gewartet hatte, um billigere Preise rauszuschlagen. Um die Situation zu entspannen, dürfen ab Frühjahr auch die Hausärzte impfen.

Während viele Unternehmer, Gastronomen, Kulturschaffende in der Pandemie um ihre Existenz kämpfen, machen Bundestagsabgeordnete aus dem Mangel an medizinischer Schutzkleidung ein Geschäftsmodell. Bei der Beschaffung von Masken verdienen sie zum Teil Millionen-Provisionen und wollen nach Aufdeckung ihrer gewinnträchtigen Aktivitäten das Unrecht nicht einsehen. Oft zu spät ziehen sie die Konsequenzen und geben ihre Mandate zurück.

Kurzer Sommer der Hoffnung

Der Sommer bringt ein Aufatmen und die trügerische Hoffnung, die Pandemie könnte überstanden sein, dank der Impfung. In Sachsen wird im Einzelhandel voreilig die Maskenpflicht aufgehoben. Damit will man die erhitzten Gemüter der Corona-Leugner vor allem in den AfD-Hochburgen beruhigen. Dort haben viele allerdings bereits von sich aus Maskenpflicht und Abstandsgebot abgeschafft. Außerdem hält man dort nicht viel von der Impfung. Zur Freude des Coronavirus, Typ Delta. Er breitet sich ab Spätsommer rasant aus.

Im Sommer ist mit Kontaktverfolgung vieles möglich. Bildrechte: dpa

Durch die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und den Bundestagswahlkampf baut sich die vierte Corona-Welle fast unbemerkt auf. Schlechte Nachrichten sind nichts für Wahlkämpfer. Obwohl die Inzidenzzahlen im Frühherbst schon längst rekordverdächtig sind, besonders in den südlichen Bundesländern Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg, überlegt der scheidende Gesundheitsminister, Jens Spahn, die epidemische Lage zu beenden.

Die neuen Ampel-Koalitionäre agieren nicht besser. Getrieben von der FDP wollen sie mit einer Neufassung des Infektionsschutzgesetzes den Ländern wesentliche Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung wie Schließung von Einzelhandel, Gastronomie und Sportstätten untersagen. Während sich die Intensivstationen mit neuen Corona-Patienten füllen, sinkt weiter die Impfbereitschaft. Nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Geimpfte erkranken an der Virusvariante, weil der Impfschutz nachlässt.

Booster-Impfungen: Scheitern mit Ansage

Schon zu Beginn der Impfkampagne war klar gewesen, dass sich nach sechs Monaten die Wirkung der Vakzine abschwächt und trotz Impfung Infektionen und Erkrankungen, zumeist ohne schweren Verlauf, möglich sind. Die Ständige Impfkommission empfiehlt jedenfalls zu spät, mit einer dritten Impfung den Impfschutz zu erneuern. Auch die Politik denkt im Spätsommer, einmalig mit zwei Impfungen Corona Herr geworden zu sein. Sie lässt die Impfzentren abbauen und überträgt allein den Hausärzten das Impfgeschäft. Die sind schnell überfordert, als viele eine dritte Impfung oder neudeutsch, sich boostern lassen wollen. Die deutsche Corona-Politik fährt im November also erneut mit Ansage in eine Sackgasse.

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Immer wieder appellieren Politiker an die Bevölkerung, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Dass das in der Praxis nicht so einfach ist, ignorieren sie. Denn dann müssten sie die Schuld bei sich selbst suchen.

Mit neuen Regeln – Kneipenbesuch oder Shopping nur für Genesene und Geimpfte, kurz 2G, zur Arbeit nur mit 3G, also geimpft, genesen oder täglich getestet – wächst der Frust in der Bevölkerung. Die Ungeimpften werden von der Politik zum Sündenbock gemacht. Dabei hat sie es selbst versäumt, die Menschen vom Sinn der Impfung zu überzeugen. Es fehlen Beratungsangebote, Werbespots in den Medien und niedrigschwellige Impfmöglichkeiten.

Debatten um Impfung spalten Gesellschaft

Umgekehrt sind die Geimpften immer mehr vom Starrsinn der Impfverweigerer genervt und wollen nicht weiter auf ihre Freiheit verzichten. Das deutsche Corona-Management ist ein Lehrbeispiel für die Spaltung einer Gesellschaft. Besonders rechtsextreme Gruppen und die AfD versuchen daraus Kapital zu schlagen. Sie organisieren trotz Einschränkungen des Demonstrationsrechts Protestaktionen gegen die Corona-Maßnahmen und rufen zum Impfboykott auf. Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, besonders in Sachsen und Thüringen.

Mancher Extremist träumt vom Umsturz. Es gibt Morddrohungen gegen den sächsischen Ministerpräsidenten. In Nazi-Manier marschieren rechte Aktivisten vor Häusern von Politikerinnen auf. Wie real die Gefahr ist, zeigt der Mord eines Maskenverweigerers an einem Tankstellenangestellten in Idar-Oberstein bereits im September. Der junge Mann hat den Täter nur aufgefordert, eine Maske zu tragen.

Protest gegen die Corona-Politik im sächsischen Freiberg. Bildrechte: XcitePress

Im Dezember versucht es die neue Ampel-Regierung im zweiten Anlauf besser zu machen. Das Infektionsschutzgesetz wird wieder verschärft. Die Länder können in Hochinzidenzgebieten mit schärferen Kontaktbeschränkungen die Pandemie bekämpfen. Der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigt eine konsequentere und einheitlichere Corona-Politik an. Beraten soll ihn ein Gremium von Experten, die durchaus unterschiedliche Ansichten über den besten Weg aus der Krise haben. Impfungen werden für das Pflegepersonal in Altenheimen, Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen Pflicht. Zu Beginn des neuen Jahres nun soll der Bundestag über eine allgemeine Impfpflicht entscheiden.  

Schlechte politische Bilanz für 2021

Trotzdem steht am Ende des zweiten Coronajahres eine fatale Bilanz: Die Menschen sind müde und genervt von der Pandemie, die Gesellschaft gespalten. Die Politik fährt in der Pandemie nach zwei Jahren meist immer noch auf Sicht.

Das Coronavirus interessiert das wenig. Es mutierte zu einer weiteren Variante. Omikron droht, eine neue und vielleicht noch heftigere fünfte Welle aufzubauen, und wird weitere tausende Opfer fordern. So beginnt 2022 wie 2021 – mit Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen für Handel, Tourismus, Sport und Kultur.           

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 31. Dezember 2021 | 00:00 Uhr